Köln

"Maria 2.0 war für uns keine Unterstützung"

Peter Bringmann-Henselder, Mitglied im Betroffenenbeirat und ehemaliges Heimkind in Köln-Sülz, hofft, dass mehr Kardinäle so handeln wir der Kölner Erzbischof und wehrt sich gegen die politische Instrumentalisierung von Missbrauchsopfern.

Maria 2.0 schlägt Thesen an - Köln
Aktivistinnen der der katholischen Reforminitiative "Maria 2.0" stehen mit einem Thesenpapier vor dem Kölner Dom. Die Aktivistinnen fordern unter anderem eine geschlechtergerechte Kirche mit dem Zugang für alle Menschen zu allen Ämtern sowie die Aufhebung des Pflichtzölibats. Die... Foto: Henning Kaiser (dpa)

Herr Bringmann-Henselder, das Erzbistum Köln versprach sich von dem Gercke-Gutachten eine bessere Aufarbeitung. Sehen Sie einen Gewinn in diesem Gutachten?

Ja, dieses Gutachten ist allein schon in der Bearbeitung und Aufarbeitung anders gewesen. Man hat alle gemeldeten Missbrauchsfälle in dieses Gutachten mit einbezogen und nicht nur 15 exemplarische Fälle wie im WSW-Gutachten. Außerdem war der Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln der Einzige überhaupt in der deutschen katholischen Kirche, der in die Erstellung eines Gutachtens mit einbezogen worden ist. Daher sind wir auch guter Dinge, wenn dieses Gutachten heute veröffentlicht wird. Wir hatten bereits Einsicht in das erste Gutachten von WSW und konnten mit einem Wissenschaftler diskutieren und Fragen stellen.

Peter Bringmann-Henselder, Mitglied im Betroffenenbeirat

Eins möchte ich hier noch anbringen: Ich mache im Betroffenenbeirat deswegen mit, weil Kardinal Woelki bereits 2016 auf einer Caritasveranstaltung zu den Geschehnissen in ihren Einrichtungen in seiner öffentlichen Rede mit dem Satz begann: „Wir haben es gewusst“. Danach zählte er auf, was alles in den Einrichtungen an Kindern im Namen Gottes geschehen war. Ich habe nicht noch einmal von irgendeinem anderen Kardinal, der Verantwortung hat, so etwas gehört. Nur immer wieder, man sei bestürzt und bedaure es.Kardinal Marx sagte sogar, dass er bestürzt sei, dass so viel innerhalb der katholischen Kirche und im Bistum geschehen sei. In meinen Augen war diese „Bestürztheit“ eher für die Medien gut in Szene gesetzt worden.

"Ich würde mir erhoffen, dass endlich mehr Kardinäle
so handeln wie es Kardinal Woelki trotz
allem Gegenwind aus seinen eigenen Reihen, macht"

Ich würde mir erhoffen, dass endlich mehr Kardinäle so handeln wie es Kardinal Woelki trotz allem Gegenwind aus seinen eigenen Reihen, macht. Man sollte endlich zu dem stehen, was hier Jahrzehnte lang vertuscht wurde.

Im Oktober entstand durch Äußerungen des Betroffenenrats-Sprechers der Eindruck, das Erzbistum Köln habe Betroffene erneut missbraucht. Wie sehen Sie das?

Am 29.12.2020 wurden wir in einer Sondersitzung vom Kardinal über die Schwierigkeiten mit dem WSW-Gutachten ausführlich informiert und dass man es nicht veröffentlichen wolle. Danach wurden wir gefragt, ob wir zustimmen, dass drei Rechtsanwälte hinzukommen, um uns darzulegen, warum das WSW-Gutachten nicht veröffentlicht werden soll. Wir stimmten dem zu und dann haben uns die Juristen dargelegt, welche methodischen und systematischen Mängel das WSW-Gutachten hat und dass es in dieser Form auf keinen Fall veröffentlicht werden solle, da mit erheblichen Rechtsstreitigkeiten zu rechnen sei, die den Wert des Gutachtens erheblich schmälern.

Die Ausführungen waren sachlich, verständlich und überzeugend. Wir wurden gefragt, ob wir Zeit für eine Entscheidung bräuchten, aber alle anwesenden Beiratsmitglieder waren sich einig und haben einhellig zugestimmt, das WSW-Gutachten nicht zu veröffentlichen, sondern ein neues, rechtssicheres Gutachten durch Herrn Prof. Gercke erstellen zu lassen. Es wurde dann vereinbart, dass am nächsten Tag eine gemeinsame Presseerklärung von Erzbistum und Betroffenenbeirat mit der getroffenen Vereinbarung veröffentlicht werden soll.

Diese Erklärung wurde unserem damaligen ersten Sprecher, der übrigens in der Sitzung noch betont hatte, dass es ihm ganz wichtig sei zu kommunizieren, dass man sauer ist auf die Kanzlei WSW, weil sie das Erzbistum und die Betroffenen hintergangen hat, morgens übermittelt. Er hat sie abgesegnet und mittags ist sie dann veröffentlicht worden. Am selben Tag hat er abends in den Medien geäußert, dass er eigentlich völlig anderer Meinung sei, er machte also eine 180-Grad-Kehrtwendung. Er, der zweite Sprecher und noch ein Mitglied sind im Lauf der nächsten Wochen aus dem Gremium ausgetreten. Er selbst ist zunächst als Sprecher zurückgetreten, und zwar am 4.11.2020, als ihm in einer Sitzung von den Mitgliedern des Beirats mehrheitlich das Vertrauen nicht mehr ausgesprochen wurde.

"In keiner Situation wurden wir
unter Druck gesetzt oder bedrängt"

In keiner Situation wurden wir unter Druck gesetzt oder bedrängt. Wir hätten auch Zeit für eine Entscheidung einfordern können, aber alle Beiratsmitglieder haben geäußert, dass sie ihre Entscheidung sofort treffen können und aus freien Stücken für den eingeschlagenen Weg gestimmt. Missbrauch war da nicht im Spiel.

Viele haben sich in den letzten Monaten für Aufarbeitung stark gemacht. Vor allem die Initiative Maria 2.0 ist in diesem Zeitraum hervorgetreten. War das für Sie eine Unterstützung?

Zu Maria 2.0 und die angebliche Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche kann ich nur sagen: Maria 2.0 kam mit dem Thema erst nach vorne, als es im Erzbistum hinsichtlich der Aufarbeitung bereits Schwierigkeiten gab. Sie nutzen medial den sexuellen Missbrauch als Vehikel für ihre politischen Forderungen innerhalb der katholischen Kirche. In meinen Augen war dies ein Missbrauch an uns Betroffenen, an uns Missbrauchsopfern. Sie selbst haben sich jahrelang nie zu Wort gemeldet, um den Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche zu bearbeiten.

Der sexuelle Missbrauch ist nicht erst seit dem Canisius-Kolleg innerhalb der katholischen Kirche bekannt. Er war schon einige Jahre vorher ins Gerede gekommen, als für die ehemaligen Heimkinder die Petition zur Aufarbeitung der Zustände in allen Heimen gestartet wurde und durch die Bundesrepublik dann auch am Runden Tisch ehemaliger Heimkinder die Arbeit aufgenommen wurde. Hier wurde sehr schnell auch der sexuelle Missbrauch in den Einrichtungen kirchlicher Heime bekannt. Die dortigen Wissenschaftler sprachen schon darüber, diesen Bereich auch wissenschaftlich gesondert aufzuarbeiten. Genau in dieser Zeit habe ich von Maria 2.0 in Sachen sexueller Missbrauch in den katholischen Einrichtungen nie etwas gehört. Da hielt man sich ziemlich bedeckt.

"Ich bin weiterhin der Meinung, dass Maria 2.0
diese Vorkommnisse für ihre politischen
Arbeiten zweckentfremdet hat"

Deswegen bin ich auch weiterhin der Meinung, dass Maria 2.0 diese Vorkommnisse für ihre politischen Arbeiten zweckentfremdet hat. Man hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, mit dem jetzigen Betroffenenbeirat in Kontakt zu treten, um dessen Sichtweise zu verstehen. Man hat nur auf die ehemaligen Mitglieder gehört und sich deren Meinung zu eigen gemacht und uns dadurch missbraucht. Eine Unterstützung war Maria 2.0 für uns nicht, eher das Gegenteil.

Lassen Sie uns in einen Blick nach vorne wagen: Was erhoffen Sie sich von der Veröffentlichung dieses Gutachtens für die öffentliche Wahrnehmung für die Betroffenen?

Ich erhoffe mir sehr viel davon. Vor allem, dass in diesem Gutachten tatsächlich alles so aufgeführt ist wie es der Kardinal schon bei dem ersten Gutachten gefordert hatte. Des Weiteren erhoffen wir vom Betroffenenbeirat uns, dass mit der Veröffentlichung des neuen Gutachtens nicht Schluss ist, sondern die notwendigen Konsequenzen umgesetzt werden, dass solche Dinge nie mehr geschehen werden. Wir vom Betroffenenbeirat werden Vorschläge ausarbeiten und am 25.3. 2021in unserer nächsten Sitzung diese dem Kardinal vorlegen und zusammen mit ihm versuchen, diese umzusetzen. Damit wäre ein erster Schritt getan, der sowohl den Betroffenen zugutekommt als auch Kinder und Jugendliche schützt.

 

 

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