Bonn

Leitartikel: Zurück zum Kerngeschäft

Die Geldsorgen der Diözesen decken Mängel des Systems „deutsche Kirche“ auf. Rom kann helfen. Auch die Kirchensteuer käme auf den Prüfstand.

Diskussion um die Kirchensteuer
Noch ist die Kirche in Deutschland mit Geld reich gesegnet. Aber sie hat jahrzehntelang einen solchen Apparat geschaffen, dass der schwächer werdende Motor die Riesenkarosse nicht länger tragen kann Foto: Harald Oppitz (KNA)

Für viele deutsche Diözesen wird es finanziell eng. Der Corona-Effekt lässt die Einnahmen aus der Kirchensteuer schon früher schrumpfen: Das Erzbistum Köln rechnet bereits für dieses Jahr mit einem Rückgang von bis zu zehn Prozent, das wäre ein Jahresfehlbetrag von etwa fünfzig Millionen Euro. Auch im Bistum Münster zeichnet sich ein Minus zwischen 21 und 45 Millionen Euro ab. Andere Diözesen haben eine Haushaltssperre verhängt. Frei werdende Stellen werden nicht neu besetzt. Arbeitsgruppen und Kommissionen suchen nach Einsparmöglichkeiten.

Jetzt ist der Zeitpunkt, um über eine generelle Reform nachzudenken

Noch liegen die Austrittsstatistiken für das Jahr 2019 nicht auf dem Tisch. Aber die für das Stadtgebiet von München bekannt gewordene Zahl von 10.000 Getauften, die der Kirche endgültig der Rücken zugewandt haben, wirft ihre Schatten voraus. Der für das Jahr 2030 erwartete Einbruch bei den Kirchensteuern wegen des Wegfalls der geburtenstarken Jahrgänge trifft die deutschen Bistümer jetzt schon mit aller Härte. Aber anstatt hier und dort zu sparen oder die Klassen der Dienstwagen für die Ordinariatsverantwortlichen um eine Stufe zurückzuschrauben, ist das jetzt genau der Zeitpunkt, um über eine generelle Reform nachzudenken: Neben den Staatsleistungen gehört auch die Kirchensteuer selbst auf den Prüfstand.

Noch ist die Kirche in Deutschland mit Geld reich gesegnet. Aber sie hat jahrzehntelang einen solchen Apparat geschaffen, dass der schwächer werdende Motor die Riesenkarosse nicht länger tragen kann. Den Kurs eines Tankers in voller Fahrt zu ändern, verlangt ein aufwendiges Wendemanöver, das seine Zeit braucht. Aber genau jetzt ist die Zeit gekommen, um sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen – und nicht auf den vier Foren des Synodalen Wegs nach Formulierungen zu suchen, die Kirche in Lehre und Disziplin zeitgeistgeschmeidiger zu machen.

"Den Kurs eines Tankers in voller Fahrt zu ändern,
verlangt ein aufwendiges Wendemanöver"

Zwar braucht die Kirchensteuer ein einvernehmliches Verhältnis zwischen Kirche und Staat– das Klima sollte nicht vergiftet sein. Und es setzt auch eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz der öffentlich-rechtlichen Körperschaft katholische Kirche voraus. Doch sollte das Wirken von Staatssekretärin Maria Flachsbarth, die zugleich ZdK-Mitglied und Vorsitzende des Katholischen Frauenbundes ist, für die Abtreibungs-Lobby ein Symbol für die „Verbrüderung“ von Staat und Kirche sein, wäre es höchste Zeit, aus einem solchen System auszusteigen, wenn man denn weiter „Salz der Erde“ bleiben will.

Der Vatikan wäre wohl dazu bereit, die deutschen Bischöfe zu einer Partikularsynode nach Rom zu holen, wie eine solche zu Beginn des Pontifikats von Johannes Paul II. für die Kirche in den Niederlanden und die in der Ukraine stattgefunden hat.

Aber dann müsste es wirklich darum gehen, die Kirche in Deutschland auf die Pfade der Evangelisierung und Katechese zurückzuholen. Auf theologischen Lehrstühlen, in katholischen Akademien und Verbänden darf man heute alles sagen und fordern, was der Lehre und Disziplin der Kirche widerspricht.
Nur aus der öffentlich-rechtlichen Körperschaft Kirche austreten, um die Kirchensteuer zu sparen und stattdessen wirklich katholische Werke finanziell zu unterstützen – das darf man nicht. Dann trifft einen die volle Härte des kirchlichen Gesetzgebers. Auch hier offenbart das System „deutsche Kirche“ seine innere Logik. Und die riecht ziemlich nach Geld.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.