IM BLICKPUNKT

Kleine Kirche mit großem Ansehen

Seit dem 1. Februar ist die Untersuchung der Osteranschläge auf Sri Lanka von 2019 abgeschlossen. Die Regierung hält die Dokumente aber bislang zurück. Der Kardinal von Sri Lanka, Malcolm Ranjith, droht nun den Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag anzurufen.

Präsident Rajapaksa im Gespräch mit Kardinal Ranjith
Präsident Gotabaya Rajapaksa (r) unterhält sich 2019 mit Kardinal Malcolm Ranjith (l). Foto: Krishan Kariyawasam via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Sie ist klein, aber mutig: Die katholische Kirche auf Sri Lanka, deren Gesicht Kardinal Malcolm Ranjith, der Erzbischof von Colombo ist, zeigt in diesen Tagen neuerlich unerschrockene Standfestigkeit. Am Ostersonntag vor zwei Jahren, am 21. April 2019, hatten Selbstmordattentäter in drei Kirchen und drei Hotels des Landes 280 Menschen in den Tod gerissen und mehr als 600 schwer verwundet. Es war der Kardinal, der mit seiner Autorität damals Racheakte der wütenden und traumatisierten Angehörigen verhinderte. Auf der traumhaft schönen Insel im Indischen Ozean staunten viele Buddhisten, die 70 Prozent der Einwohner stellen, über die Friedfertigkeit der Christen.

„Ich kann den Terroristen vergeben, aber nicht der Regierung!“

„Unser Kardinal ist ein lebender Heiliger“, meinte ein Katholik, der seine Frau bei dem Anschlag verlor, damals im Gespräch mit der „Tagespost“. Er sei so stolz, Katholik zu sein. Und: „Ich kann den Terroristen vergeben, aber nicht der Regierung!“ Genau hier liegt das dritte große Verdienst von Kardinal Ranjith: Zunächst verhinderte er ein neues Blutbad, indem er die Trauernden abhielt, Rache zu nehmen und von Opfern zu Tätern zu werden. Dann organisierte er, was der Staat zwar versprach, aber nie zu leisten verstand, nämlich psychologische, soziale und finanzielle Hilfe für die Familien der Terroropfer – und dies unabhängig von ihrer Konfessionszugehörigkeit. Drittens drängt der Kardinal energisch auf eine konsequente Aufklärung der Hintergründe der Anschläge.

Jetzt hat Ranjith der Regierung Sri Lankas gedroht, den Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag anzurufen, sollte sie bei der Aufklärung weiterhin versagen. „Wenn die Regierung den Opfern der Oster-Anschläge keine Gerechtigkeit zuteil werden lässt, dann werde ich zum Internationalen Gerichtshof gehen und Gerechtigkeit einfordern.“ Und weiter: „Die Familien der Opfer wollen die Wahrheit wissen!“, sagt der Kardinal. Auch er selbst hat bis heute keine Einsicht in die seit 1. Februar abgeschlossenen Dokumente der Untersuchung der Regierung erhalten. Ranjith ist davon überzeugt, dass die staatlichen Autoritäten alles tun werden, um eine internationale juristische Aufarbeitung zu verhindern. Darum droht er der Regierung nun, seine Leute würden die Vertuschung nicht länger tolerieren.

Trotz wiederholter Warnungen vor Anschlägen nichts unternommen

Zur Geheimniskrämerei hat die Regierung offenbar allen Grund: Erwiesen scheint zu sein, dass der indische Geheimdienst die zuständigen Regierungsbehörden in Sri Lanka bereits drei Wochen vor den mörderischen Anschlägen mit konkreten Hinweisen warnte und diese Warnungen mehrfach wiederholte – sogar noch am Morgen des Ostersonntag. Die Verantwortlichen in Colombo unternahmen jedoch gar nichts. Kardinal Ranjith bezeichnete das in einem „Tagespost“-Interview damals als „schwerwiegenden Fehler, Fehlkalkulation und ein sträfliches Verbrechen“, durch das viele Menschen ihr Leben verloren.

Die Regierung Sri Lankas hätte Sicherheitsvorkehrungen treffen können und tat es nicht. Sie hätte den Hinterbliebenen der Terroranschläge helfen können und tat es allenfalls rudimentär. Und sie hätte für eine lückenlose öffentliche Aufklärung sorgen müssen, tut aber alles, ihr eigenes Versagen zu vertuschen.
Nur sieben Prozent der Einwohner Sri Lankas sind Katholiken. Aber auch der buddhistischen Mehrheit fällt auf, wie konsequent und mutig der höchste Repräsentant der Kirche auf der Insel von Anfang an die Regierung kritisierte, zur Aufklärung drängte und sich an die Seite der Opfer stellte. Klein mag sie ja sein, die katholische Kirche Sri Lankas. Ihr Prestige jedoch ist stark gewachsen.

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