Limburg

Limburg zieht Bilanz

Ergebnisse diözesaner Untersuchung von Missbrauchsfällen liegen vor – Missstände im Seminar.

Bischof Georg Bätzing kündigte Konsequenzen aus der jüngsten Studie zu Missbrauch an
Der Limburger Bischof Georg Bätzing kündigte am Samstag Konsequenzen aus der jüngsten Studie zu Missbrauch an: „Es muss nun zu Maßnahmen kommen, die wehtun und Diskussionen auslösen“. Foto: Arne Dedert (dpa)

Unter dem Leitwort „Der Beginn von Ehrlichkeit“ hat das Bistum Limburg am Samstag in der Frankfurter Paulskirche die Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung zur Aufarbeitung sexueller Missbrauchsfälle in der Diözese vorgestellt. Das von September 2019 bis Juni 2020 durchgeführte und mit Vertretern Betroffener besetzte Projekt „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“ umfasste eine juristische Aktenprüfung und benennt mit Blick auf die Vertuschung sexueller Missbrauchsfälle mehrere als „Konstrukteure des Schweigepanzers“ beschriebene Verantwortliche mit Klarnamen.

Bericht empfiehlt, externen Sachverstand heranzuziehen

Ein Resultat der einen Zeitraum von gut siebzig Jahren umfassenden Untersuchung ist dem Bericht zufolge die Fehleinschätzung beschuldigter Priester durch Bischof, Generalvikar und Personaldezernent: „Tätern mit hohem Manipulationspotenzial standen scheinbar Unwissende auf der anderen Seite gegenüber, denen zum Beispiel das Basiswissen über Zusammenhänge zwischen Pädophilie/Hebephilie und sexuellem Missbrauch fehlt.“ Der Bericht empfiehlt, externen Sachverstand heranzuziehen, um „unangebrachte Rücksichtnahmen an frühere Studien- und Seminarkollegen“ zu verhindern. Als konkretes Beispiel wird auf den Fall eines übergriffigen Pfarrers aus dem Bistum Würzburg verwiesen, den der Generalvikar seit Studienzeiten kannte.  Dem Geistlichen wurde eine Pfarrei „ohne jegliche Vorkehrungen“ anvertraut, obwohl bekannt war, dass ihm sexuelle Übergriffe auf Kinder zur Last gelegt wurden.

Der Generalvikar gab an, man sei bemüht gewesen, den auffällig gewordenen Priestern eine zweite Chance an einer neuen Wirkungsstätte zu geben. Diese Haltung führte offensichtlich zur Missachtung römischer Maßgaben zum Schutz vor Missbrauch: Im Bericht heißt es, der Generalvikar – habe mit Blick auf einen der Beschuldigten keine dem Verständnis dienenden Angaben machen können, „warum die mit Datum vom 29. November 2004 durch die Glaubenskongregation erhobene Vorgabe, dass der Beschuldigte den Dienst als Diakon nicht weiter ausüben dürfe, der Diözesanbischof diesen von den Verpflichtungen der Diakonweihe entbinden solle und quam primum ein Strafverfahren einzuleiten sei, nicht umgesetzt wurde. Obwohl ihm „sein eigenhändig angebrachter Vermerk vom 18. Dezember 2004 vorgehalten wurde“, wonach statt der von der Glaubenskongregation vorgegebenen Vorgehensweise diese Stellungnahme der Personalkammer nur mit dem Hinweis, es bestünde kein weiterer Handlungsbedarf, zur Kenntnis gegeben wurde, beschränkte er sich auf die Aussage, sich nicht erinnern zu können.

Das Jahr 2010 markierte eine Wende

Das Jahr 2010 markiert eine Wende: Wie aus den Akten ersichtlich, besserte sich die Situation im Bistum in jenem Jahr mit dem Einsatz eines Missbrauchsbeauftragten und des daneben geschaffenen Interventionskreises deutlich. Über die Hälfte der im Untersuchungszeitraum erfassten Fälle wurde erst ab 2010 bekannt.

Dass erhebliche Defizite in puncto Transparenz im Bistum bestehen, geht aus der Befragung dreier Seminaristen hervor, die scharfe Kritik an der Situation der Ausbildung im Priesterseminar Sankt Georgen üben. Das überdiözesane Priesterseminar an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main wird vom Jesuitenorden und den Diözesen Limburg, Hamburg, Hildesheim und Osnabrück getragen.

Den Angaben der Seminaristen zufolge fühlen sich die Seminaristen „kontrolliert und einer intransparenten Machtfülle der Regenten ausgesetzt“ und weder ernst genommen und noch wertgeschätzt. Die Anforderungen der Ausbildung seien „unklar beziehungsweise ihnen nicht bekannt“. Wörtlich heißt es im Bericht: „Das gesamte Ausbildungssystem im Seminar ist intransparent.“ Auch gehöre eine gewisse Verstellungstaktik für Seminaristen zum Alltag: „Man hat zwei Gesichter im Seminar: eins, das ich zeige und eins, wie ich wirklich bin.“

Der Limburger Bischof Georg Bätzing kündigte am Samstag Konsequenzen an:  „Es muss nun zu Maßnahmen kommen, die wehtun und Diskussionen auslösen.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.