Vatikanstadt

Kommentar um „5 vor 12“: Eine christliche Vision für Europa

Er wäre ein würdiger Patron des Abendlands. Johannes Paul II. gab der europäischen Idee Richtung und Ziel. Der Gedanke muss in Rom noch reifen.

Johannes Paul II. hat sich in Worten und Gesten für die Einigung Europas eingesetzt.
Johannes Paul II. hat sich in Worten und Gesten für die Einigung Europas eingesetzt. Foto: Martin Athenstädt (dpa)

Titanenhaft erhebt sich die Gestalt Papst Johannes Pauls II. über die allermeisten seiner und unserer prominenten Zeitgenossen. Sein epochales Werk und Wirken ist längst noch nicht in seiner ganzen Breite und Tiefe erkannt, geschweige denn gewürdigt.

Abgelehnt

Umso skurriler, dass das vatikanische Staatssekretariat nun eine zum 100. Geburtstag Karol Wojtylas vorgebrachte Bitte der polnischen Bischöfe ablehnte, den heiligen Papst aus Polen zum Kirchenlehrer und Patron Europas zu erheben. Mit der Absage aus Rom, die der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki, jetzt bekannt machte, weht uns ein Hauch von Geschichtsvergessenheit und kurialem Spießertum entgegen.

Einigung Europas

Wie alle seine Vorgänger seit Pius XII. hat sich Johannes Paul II. in Worten und Gesten für die Einigung Europas eingesetzt. Aber klarer und deutlicher als seine Vorgänger hat er ihr Richtung und Ziel gewiesen. In einzigartiger Hellsichtigkeit hat der am Widerstand gegen die politischen Häresien des 20. Jahrhunderts gestählte Papst aus Polen das Beste und Edelste des Abendlands herausgearbeitet – und vor drohenden Abgründen gewarnt. Darum konnte er ohne konfessionalistische Verengung das Katholische verkörpern, und ohne andere Religionen auszugrenzen beweisen, dass das Christentum eine identitätsstiftende Größe Europas ist.

Ein Vorbild

Als „Vorbild für den europäischen Integrationsprozess“ bezeichnete 2004 die Urkunde zur Verleihung des Karlspreises der Stadt Aachen den polnischen Petrus-Nachfolger. Weiter hieß es in der Begründung für diese prominente Auszeichnung, dass „das von ihm verkörperte Wertefundament“ es den Menschen in der EU ermögliche, „sich auf dieser gemeinsamen Grundlage als Europäer wiederzufinden“. Nicht Kirchenbeamte, sondern Politiker hatten da offenbar erkannt, dass Europa entweder eine christliche oder gar keine Identität hat!

Papst Johannes Paul II. würde sich trefflich und für Politik und Gesellschaft wegweisend unter jene herausragenden Heiligen einreihen, die er selbst einst zu Patronen Europas erhoben hat. Aber offenbar braucht man im Vatikan noch ein paar Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte, um das zu begreifen.

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