München

Harnier-Kreis: Königstreue gegen Hitler

Aus katholischer Überzeugung und Heimatliebe: Der Harnier-Kreis war die größte Widerstandsgruppe Bayerns gegen den Nationalsozialismus.

König Ludwig III. und Kronprinz Rupprecht von Bayern
König Ludwig III. und Kronprinz Rupprecht von Bayern. Foto: B. Dittmar

Die größte Widerstandsgruppe während der Zeit des Nationalsozialismus war in Bayern der sogenannte Harnier-Kreis. Er ist heute kaum mehr bekannt, obwohl seine Geschichte ein erinnerungswürdiges Beispiel der bayerischen Heimatliebe und der katholischen Glaubensfestigkeit ist. Adolf von Harnier und Josef Zott, die zwei führenden Mitglieder des Kreises, verloren vor 75 Jahren ihr Leben.

Den bayerischen Patrioten war von Anfang an klar, dass der von den Nationalsozialisten angestrebte Zentralstaat eine Bedrohung für die Freiheit Bayerns bedeutet. Deshalb versuchte ihr politischer Verein, der Bayerische Heimat- und Königsbund, die Machtübernahme Hitlers zu verhindern. Nach seinen Vorstellungen sollte Bayern aus der Weimarer Republik ausscheiden und wieder Monarchie werden.

Das Vorhaben war nicht so unrealistisch, wie man vielleicht annehmen möchte. Der Königsbund hatte knapp 20.000 Mitglieder und bildete eine nicht zu unterschätzende Gegenbewegung zu den Nazis. Er veranstaltete Huldigungsfeste für den Kronprinzen und gewann sogar die Mehrheit des Landtags für seine Sache. Der Plan ging trotzdem nicht auf. Der Königsbund wurde verboten und aufgelöst.

Unter den Augen des Diktators

Die Königstreuen, die weiterhin etwas unternehmen wollten, mussten sich im Geheimen neu formieren. Noch im Jahr der Machtergreifung schlossen sich in München ehemalige Mitglieder zu einem Widerstandskreis zusammen. Vorsitzender wurde zunächst Heinrich Weiß, der Gartenverwalter von Schloss Nymphenburg. Seine aktivste Mitstreiterin, die Bildhauerin Margarethe Freiin von Stengel, organisierte die geheimen Treffen und finanzierte eine Druckmaschine für Flugblätter. Bald stießen Wilhelm Seutter von Lötzen und Josef Zott hinzu; sie halfen, den Widerstand landesweit aufzubauen. Als geheimes Erkennungszeichen wählten sie eine am Revers getragene Patrona Bavariae, die Schutzheilige Bayerns.

In München fanden sich schnell neue Mitglieder. Die Gruppe warb aber auch auf dem Land erfolgreich. Trotz der großen Gefahr einer Entdeckung gelang es ihr, ein beachtliches Netzwerk aufzubauen. Vor allem in Oberbayern und sogar „unter den Augen des Diktators“ in Berchtesgaden bildeten sich Zellen des Widerstandes. Die neuen Mitstreiter kamen aus allen Schichten der Bevölkerung. Die Mitglieder der Gruppe waren dementsprechend ein Schnitt durch die Gesellschaft: Unternehmer, Arbeiter, Gelehrte, Beamte, Landwirte und viele katholische Geistliche (über zehn Prozent!). Der hohe Anteil der Geistlichen war Ausdruck der großen religiösen Motivation der Gruppe. Für viele spielte die Verfolgung von Gläubigen eine entscheidende Rolle.

Ende 1936 fand schließlich der Münchner Rechtsanwalt Adolf Freiherr von Harnier seinen Weg in die Gruppe. Er hatte bereits einen ihm vorauseilenden Ruf als Gegner der Nazis. Nach der Machtergreifung wurde er nicht Mitglied des NS-Juristenbundes, sondern verteidigte vom Regime verfolgte Juden und Priester. Er war auch demonstrativ aus der Deutschen Adelsgenossenschaft ausgetreten, die sich in „reinblütigen“ Ariernachweisen erging und lautstark für Hitler warb. Letzteres war für Harnier ein Treuebruch gegenüber dem bayerischen Königshaus. Ein Hauptgrund für seinen Widerstand war aber die Religion. Er konvertierte 1934 zum katholischen Glauben. Hochgebildet und redegewandt übernahm er bald die Führung der Gruppe.

Flugblätter als wichtigstes Mittel

Adolf von Harnier
Adolf von Harnier. Foto: Privatbesitz/Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Das wichtigste Mittel der Königstreuen im Kampf gegen das Regime waren Flugblätter. Sie erreichten teilweise eine Auflage von bis zu 30.000 Stück und trugen Titel wie: „Ein Irrsinniger hat in Deutschland die Macht an sich gerissen“ oder „Unser Himmel ist blau-weiß, unser Feind das ist der Preiß“. Für die bayerischen Patrioten verkörperte der NS-Staat das alte Feindbild, das von Berlin aus die Freiheit Bayerns unterdrückt. Das war bei der allgemeinen Gleichschaltung und der Überhöhung des preußischen Militarismus nicht weit hergeholt. Mit reißerischer Gegenpropaganda forderten sie die Wiederherstellung der Monarchie als Garant für Bayerns Unabhängigkeit. Als Katholiken traten sie für freie Religionsausübung ein, die sie zunehmend bedroht sahen. Es waren auch noch weitere „Störaktionen“ geplant, um größere Aufmerksamkeit zu erlangen. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen …

Josef Zott, der sich für sozialpolitische Fragen interessierte, wollte mehr Leute aus der Arbeiterklasse gewinnen. Er nahm daher Kontakt zu Kommunisten auf. Aus diesem Milieu stammte dann leider auch der Spitzel, den die Gestapo 1936 in die Gruppe einschleusen konnte. Über weitere Agenten wurde schließlich die gesamte Organisation aufgedeckt. Im August 1939 schlug die Gestapo zu und verhaftete 125 Mitglieder. Später folgten noch weitere Festnahmen. Den Verhafteten wurde die Gründung einer verbotenen Partei, die Vorbereitung zum Hochverrat, und die Verbreitung von staatsfeindlichen Schriften vorgeworfen. Die weniger Belasteten kamen bereits Ende 1939 wieder frei. Man hielt sie schlicht für harmlos. Jene, die aktive Mitglieder und Werber geworden waren, blieben weiterhin in Haft. Sie ließ man erst im Siegestaumel des Frankreichfeldzuges laufen, jedoch hatten sie bis Kriegsende noch massive Repressalien zu ertragen.

Gesamte Bevölkerung war repräsentiert

Die führenden Köpfe warteten über fünf Jahre auf ihr Urteil. Heinrich Weiß, Margarethe von Stengel und Wilhelm Seutter von Lötzen wurden mit zweieinhalb Jahren Zuchthaus bestraft, Adolf von Harnier mit zehn Jahren. Nur Josef Zott, dem man seine Kontakte zu den Kommunisten vorwarf, erhielt die Todesstrafe. Er wurde am 15. Januar 1945 hingerichtet. Adolf von Harnier erlebte zwar noch die Befreiung, doch starb er bereits am 12. Mai 1945 an den Folgen seiner Internierung.

Der Widerstand des Harnier-Kreises war rein bayerisch motiviert, königstreu und katholisch – so wie damals die meisten Bayern eingestellt waren. Seine Mitglieder repräsentierten die gesamte bayerische Bevölkerung und nicht nur eine gesellschaftliche Kaste, soziale Gruppe oder politische Partei. Gemessen an der großen Zahl der verhafteten Mitglieder war er sogar die größte Organisation in Bayern, die sich gegen das Nazi-Regime formieren konnte. Man kann ihn daher als den eigentlichen Widerstand Bayerns gegen Hitler bezeichnen. Außerdem zeichneten sich seine Mitglieder dadurch aus, dass sie sich unmittelbar nach der Machtergreifung aus fester weltanschaulicher und religiöser Überzeugung zum Widerstand entschlossen haben – lange bevor das Grauen losging. Man könnte dem Harnier-Kreis daher heute ruhig etwas mehr Bedeutung in der Erinnerungskultur zusprechen.

Nach Adolf von Harnier wurde in der Landeshauptstadt München ein Platz benannt. Josef Zott erhielt im vergangenen Jahr eine Gedenktafel. Beide werden von der katholischen Kirche als Glaubenszeugen und Märtyrer verehrt.

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