Vatikanstadt

Leitartikel: Ein Brückenschlag zu den Muslimen

In „Fratelli tutti“ zitiert sich Franziskus sehr stark selbst. So als sollte sein Lehramt der Anfang einer ganz neuen Verkündigung der römischen Päpste sein.

Papst in Ägypten
Papst Franziskus mit Großimam Ahmad Mohammad al-Tayyeb. Der Muslim-Führer stand bei der Erarbeitung von „Fratelli tutti“ Pate. Foto: Gregorio Borgia (AP)

Die Enzykliken von Johannes Paul II. waren christologisch, wie auch sein ganzes Pontifikat, das mit dem Ruf  begann, Christus weit die Tore zu öffnen. Mit „Fratelli tutti“ hat Franziskus nun endgültig ein neues Paradigma in das Zentrum der päpstlichen Verkündigung gerückt: die menschliche Brüderlichkeit, die über die Grenzen von Kulturen und Religionen hinweg eine umfassende Entwicklung der Menschheit gewährleisten und den Frieden sichern soll. Sehr viel zitiert der Papst aus eigenen Ansprachen und Dokumenten, so als stehe sein Lehramt in einer gewissen Diskontinuität zu seinen Vorgängern und bezeichne den Anfang von etwas Neuem.

Schon „Laudato si" hatte einen sehr ökumenischen Ansatz. Ausdrücklich nannte Franziskus jetzt den ökumenischen Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel als den Ideengeber der Sozial- und Umwelt-Enzyklika von vor fünf Jahren. Diesmal jedoch war es der sunnitische Muslim-Führer Ahmad Al-Tayyeb, mit dem Franziskus im Februar 2019 die Erklärung zur menschlichen Brüderlichkeit in Abu Dhabi unterschrieben hat, der bei der Erarbeitung von „Fratelli tutti“ Pate stand. Die zweite Sozialenzyklika des Papstes hat nun auch eine starke interreligiöse Ausrichtung.

Das Konzept der Geschwisterlichkeit ist erfrischend

In einer Welt, in der Politiker wie Wladimir Putin, Donald Trump, Xi Jinping oder Recep Tayyip Erdogan den Ton angeben, ist es erfrischend, dass der römische Papst mit dem Konzept der Geschwisterlichkeit kommt und diese als Säule der Weltordnung anthropologisch und aus der Bibel begründet. Die Erklärung von Abu Dhabi hat auch in der muslimischen Welt gewirkt. Bei der Präsentation von „Fratelli tutti“ am vergangenen Sonntag in Rom war auch der Generalsekretär des Hohen Komitees für die menschliche Geschwisterlichkeit teil, der Scharia-Gelehrte Mahmoud Abdel Salam.

Dieses Komitee wirkt vor allem in islamischen Ländern, es verbreitet pädagogische Schriften mit den Inhalten der Erklärung von Abu Dhabi, aber es arbeitet auch intensiv mit dem Vatikan zusammen, etwa jetzt, im „Laudato si"-Jubiläumsjahr, das der Bewahrung der Schöpfung gewidmet ist. Mit der Geschwisterlichkeit hat Franziskus tatsächlich einen Begriff gefunden, der es erlaubt, über die weltanschaulichen und religiösen Grenzen hinaus eine allen gemeinsame Grundlage für eine gerechtere und friedfertige Welt zu finden. Um es ironisch zu sagen: Bis auch der letzte Mensch Christ geworden ist, muss man Gemeinsamkeiten suchen, um mit fremden Religionen und Kulturen für das Gemeinwohl der Menschheit arbeiten zu können.

Begriff der Brüderlichkeit ist überaus verletzlich

Doch als Mikrokosmos zeigt der Vatikan im Augenblick selbst, wie schwer das mit der Geschwisterlichkeit ist, wenn es um Macht, Geld und Einfluss geht. Der Konflikt zwischen dem ehemaligen Substituten Giovanni Angelo Becciu und dem damaligen Wirtschaftspräfekten George Kardinal Pell zeigt, dass der Begriff der Brüderlichkeit überaus verletzlich ist. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind seit Aufklärung und Französischer Revolution Schlagworte der emanzipatorischen Bewegungen, die das Menschenheil hier auf Erden verwirklichen wollen und es dennoch nicht geschafft haben, die Völker des zwanzigsten Jahrhunderts vor den schlimmsten Ideologien und mörderischen Konflikten zu bewahren. Das hatte Johannes Paul II. selbst erlebt. Darum war sein Ansatz wesentlich tiefer. Jesus Christus ist der wahre Erlöser, nicht die menschliche Brüderlichkeit.

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