Erfurt/Würzburg

Leitartikel: Die kulturelle DNA der Kirche

Nur ein Drittel der Deutschen fühlt sich durch katholische Feste und Riten bereichert – ist der Katholizismus noch zukunftsfähig?

Lichterprozession zu Mariä Himmelfahrt
Gläubige gehen nahe der Wallfahrtskirche Maria Vesperbild bei einer Lichterprozession. Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Es sind Zahlen, die einen nachdenklich machen können. Eine repräsentative Umfrage von INSA im Auftrag der „Tagespost“ hat ergeben: 28 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass die katholische Kirche mit ihren Festen und Ritualen das kulturelle Leben in Deutschland bereichert; 42 Prozent sind nicht dieser Meinung, und 22 Prozent wissen nicht, wie sie dies einschätzen sollen.

Traurig, aber keineswegs überraschend

Ergo: Nur fast ein Drittel der Deutschen kann mit dem, was man als kulturelle DNA des Katholizismus bezeichnen könnte, noch etwas anfangen – dem Rest ist diese Welt der Zeichen, Symbole und Mythen, welche Jahrhunderte lang den deutschen und europäischen Sprachraum geprägt hat, herzlich Schnuppe. Ein für Menschen, die „katholisch fühlen“, wie der italienische Philosoph Mario Perniola sich einst ausdrückte, trauriges, wenn auch keineswegs überraschendes Ergebnis. Zumal die katholische Welt der Symbole und Riten auch innerhalb der Kirche nicht nur Freunde und Fans hat.

Die an und für sich ganz sympathische Idee, das Erzbistum Berlin den Herzen Jesu und Mariens zu weihen, wie es im Corona-Krisenjahr 2020 auch schon andere Bistümer der Weltkirche gemacht haben, wird von Birgit Aschmann, Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität zu Berlin, in einem aktuellen „Standpunkt“-Beitrag auf katholisch.de deutlich kritisiert. So erinnert Aschmann an die Instrumentalisierung des Herzens Jesu als „Kampfsymbol“ in früheren Jahrhunderten und die „eigentliche Karriere des Kultes unter dem Ultramontanismus“. Das Fazit der Wissenschaftlerin, die auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ist: Wenn man „nur die Kultformen einer fremd gewordenen Vergangenheit“ reaktiviere, stehe „es nicht gut um die Zukunftsfähigkeit der Kirche“.

Kümmerliche Versuche ritueller Umgestaltung

Stichwort „Zukunftsfähigkeit“: Da ist etwas dran. Zumal die Kirche trotz staatlicher Finanzspritzen schon lange ihre künstlerische Gestaltungskraft verloren zu haben scheint. Wenn große Künstler wie Gerhard Richter oder Neo Rauch etwas für die Kirche tun, so ist dies ein Privileg für die Institution – nicht umgekehrt. Von den kümmerlichen Versuchen ritueller Umgestaltung gar nicht zu reden.

Aber auch mit Blick auf den in der Corona-Krise manifest gewordenen Teil-Fanatismus des katholischen Milieus kann man Aschmanns Sorgen verstehen. Sie sind wohl begründet. Es scheint auch Jahrzehnte und Jahrhunderte nach Kant, Hegel und Nietzsche tatsächlich immer noch Katholiken zu geben, die nicht nur von einem ästhetischen „Retrokatholizismus“ träumen, was bis zu einem gewissen Grad okay wäre, sondern auch von einem dogmatischen – was einigermaßen befremdlich wirkt. Gehören diese beiden katholischen Herzen, das ästhetisch-museale und das politisch-dogmatische, unweigerlich zusammen?

Es droht die Verarmung des kulturellen Lebens

Fest steht wohl: Sollte das Wissen um die Bedeutung katholischer Feste, Figuren und Phantasien weiter schwinden und am Ende nur noch als sektiererisches Bildungsgut zirkulieren, wäre dies nicht nur eine Verarmung des kulturellen gesellschaftlichen Lebens, es bestünde auch die Gefahr, dass sich Katholiken immer tiefer in eine Art religiöse Sonderwelt verstrickten. Das kann niemand wollen. Weder ein aufgeklärt-pluralistischer Staat. Noch weltoffene Katholiken.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.