Bonn

Leitartikel: Der Exodus der getauften Heiden

Das fatale Modell des Selbstläufers Volkskirche kommt an sein ehrliches und verdientes Ende. Die Kulissen, die die Kirche selbst mit errichtet hat, stürzen ein.

Kirchenaustritte nehmen zu
Dem Problem auf Seiten des Senders Kirche stehen solche auf Seiten des Empfängers gegenüber. Auch eine dogmatisch, katechetisch und liturgisch tadellose Kirche müsste mit den gewaltigen Säkularisierungstendenzen ringen, die sich seit Jahrhunderten abzeichnen. Foto: Ingo Wagner (dpa)

Die Zahlen sind erschütternd: Mehr als eine halbe Million Menschen sind 2019 aus einer der beiden noch immer großen Kirchen ausgetreten. Das Land entchristlicht sich galoppierend – mögen auch noch gewaltige Kulissen stehen, mögen Staatskirchenverträge, Wörter zum Sonntag und eine mit staatlichem Geld aufgepumpte Caritas und Diakonie Relevanz vorgaukeln.

Die Mehrheit hat nie mit dem Christentum angefangen

Wie die Zahlen lesen? Innerkirchlicher Reformstau treibe die Leute aus der Kirche, heißt es mit Blick auf die Austrittswelle seitens auf „Veränderungen“ drängender Katholiken reflexartig. Und doch kann diese Lesart nicht erklären, warum auch eine hyperliberale Evangelische Kirche, offenkundig das Sehnsuchtsland am Ende des Synodalen Weges, genauso stark verliert. Umgekehrt wäre es eine Überzeichnung zu meinen, der Synodale Weg und die Liberalisierung der Kirche trieben die Menschen aus ihr. Mag es sicherlich enttäuschte Protestanten und Katholiken geben, denen die jeweiligen Kirchenleitungen politisch zu hart am Zeitgeist segeln, die sich über als einseitig empfundene Äußerungen zu Migration, Weltkriegsschuld oder AfD ärgern und deshalb austreten: Eine Mehrheit ist es nicht. Nein, die Mehrheit der Ausgetretenen will nicht nur Geld sparen, sie hat mit kirchlichem Christentum fertig, weil sie nie mit ihm angefangen hat. Von getauften Heiden sprach der junge Joseph Ratzinger in den fünfziger Jahren bereits. Insofern kommt das fatale Modell des Selbstläufers Volkskirche an sein ehrliches und verdientes Ende. Die Kulissen, die die Kirche selbst mit errichtet hat, stürzen ein.

Katholiken, die nie eine innere Bindung zur Kirche hatten, stehen solche entgegen, die sie im Lauf des Lebens verloren haben. Dass die Bindungskräfte des Katholizismus jetzt ebenso stark nachlassen wie beim Protestantismus, ist deshalb schon auch eine Folge der mangelnden Kohärenz im deutschen Katholizismus. Jahrzehntelanger kirchenpolitischer Streit hat die Kirchlichkeit beschädigt. Kirche wurde von einem Wort der Verheißung zu einem Problem. Ein funktionales Kirchenverhältnis mag im Protestantismus theologisch angehen – und damit gleichzeitig immer auch tiefere Ursache für die losere Kirchenbindung von evangelischen Christen sein. Katholisches sakramentales Denken sieht die Kirche hingegen gleichzeitig als Mittel und Werkzeug wie als auch die Sache selbst. Sie ist der mystische Leib Christi, der die Glieder in die Unmittelbarkeit zum Herrn hin vermittelt. Niemand, der dieses Geheimnis erfasst hat, wird deshalb Kirchenmitgliedschaft für eine zweitrangige Frage halten. Wurde dies in organisierter Katechese und Predigt wirklich deutlich genug?

Das Kernstück des Christentums ist heute schwer begründbar

Dem Problem auf Seiten des Senders Kirche stehen solche auf Seiten des Empfängers gegenüber. Auch eine dogmatisch, katechetisch und liturgisch tadellose Kirche müsste mit den gewaltigen Säkularisierungstendenzen ringen, die sich seit Jahrhunderten abzeichnen und sich rasant beschleunigen. Eine gegen das Übernatürliche immunisierte Weltsicht kommt hinzu und hält die Selbstoffenbarung Gottes in Zeit und Geschichte für kaum glaubwürdig – und damit das Kernstück des Christentums für nur schwer begründbar. Moral und Lebenshilfe sind ok. Eine persönliche Lebensgemeinschaft mit Christus aber zum ewigen Heil hin bleibt weithin unverstanden. Für sie durch Zeugnis und Argument zu begeistern, ist der einzige Weg der kleiner werdenden Herde in die Zukunft.

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