Rom/Eichstätt

Missbrauchsskandal im Apostolischen Palast?

Das Bistum Eichstätt versucht zu ermitteln, ob es bei homosexuellen Umtrieben im Vatikan um ein kriminelles Vergehen ging. Die Ingolstädter Staatsanwalt ermittelt auch, eröffnet jedoch seit anderthalb Jahren kein rechtliches Verfahren. Doch was bezweckt die BILD-Zeitung mit ihrer Kampagne?

Missbrauchsskandal im Apostolischen Palast?
Es stellt sich die Frage, warum niemand in Rom den Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke gewarnt hat, als er den deutschen Prälaten aus den vatikanischen Diensten in sein Bistum übernahm. Foto: Michael Kappeler (dpa)

Vom Tiber an die Altmühl: In Eichstätt hat am Montag eine erste Anhörung wegen der im Februar 2019 aufgekommenen Vorwürfe gegen einen Diözesanpriester und Prälaten des Bistums stattgefunden, bei denen es um sexuelle Nötigung geht, zu der es allerdings im fernen Rom, genauer im vatikanischen Staatssekretariat, gegen einen ihm unterstellten Mitarbeiter der Kurie gekommen sein soll. Es handelt sich um eine sogenannte kanonische Voruntersuchung, deren Sinn es ist, wie die Pressestelle des Bistums dieser Zeitung mitteilte, „erhobene Vorwürfe auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, um danach zu entscheiden, ob ein Verfahren eröffnet wird“. Zum aktuellen Stand dieser laufenden Voruntersuchung, so das Bistum weiter, „können und dürfen wir analog zu weltlichen Vorermittlungsverfahren keine öffentliche Auskunft geben“. 

Ganz anders der Münchener Strafrechtler Alexander Stevens, der zusammen mit der römische Kirchenrechtsanwältin Laura Sgrò die rechtliche Vertretung des mutmaßlichen Opfers übernommen hat und eigens in die Altmühlstadt gereist war, um nicht nur an der Anhörung teilzunehmen, sondern auch mit Medienvertretern zu sprechen und Hintergründe auszuplaudern. Sein Mandant, ebenfalls ein deutscher Priester, habe Anklage gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten im Staatssekretariat erhoben, weil dieser ihn sexuell bedrängt und genötigt haben soll. 

Zweiter Priester belastet Prälaten schwer

Ein Trumpf in der Hand von Anwalt Stevens: Seit November 2019 liegt eine eidesstattliche Erklärung eines weiteren Priesters vor, der in dem fraglichen Zeitraum – es geht ungefähr um die Jahre 2000 bis 2006 – ebenfalls im Staatssekretariat gearbeitet hat und mit dem Beschuldigten im gleichen Palazzo wohnte. Mehrfach, so heißt es in der eidesstattlichen Erklärung, die der „Tagespost“ vorliegt, habe ihn der deutsche Prälat zu sexuellen Handlungen gezwungen. Der Unterzeichner der Erklärung ist heute kein Priester mehr und hat den Dienst im Staatssekretariat schon vor langer Zeit verlassen. 

Doch auch die Gegenseite war am Montag in Eichstätt anwesend. Vor der etwa fünfstündigen Anhörung, in der das vermeintliche Opfer vor einem vom Bistum bestellten Ermittler ausführlich zu Wort kommen konnte, hatte Anwalt Stevens eine kleine Gruppe von nicht einmal zehn Medienvertretern zusammenbringen können, denen sich dann aber auch die Anwältin Nicole Lehmbruck des beschuldigten Eichstätter Prälaten präsentierte und eine schriftliche Klarstellung kreisen ließ. Doch auch Lehmbruck hat einen Trumpf in der Hand. Abgesehen davon, dass sie die Unschuld ihres Mandanten beteuert, kann sie darauf verweisen, dass gegen den Beschuldigten bisher kein Ermittlungsverfahren geführt wird. Die Anwältin wörtlich: „Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt führt lediglich ein Vorermittlungsverfahren. Auch nach inzwischen bald eineinhalb Jahren Ermittlungstätigkeit mit zahlreichen Zeugenvernehmungen hat die Staatsanwaltschaft bis heute noch nicht einmal einen Anfangsverdacht in Bezug auf unseren Mandanten festgestellt.“ Diese Tatsache sei auch Rechtsanwalt Stevens bekannt, so Lehmbruck. „Dennoch initiierte er eine öffentliche Kampagne, die einer medialen Hexenjagd gleicht.“

Was bezweckt die BILD-Zeitung?

Doch die eigentliche Kampagne betreibt nicht Anwalt Stevens, sondern die BILD-Zeitung. Schon seit geraumer Zeit lenkt das Blatt den Verdacht, wer die eigentlichen schwarzen Schafe sind, in eine ganz bestimmte Richtung. Im Oktober vergangenen Jahres vermeldete das Boulevardblatt in großer Aufmachung: „Schwere Vorwürfe gegen den deutschen Papst. Hat Papst Benedikt Sextäter im Vatikan gedeckt?“ Anwalt Stevens schlägt nur in die gleiche Kerbe. Vor der Anhörung am Montag in Eichstätt ließ er in einer breit gestreuten Presseerklärung wissen: „Angesichts der Tatsache, dass es sich bei dem mutmaßlichen Opfer um einen Priester aus dem engsten Kreis Papst Benedikts handelt (mein Mandant hat immer wieder auf Bitten des Privatsekretärs Georg Gänswein Papst Benedikt  XVI. bei der Zelebration der heiligen Messe in seiner Privatkapelle geholfen), sowie des Umstandes, dass eine Vielzahl der sexuellen Übergriffe im Apostolischen Palast stattfanden, wo der Papst und sein Kardinalstaatssekretär wohnen, dürfte das Verfahren in Eichstätt von erheblicher Brisanz sein.“ 

Die gelegentliche Assistenz des vermeintlichen Opfers bei der Messe des deutschen Papstes kann natürlich kein Grund für Benedikt und seinen Privatsekretär Gänswein sein, den später beschuldigten Kleriker gedeckt zu haben. Etwas dürftig klingt es deshalb, wenn Stevens am Ende seiner Pressemitteilung als möglichen Grund für das Vertuschen angibt, es stehe immerhin „im Raum – so die BILD –, dass der Prälat dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger zum Papstamt verholfen habe“. Wie das geschehen soll, dass ein Vatikanprälat, der in der Kurie keine herausragende Position eingenommen hat, für das Konklave von 2005 wahlentscheidend war, müssen BILD und Stevens dem Publikum noch erklären. 
Tatsache ist, dass der Prälat damals den römischen Korrespondenten der Tageszeitung „Die Welt“ auf ein Treffen des Clubs von St. Gallen in der Villa Nazareth kurz vor dem Konklave aufmerksam gemacht hat, wo ein Gegenkandidat zu Kardinal Ratzinger aufgebaut werden sollte. Der Korrespondent schrieb, Kardinal Joachim Meisner las – und informierte einige Kardinalskollegen. Dass ausgerechnet damit die Würfel für Ratzinger gefallen waren, ist vatikanische Legende.

Keine Legende ist, dass viele in der Kurie von den homosexuellen Neigungen des deutschen Prälaten wussten. Wenn der Ex-Nuntius Carlo Maria Viganò sein entsprechendes Wissen von damals, das er in seiner Zeit als Delegat für die Päpstlichen Vertretungen im Staatssekretariat von 1998 bis 2009 sammeln konnte, erst jetzt dem Online-Dienst „LifeSiteNews“ zugänglich macht – und vorher schon BILD –, kann man nur fragen, warum die Personalverantwortlichen im Vatikan nicht schon damals, zur Zeit der heute verhandelten Taten, aktiv wurden. Und die Frage stellt sich auch, warum niemand in Rom den Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke gewarnt hat, als er den deutschen Prälaten aus den vatikanischen Diensten in sein Bistum übernahm.

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