Regensburg

Mit Güte ins wahre Leben

Eine Würdigung anlässlich des Todes von Georg Ratzinger.

Georg Ratzinger: Eine Würdigung anlässlich seines Todes
Der Apostolische Protonotar Georg Ratzinger verstarb am 1. Juli 2020. Foto: Martin Lohmann

Er wurde stets zusammen mit seinem Bruder erwähnt, spätestens, seitdem „sein“ Joseph 2005 zum Petrusnachfolger gewählt worden war und der Weltkirche vorstand. 
Doch Georg Ratzinger, der einstige Domkapellmeister und Chef der Regensburger Domspatzen, war stets weit mehr als eben „nur“ der Bruder. Er war nicht zuletzt für Joseph „der“ Anker in der Heimat. Wer die beiden Brüder gemeinsam erleben durfte, wurde Augen- und Ohrenzeuge einer von treuer Liebe getragenen Begegnung auf Augenhöhe. Der geniale Musiker und der geniale Theologe, beide am selben Tag zum Priester geweiht, waren nicht zuletzt auch im Miteinander vorbildlich und faszinierend. Man wusste: Wer auch immer früher den Weg ins himmlische Vaterhaus antreten würde, nimmt ein Stück des anderen Bruders mit und macht dessen irdisches Leben ärmer. 

Heimgegangen im gesegneten Alter

Im gesegneten Alter von 96 Jahren ist nun Georg Ratzinger als erster der beiden weltbekannten Brüder „gegangen“. Viele, die ihm begegneten, erlebten ihn als einen Quell der Güte, der Herzlichkeit, der Konsequenz und auch der Disziplin. Wer Georg Ratzinger verstehen will, muss in seine Familie und deren katholische Prägung und den dort unprätentiös gelebten katholischen Glauben hineinleuchten. In nicht mehr ganz jungen Jahren heirateten 1920 der Vater (43), ein Gendarm, und die Mutter (36), eine Köchin. Die Eltern tragen „zufällig“ die Namen Joseph und Maria. 

1921 erblickte in Pleiskirchen bei Altötting Tochter Maria das Licht der Welt, 1924 Sohn Georg, und 1927 der Jüngste, Joseph, der wegen der neuen Stelle des Vaters als Gendarmeriekommandant in Marktl am Inn geboren wurde. Der Marienwallfahrtsort Altötting wurde allen zu einem besonders dichten Ort geistiger Heimat. Georg beschreibt später, dass die Wallfahrt zur berühmten Schwarzen Madonna „zu unseren schönsten Kindheitserinnerungen“ gehörte. 

Er war ein Mann der Disziplin,
aber auch ein Mensch der Herzlichkeit. 

Ein strenger Vater und eine herzliche Mutter

Eine strenger Vater und eine überaus herzliche Mutter, die gerne Marienlieder bei der Hausarbeit sang, verbanden sich bei Georg zu einer einzigartigen Symbiose. Er erinnerte sich: „Es waren zwei recht unterschiedliche Temperamente und Charaktere, die sich aber durch ihre Verschiedenheit sehr gut ergänzt haben.“ Vom späteren Domkapellmeister wird berichtet, er habe ebenfalls beides in sich ergänzt. Er war ein Mann der Disziplin, aber auch ein Mensch der Herzlichkeit. 

Die im Glauben gelebte und erfahrene Gewissheit der Liebe des Schöpfers und der respektvollen Freundschaft mit dem Gottessohn sowie das selbstverständliche Vorbild der Eltern werden einen nicht unmaßgeblichen Anteil daran haben, dass Georg - wie sein Bruder Joseph, die beide 1951 von Michael Kardinal Faulhaber geweiht wurden - den Ruf in den priesterlichen Dienst hörten und annahmen. Auch für Georg blieb der Tag der Priesterweihe zeitlebens etwas ganz Besonderes - und ein lebendiger Grund zur Dankbarkeit bis ins hohe Alter hinein. Sie sei sogar noch gewachsen, gestand Georg Ratzinger in einem Gespräch zum 60. Jahrestag der Priesterweihe. 

Priestertum als Ziel seit Kindertagen

Georg hat sein in Kindertagen entdecktes Ziel niemals aus en Augen verloren: „Ich bin dem lieben Gott von Herzen dankbar, dass er mir die Kraft dazu gegeben hat, diesen Weg ohne jedes Wenn und Aber durchzuziehen.“ Man spüre „einfach die Führung und die Fügung“ und könne nur von Herzen ausrufen: Deo gratias! Georg machte zudem seine früh erspürte Liebe zur Musik, woran wohl die Mutter einen großen Anteil hatte, zur Profession, so sehr und selbstverständlich begeistert, dass er alles als Seelsorge verstand. Er wollte gerade auch durch die Musik den „Menschen etwas von der Größe Gottes vermitteln“. Feierliche Gottesdienste ließen ihn aufleben, da schien seine Seele besonders zu schwingen. Musik sei ohnehin das subtilere Gebet, weil das gesungene und musizierte Gottlob den Menschen ganzheitlich packe und ihm eine neue Dimension verleihe, die das gesprochene, gedachte oder meditierte Gebet in dem Maß nicht erreichen könne. Gute Musik sei ein Weg zu Gott.

Die Wahl des Bruders zum Papst
passte so gar nicht in die Lebensplanung
der beiden Ratzingers.

Die Ära Ratzinger bei den Domspatzen

Es begann eine Ära, als Georg Ratzinger im Februar 1964 das Amt des Domkapellmeisters am Regensburger Dom und als Leiter der Regensburger Domspatzen antrat. Er forderte und förderte. Viel. Sehr viel. Sein musikalisches Talent und sein Eifer auch als Komponist vermehrten den Ruhm der Domspatzen weltweit. Reisen in ganze Welt mit anspruchsvollen Konzerten und einer breiten musikalischen Vielfalt machten die Domspatzen und ihren Meister weltbekannt. 

Die Wahl des Bruders zum Papst passte so gar nicht in die Lebensplanung der beiden Ratzingers. Doch sie fanden einen Weg des steten Austausches, durch tägliche Telefonate und jährlich mehrfache längere Besuche von Georg in Rom. Diese Einheit der beiden ist nun aus irdischer Sicht erst einmal unterbrochen. Die physische Nähe des Papa emeritus, den Georg nie anders als Joseph ansprach und der trotz eigener Altersgebrechen eigens nach Regensburg gekommen war, tat Georg mehr als gut. So konnte er in besonderer Weise in Frieden gehen.

Der Weg des Lebens endet im Licht

„Das eigentliche Problem, vor dem wir heute stehen, ist die Blindheit der Vernunft für die ganze Dimension der Wirklichkeit“, sagte der fast vollständig erblindete und mit den Augen des Herzens sichtstarke Georg Ratzinger anlässlich des Papstbesuches 2006 in Bayern. Jetzt, nachdem er die irdische Dimension seiner Lebenswirklichkeit mit dem Beistand des ihm so wichtigen und geliebten Bruders in der bayerischen Heimat zurückgegeben hat in die himmlische Heimat der Berufung, holt ihn eine damals ebenfalls formulierte Erkenntnis sicher musikalisch wie seelsorglich ein: „Der irdische Weg des Lebens endet nicht im Nichts. Er führt ins Licht. Er führt ins Leben.“ Auch da sind sich die Brüder wieder einig.

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