Würzburg

Neuer Zugang zur traditionellen Frömmigkeit

Sieben Eckdaten für die Neuevangelisierung, die das Pontifikat Johannes Pauls II. auf den Punkt bringen.

Johannes Paul II. im Senegal
"Neuevangelisierung" stellte ein Kernanliegen seines Pontifikats dar. Sieben Eckdaten markieren seine Bemühungen um eine Neuevangelisierung: Foto: cns

Vor vierzig Jahren verabschiedeten die Katholiken in Westdeutschland Papst Johannes Paul II. nach einem historischen Pastoralbesuch. Wenige Jahre später sollte die Berliner Mauer fallen. Der Papst appellierte stets an das Gewissen der Menschen. Eine solche „Herzensumgestaltung“ war dem Heiligen ein Anliegen vor allem in Form der sogenannten Neuevangelisierung, die er als angemessene Antwort auf die Weltkrise begriffen hat. Den Begriff der Neuevangelisierung nannte er zum ersten Mal beim VI. Symposium europäischer Bischöfe am 10. November 1985. Er stellte ein Kernanliegen seines Pontifikats dar. Sieben Eckdaten markieren seine Bemühungen um eine Neuevangelisierung:

1. Gottesbeziehung

Die Getauften brauchen wieder eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus sowie eine umfassende Bekehrungserfahrung. Insbesondere die Sakramente der Beichte und der Eucharistie sowie die eucharistische Anbetung müssen als Oasen der Gnade wiederentdeckt, die Sonntagsmesse wieder zum „Herz des Sonntags“ werden, wie Johannes Paul II. in seinem Schreiben zum Abschluss des Heiligen Jahres formuliert. Dort sagt er auch, dass wenn die Gesellschaft wieder ein Sündenbewusstsein zurückgewinnen will, der Beichtstuhl wieder zum Ort der Versöhnung mit Gott werden muss. In seiner Eucharistie-Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“ von 2003 schreibt er gleich zu Anfang: „Die Kirche lebt von der Eucharistie.“ Neuevangelisierung nährt sich immerzu aus dem allerheiligsten Sakrament.

2. Heilige Schrift

Wenn wir Gott wieder sprechen lassen möchten, muss die Heilige Schrift wieder gelesen werden, und zwar als Begegnungsort mit ihm. Sie bezeugt darüber hinaus die besten „Strategien“, mit denen damals die Menschen zu Jesus fanden. Das Kennenlernen Gottes durch die Schrift war dem Heiligen so wichtig, dass er das Dokument „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ beauftragte. Den Gläubigen sollte so ein notwendiges Handwerkszeug mitgegeben werden, eine Bibelhermeneutik, um die Hl. Schrift als Offenbarung Gottes heutzutage zu begreifen.

3. Katechismus

Viele Getaufte wenden sich ab aufgrund von Missverständnissen gegenüber ihrer eigenen Kirche. Mit der regelmäßigen Lesung des Katechismus der Katholischen Kirche kann diesem mangelnden Wissen über den eigenen Glauben entgegengewirkt werden. Johannes Paul II. beauftragte 1986 eine Kommission mit der Abfassung des KKK, der 1992 approbiert worden ist. Die regelmäßige Lektüre des Katechismus ermöglicht ein Kennenlernen der kirchlichen Lehre, wie sie die Heiligen Schrift, die Überlieferung und das Lehramt bilden.

4. Gebet

Die Gläubigen müssen von neuem eine Gebetspraxis lernen. Dafür müssen Gemeinden wieder „echte Schulen des Gebets“ darstellen, so Johannes Paul II. in „Novo millennio ineunte“ zum Abschluss des Heiligen Jahres. Ein neuer Zugang zu alten Frömmigkeitsformen, vor allem zum Rosenkranz, kommt einer Wiederentdeckung kostbarer Schätze gleich: Gerade der Rosenkranz ist für den Heiligen ein Weg direkt in das Herz des christlichen Lebens hinein, wie er in dem Apostolischen Schreiben „Rosarium virginis mariae“ betrachtet. Und damit die Gläubigen das Leben Jesu noch besser betrachten können, erweiterte er das Rosenkranzgebet 2002 um die lichtreichen Geheimnisse. Johannes Paul wird bis heute als Papst der Barmherzigkeit bezeichnet. Er verehrte die heilige Schwester Faustyna und den Barmherzigen Jesus sehr. Neuevangelisierung bedeutete für ihn auch, sich der Barmherzigkeit Gottes ganz anzuvertrauen. Aus diesem Grund führte er im Jahr 2000 den Barmherzigkeitssonntag ein, ganz nach dem Wunsch Jesu, den er an die heilige Schwester Faustyna gerichtet hat.

5. Durch Maria zu Jesus

Wenn Neuevangelisierung eine neue Innigkeit mit Jesus Christus bedeutet, dann wird dies vor allem „durch Maria zu Jesus“ gewährleistet. Eine persönliche Beziehung zur Gottesmutter ist für den Heiligen der Garant für eine erneuerte Kirche. Diese muss sich ihrem unbefleckten Herzen weihen, wie es Johannes Paul II. mehrfach getan hat: Am 13. Mai 1982 in Fatima, als er der Gottesmutter für seine Genesung nach dem Attentat dankte, am 25. März 1984 in Rom anlässlich 130 Jahre Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis und am 8. Oktober 2000 in Rom anlässlich der Heiligjahrfeier. Er hat sich bei seinen Weltweihen auf die Akte des Papstes Pius XII. berufen, der 1942 und 1952 die Welt der Gottesmutter geweiht hatte. Mit ihrem mütterlichen Segen kann Neuevangelisierung gelingen. Das hat der Heilige stets kommuniziert und selbst ein inniges Verhältnis zur Gottesmutter gehabt. Sein Wahlspruch lautete „Totus Tuus“.

6. Berufungen fördern

Die Familie muss als primärer Ort der Evangelisierung wirksam werden, denn ihr kommt eine wesentliche Rolle bei der Glaubensweitergabe zu. Familien müssen sich wieder bewusst als Hauskirche verstehen und deshalb widmete er in vielen Jahren die Ansprachen der Mittwochsaudienzen der „Theologie des Leibes“, damit Berufungen zu einer guten Ehe wachsen würden und die Schönheit der katholischen Lehre im Bereich von Partnerschaft und Sexualität verbreitet werde. Auch die Einrichtung des Instituts „Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie“ 1981 zeigt seinen unermüdlichen Einsatz für die katholische Familie.

Auch die geistlichen Berufungen müssen gefördert werden, wie er in seinem Schreiben zum Abschluss des Heiligen Jahres zum Ausdruck bringt. So war dem Heiligen ein großes Anliegen, das Weihesakrament gegenüber den zeitgeistlichen Forderungen nach einer Abschaffung des Zölibats und einer Öffnung für die Frauen zu verteidigen. Sein apostolisches Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ ist von lehramtlicher Verbindlichkeit.

7. Jugend

Die Jugend nimmt eine aktive Rolle bei der Evangelisierung ein. Für Johannes Paul II. ist sie „die Hoffnung der Kirche“. Sie muss ernst genommen und gefördert werden. Dafür müssen wieder fruchtbare Mittel gefunden werden, ihnen zur Glaubensstärkung zu verhelfen. So rief der Papst den Weltjugendtag ins Leben, der 1984 in Rom zum ersten Mal stattfand. Er hat mit seiner Art sehr viele junge Menschen berührt und aus den Weltjugendtagen sind viele Berufungen hervorgegangen. Auch weitere Initiativen entwickelten sich dank der Weltjugendtage, in Deutschland beispielsweise Nightfever, das mittlerweile in vielen Ländern stattfindet.

Das Werk Johannes Pauls II. ist ein großes Vermächtnis, dessen Fortführung in heutiger Zeit dringender denn je ist. Bei den kirchenpolitischen Versuchen und Diagnosestellungen der gegenwärtigen Krise muss der Blick wieder auf den Weg der Neuevangelisierung zurückgelenkt werden, der ein Weg zurück in die Mitte ist, ein Weg zurück zu Christus.

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