Madrid

Kommentar: Heilige Pflicht

Der Zeitpunkt, die Sonntagspflicht in Spaniens Hauptstadt Madrid wieder einzuführen, ist von der Diözese gut gewählt.

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Madrid: Die spanischen Bischöfe nehmen mit Mundschutzmasken an der Heiligen Messe in der Madrider Almudena-Kathedrale teil. Foto: Arzobispado De Madrid (EUROPA PRESS)

Spaniens Hauptstadt ist schwerer von der Corona-Pandemie betroffen als die meisten europäischen Metropolen. Umso bemerkenswerter, dass das Erzbistum Madrid die Mitte März ausgesetzte Sonntagspflicht am 8. Juli wieder eingeführt hat. Die Erzdiözese verweist auf die kirchenrechtlichen Vorgaben und gibt zu bedenken, dass die Menschen „allmählich zum normalen Alltag“ übergingen. Dass die Sonntagsmesse für Getaufte Bestandteil des normalen Lebens sein sollte, ist zwischen den Zeilen herauszulesen.

Madrid gibt anderen Diözesen einen Denkanstoß

Dennoch ist der Zeitpunkt gut gewählt. Das Erzbistum Madrid hat eine Schrittmacherfunktion für die Ortskirche auf der iberischen Halbinsel und gibt damit auch anderen Diözesen einen Denkanstoß. Tatsächlich ist kaum nachvollziehbar, warum alle Bereiche des öffentlichen Lebens bis zum sommerlichen Badevergnügen offensichtlich im Rahmen des Erlaubten sind, für die Sonntagspflicht aber weiterhin Dispens gelten soll. Dass die Eucharistiefeiern derzeit leerer sind als vor dem Lockdown, liegt teilweise an schlichter Unkenntnis der Gläubigen, was nun eigentlich in Bezug auf die Sonntagspflicht geltende Regelung ist. Die Macht der Gewohnheit bindet selbst regelmäßige Kirchgänger inzwischen an den Fernseher. Insbesondere in ländlichen Gegenden mit kleinen Gotteshäusern und hoher Pendlerquote befürchten die Gläubigen zudem, den Einheimischen den Platz wegzunehmen. Wenn viele so denken, bleiben schließlich auch etliche verfügbare Plätze frei. Das bringt mehr als einen Pfarrgemeinderat auf die manchem Pfarrer gar nicht so unwillkommene Idee, die Stunde sei da, Messfeiern zu streichen.

Die Zeit arbeitet gegen die Sonntagsmesse: Jeder Versuch, diesen Kern der Glaubenspraxis zu erhalten, zählt. Dass das Erzbistum Madrid seine Entscheidung auf die Beratungen des Ständigen Rats der Spanischen Bischofskonferenz stützt, ist ein gutes Zeichen.

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