Washington

McCarrick schweigt zu den schweren Vorwürfen

Nach der Entlassung Theodore McCarricks aus dem Klerikerstand kommt die Kirche in den USA nicht zur Ruhe: Neues Gerichtsverfahren soll schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Kardinal klären .

McCarrick
McCarrick schweigt zu den schweren Vorwürfen des sexuellen Missbrauch. Foto: Jim Lo Scalzo (EPA)

Ein neues Gerichtsverfahren soll klären, ob der ehemalige Kardinal Theodore McCarrick mehrere Jungen nicht nur sexuell missbraucht hat, sondern auch deren Missbrauch durch weitere Priester in einem regelrechten „Kindersex-Ring“ organisierte. 

Der aus dem Priesterstand wegen seiner sexuellen Verbrechen an Buben und jungen Männern entlassene McCarrick soll in seinem Strandhaus in Sea Girt, New Jersey, in den frühen 1980er Jahren nicht nur mindestens einen Minderjährigen sexuell missbraucht haben, so der Anwalt des Klägers vor Journalisten am 22. Juli. Der ehemalige Kardinal sei auch der „Boss“ einer Gruppe von Priestern gewesen, die Kinder und Jugendliche auf „Wochenend-Trips“ in sein Strandhaus brachten. 

Neue Beschuldigungen

Wie mehrere Agenturen berichteten, beschuldigt der namentlich nicht genannte Mandant nicht nur McCarrick, sondern auch einen weiteren Priester, der ihn im Alter von elf Jahren im Jahr 1978 durch „Grooming“ gefügig gemacht und dann McCarrick zugeführt haben soll. Dieser Priester war zum damaligen Zeitpunkt der Schulleiter einer High School der Kongregation der „Christian Brothers“. Mehrere weitere Geistliche werden namentlich beschuldigt. Mindestens sieben weitere, identifizierte Minderjährige sollen ebenfalls dem damals einflussreichen Kirchenmann und Prälaten in den frühen 1980er Jahren zur „Verfügung“ gestellt worden sein. 

Die Anwaltskanzlei erinnerte auch an eine Untersuchung der Vorgänge am Priesterseminar der Erzdiözese Newark, derzufolge McCarrick seine Position als Erzbischof dazu missbrauchte, um Seminaristen sexuell zu nötigen, indem er sie systematisch verunsicherte und einschüchterte. 

Das Verfahren zieht somit noch viel weitere Kreise: Neben dem heute 90 Jahre alten McCarrick werden mehrere katholische Einrichtungen beschuldigt, darunter die Diözese Metuchen, die Erzdiözese Newark sowie die „Essex Catholic Boys High School“, die 2003 geschlossen wurde. Vier weitere Diözesanpriester und ein Ordensmann sollen das Opfer missbraucht haben, heißt es in der Anklageschrift. 

Strandhaus-Kindersexring

Der Anwalt des Klägers ist ein bekannter „Personal Injury Attorney“ namens Jeff Anderson. Dieser beschreibt das Treiben des notorischen Prälaten in seinem „Beach House“ als „McCarricks schmutzigen Strandhaus-Kindersexring“. Kritiker haben Anderson bereits in früheren Verfahren vorgeworfen, er bediene sich sensationslüsterner Beschreibungen, wolle die Aufmerksamkeit der Medien auf sich und seine Verfahren ziehen. Andersons Unterstützer dagegen sehen in dem Juristen einen Anwalt und Fürsprecher der Opfer. 

Die Bistümer reagierten vor diesem Hintergrund vorsichtig. Die Erzdiözese Newark teilte gegenüber der Catholic News Agency mit, dass es „unangemessen“ sei, sich zu äußern, da es sich um ein laufendes Verfahren handle. Anthony Kearns, Sprecher und Kanzler der Diözese Metuchen, sagte am 22. Juli, die Diözese habe die betreffenden Unterlagen noch nicht erhalten. „Unsere Gebete sind bei allen Betroffenen von Missbrauch, heute und immer, und wir stehen ihnen auf ihrem Weg zu Heilung und Hoffnung zur Seite.“ 

Die Anwaltskanzlei forderte am 22. Juli den Vatikan und andere kirchliche Einrichtungen auf, endlich „reinen Tisch zu machen“ und bekannt zu geben, was andere „Würdenträger“ über diese mutmaßlichen Missbräuche wussten, die bis zum heiligen Johannes Paul II. zurückgingen, der McCarrick zum Kardinal gemacht hatte. Das wünschen sich auch viele Opfer gemeinsam mit vielen weiteren Katholiken und US-amerikanischen Kirchenvertretern. Sie alle hoffen darauf, dass Papst Franziskus den seit Jahren angekündigten McCarrick-Report veröffentlicht. 

Warum Papst Franziskus die Ergebnisse der Untersuchung der Akten zum Fall McCarrick bis heute nicht veröffentlicht hat, ist unklar. Spekulationen gibt es jede Menge. Klar jedoch ist, worum es geht: Wie konnte ein Mann wie McCarrick zum Priester und Bischof geweiht werden? Wie konnte er eine Karriere als einflussreicher Kirchenmann hinlegen, bis zum Kardinal im Amt des mächtigen Erzbischofs von Washington und als rühriger „Vermittler“ zwischen China und dem Vatikan? 

Vorwürfe waren schon damals glaubwürdig und begründet

Der amerikanische Kardinal Daniel DiNardo brachte es in seiner damaligen Rolle als Präsident der US-Bischofskonferenz im August 2018 so auf den Punkt: „Wie konnte es passieren, dass diese ungeheuerliche Situation nicht schon vor Jahrzehnten angegangen und juristisch bekämpft wurde?“ 

Am 20. Juni 2018 hatte Kardinal Pietro Parolin auf Anweisung von Papst Franziskus den ehemaligen Kardinal McCarrick suspendiert, nachdem eine Untersuchung der New Yorker Erzdiözese einen Vorwurf des sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen als „glaubwürdig und begründet“ beurteilt hatte. Am selben Tag erfuhr die Öffentlichkeit, dass die Erzdiözese Newark und die Diözese Metuchen in New Jersey drei Anschuldigungen wegen sexuellen Fehlverhaltens McCarricks gegenüber erwachsenen Männern erhalten hatten. Ein halbes Jahr später –  im Oktober 2018 – kündigte der Vatikan an, die eigenen Akten zu der Affäre zu untersuchen und dann einen Bericht vorzulegen. 

Schutzbefohlene sexuell missbraucht

Am 15. Februar 2019 dann erfolgte das Urteil im kirchenrechtlichen Verfahren: Theodore McCarrick – der stets seine Unschuld beteuert hatte – wurde aus dem Klerikerstand entlassen. Die Glaubenskongregation des Vatikans verhängte die Höchststrafe und befand den amerikanischen Kleriker für schuldig, unter anderem im Beichtstuhl sexuelle Gewalt ausgeübt sowie das Sechste Gebot wiederholt gebrochen zu haben. Der Kardinal hatte Minderjährige ebenso wie volljährige Schutzbefohlene – Seminaristen und junge Priester – sexuell missbraucht, so das Urteil. 

Weitere sieben Monate später, im November 2019, informierte der Bostoner Kardinal Sean O'Malley nach seiner Rückkehr aus Rom die US-amerikanischen Bischöfe, der Abschlussentwurf des McCarrick-Reports liege vor. Nun müsse dieser auf Italienisch übersetzt werden, um ihn Papst Franziskus vorzulegen. Der Report werde „Anfang 2020“ erscheinen, wenn nicht sogar früher, so ein zuversichtlicher O'Malley damals. 

McCarrick-Report bis heute nicht veröffentlicht

Bis heute ist der McCarrick-Report nicht veröffentlicht worden – eine Entscheidung, die nach Aussagen von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im Februar 2020 zufolge beim Papst liegt. 

Für die Anwälte im neuen Verfahren ist dieser Umstand ein Hinweis darauf, dass der Papst offenbar diesen nicht veröffentlicht sehen will: Mike Finnegan, ein weiterer Anwalt im neuen Gerichtsverfahren, erinnerte die Medien am 22. Juli 2020 bei der Pressekonferenz an die kontroversen Vorwürfe gegen Papst Franziskus, die Erzbischof Carlo Maria Vigano öffentlich erhoben hat: Diesen zufolge hat Franziskus persönlich Sanktionen gegen McCarrick aufgehoben, die sein Vorgänger Benedikt XVI. verhängt hatte, und weitere hochrangige Kurienkardinäle wussten um McCarricks Umtriebe. 

McCarrick selbst übrigens schweigt bislang beharrlich zu den neuen Vorwürfen – wie auch sein Rechtsvertreter, ein Anwalt namens Barry Coburn. 

 

 

 

 

 

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