Vatikanstadt

Kommentar: Vom Wert der Messe

Aus dem jüngsten Schreiben des Papstes an den Bischof des chilenischen Bistums Punta Arenas spricht sein Geschichtsbild. Und er grenzt sich zum Mainstream linker Politiker in Lateinamerika ab.

Papstbesuch in Chile
Papst Franziskus sieht den Platz der Katholiken offenbar nicht auf dem Armesünderbänkchen, sondern auf den Knien vor dem Gekreuzigten. Foto: Cristian Vivero B. (Agencia Uno)

Aus dem jüngsten Schreiben des Papstes an den Bischof des chilenischen Bistums Punta Arenas spricht sein Geschichtsbild: Anlässlich des 500. Jahrestags der ersten Eucharistiefeier auf dem Staatsterritorium des heutigen Chile deutet der Papst dieses historische Ereignis als Fügung der göttlichen Vorsehung für die ganze Ortskirche Chiles und lädt zu Dank und Anbetung ein. Dass der Nachfolger Petri das Leitwort der Feierlichkeiten "Gott kam aus dem Süden" begrüßt, ist durchaus als Abgrenzung zum Mainstream linker Politiker in Lateinamerika zu verstehen, die von Versöhnung sprechen und im selben Atemzug Diffamierung der Kirche voraussetzen. Die erste Eucharistiefeier in Chile war kein Nebenschauplatz einer überflüssigen Expedition, sondern eine Gnade.

Keine einseitige historische Sichtweise

Wer die Entdeckungsreisen in Bausch und Bogen verteufelt, leugnet das Geschenk des Messopfers und des Evangeliums  gerade an die Armen. Franziskus lässt sich nicht autoritär auf eine einseitige historische Sichtweise festlegen, auch wenn er die indigenen Völker 2015 in Bolivien um Vergebung gebeten hat für die Sünden, die im Namen Gottes verübt wurden. Ein Persilschein für Revolutionsromantik oder Blindheit war das nicht. Im Bewusstsein der Probleme, die manche Gemeinde in Lateinamerika aufgrund der Gewaltbereitschaft im Allgemeinen und den Anschlägen auf Priester und Gotteshäuser im Besonderen hat, greift der Papst das Jubiläum auf, um alle Ethnien Lateinamerikas an den Wert des Messopfers zu erinnern. Angesichts der Chuzpe, mit der Politiker wie Mexikos Staatspräsident L pez Obrador eine Entschuldigung des Nachfolgers Petri für die Sünden der Eroberer einfordern, stellt der Papst hier die Weichen richtig.

Auch etliche westliche Politiker ließen es am liebsten mit einer Entschuldigung der Kirche zum Thema Entdeckung und Evangelisierung Lateinamerikas bewenden. Doch wäre damit alles gesagt? Zu den schwierigen Aufgaben des Nachfolgers Petri gehört es, zu unterscheiden, wann er sich für historisches Unrecht entschuldigen soll.  Franziskus sieht den Platz der Katholiken offenbar nicht auf dem Armesünderbänkchen, sondern auf den Knien vor dem Gekreuzigten.

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