Heidelberg

Klaus Berger: Gelebte Ganzhingabe

Zum Tod des deutschen Exegeten.

Zum Tod des deutschen Exegeten Klaus Berger
Er war nicht nur ein trockener Wissenschaftler, sondern ein Theologe, der über das sprach, was ihn innerlich bewegte: Klaus Berger. Foto: KNA

Der Tod eines Menschen ist immer ein gravierender Einschnitt. Umso mehr, wenn es sich um einen profilierten Denker, leidenschaftlichen Forscher und tief in der Liturgie verwurzelten Beter wie Klaus Berger handelt, der am 8. Juni an seinem Schreibtisch in Heidelberg über sein Joachim von Fiore-Buch gebeugt starb. Am 25. November 1940 in Hildesheim geboren, wuchs er in Goslar auf, einer Stadt, die er liebte und deren mittelalterliche Idealstruktur ihn tief prägte. Ein wichtiger Punkt. Denn Theologie war für Berger nicht nur ein Abenteuer, bei dem ihn jede Entdeckung bis zuletzt begeisterte. Er sah sie ganz wesentlich auch als Biografie. Für den Sohn eines katholischen Vaters und einer evangelischen Mutter, der immer der einzige Katholik in seiner Klasse war, bedeutete dies: „Alle Diskussionen über Kirche und Papst …fielen irgendwie auf mich zurück. Daher war ich später in apologetischer Hinsicht gut vorbereitet.“ Die feine Selbstironie, die aus diesen Sätzen spricht, ist typisch für Berger. Ebenso wie sein Humor, der sich trefflich mit seiner Fähigkeit, die Dinge auf den Punkt zu bringen, paart.

"Wer mit dem Zeitgeist verheiratet ist,
wird bald als Witwer dastehen"

Sätze wie: „Wer mit dem Zeitgeist verheiratet ist, wird bald als Witwer dastehen“, machen deutlich, warum sich die Zahl der Hörer seiner Vorlesungen in Heidelberg von acht auf über 2 500 in einer legendären Nikolausvorlesung steigerte. Dieses Modell einer Lectio war, wie so vieles bei Berger, hintergründig konzipiert. Die Tradition jenes Zeitrahmens vom 6. Dezember bis zum 6. Januar aufgreifend, in dem im Mittelalter die Rollen getauscht wurden und ein Chorsänger auf dem Bischofsthron Platz nahm, transformierte er mit einem Vortrag, in dem er unter Verwendung der Argumentationsstrategien seiner historisch-kritisch arbeitenden Kollegen nachwies, dass der heilige Bischof Nikolaus eine historische Person sei, Karl Barth aber nicht existiert habe. Die Studenten waren belustigt, die Kollegen verschnupft. Eine klassische Situation, der Berger immer wieder begegnete

. Ganz ähnlich wie Peter Abaelard konnte er das logische Denken einfach nicht lassen. Auch dann nicht, wenn es die engen Grenzen sprengte, die durch die universitären Seilschaften gespannt worden waren und sind. Dass „Liturgie … der eigentliche Ort der Schriftauslegung“ ist, war einer jener Sätze, die zwar wahr, aber nicht systemkompatibel sind und ihn deshalb sowohl zum Einzelkämpfer als auch zum Leuchtturm für eine fachbereichsübergreifende Form der theologischen Arbeit machten. Viele sind ihm dafür dankbar. „Es ist das Verdienst von Klaus Berger, dass er durch seine Weise der neutestamentlichen Exegese – gerade im Blick auf das Johannes-Evangelium – die Bedeutung der Mystagogie auch für die Pastoraltheologie und Katechetik wieder erschlossen hat“, würdigt Bischof Franz-Peter Tebartz van Elst den Verstorbenen.

Gerne wäre Berger Priester geworden

Gerne wäre Berger Priester geworden. Ein gotischer Kelch mit Patene auf seinem Schreibtisch erinnern daran. Aber der Weg zur Weihe wurde ihm versperrt, als seine Dissertation, fälschlicherweise als häretisch angesehen, zwar mit Summa cum laude bewertet wurde, man dies aber mit der Forderung verknüpfte, er müsse eine neue verfassen. Dass ihm die druckfertige Fassung innerhalb von zwei Monaten gelang – seine eigenen rund 70 Doktoranden brauchten zwischen zwei und vier Jahren – ist eines der Kennzeichen der Hochbegabung Bergers. Neben Latein und Griechisch, in denen er in der Schule niemals schlechter als mit einer Eins abschnitt, lernte er Hebräisch, Aramäisch, Syrisch, Äthiopisch, Arabisch und Koptisch. Für ihn eine Selbstverständlichkeit. Denn Berger war überzeugt, dass man die Heilige Schrift des Neuen Testaments nicht nur im Kontext des Alten, sondern auch und vor allem im Kontext der zeitgenössischen geistlichen Schriften lesen und verstehen muss.

Seine Arbeitsweise verrät den performativen Prozess der Transformation der ersehnten Ganzhingabe im Priesteramt. Was er anfing, tat er mit einem Engagement, das weit jüngere atemlos gemacht hätte. „Tagespost“-Leser kennen ihn nicht nur aus seinen stets kenntnisreichen, überraschende Details vermittelnden Schriftauslegungen, sondern auch durch die Vorstellung seiner immer neuen Buchpublikationen. Neben wissenschaftlichen Standardwerken finden sich die von ihm sogenannten Fragezeichenbücher, die diskursiv und allgemeinverständlich weiterdenken, was sich aus seinen Forschungen ergibt. Denn Berger unterschied in seiner Hermeneutik zwischen Exegese, bei der er die Fremdheit des Textes als Chance für dessen Verständnis nutzte und der Anwendung der Erkenntnisse. Dabei blieb der betrachtende Zugang für den Familiar des Zisterzienserordens nach der notwendigen sprachlichen und exegetischen Arbeit essenziell. Es war revolutionär, dass Berger seinen Vorlesungen meditative Vertiefungen folgen ließ.

Berger eckte an und wurde ungereht behandelt

Er knüpfte damit an das Modell der monastischen Theologie mit deren Mischung aus Durchdenken, im Gebet vor Gott tragen und in der Liturgie feiern an. Ein Ausnahmeansatz. Denn Berger studierte und lehrte in einer Umgebung, in der „die exegetischen Lehrer … Langeweile oder aktiven Unglauben“ ausstrahlten. Dass dies zu Konflikten führen musste liegt nicht nur daran, dass Berger durchaus streitbar war. Wenn ihm unzureichend durchdachte Sätze wie der von Prof. Johanna Rahner begegneten, die sagte: „Die Bibel ist insofern Heilige Schrift, als Menschen glauben, dass sich die menschliche Gotteserfahrung dort authentisch widerspiegelt“, konnte er in generöser logischer Zuspitzung erwidern: „Wenn man Gedichte von Ida Friederike Görres liest, sind das doch auch menschliche Erfahrungen mit Gott, ohne dass es sich deshalb schon um Heilige Schrift handelt.“ Berger eckte an und wurde im Laufe seines Lebens so himmelschreiend ungerecht behandelt, dass es, wie er selbst sagt, ein Wunder ist, dass seine Gesundheit keinen tödlichen Schaden nahm. Dass er dennoch unbeirrt dem einmal eingeschlagenen Weg folgte, zeigt eine bemerkenswerte Grundhaltung, die Prof. Veit Neumann so auf den Punkt bringt: „Ich durfte ihn als einen Menschen kennenlernen, der auf der Suche nach Vertrauen war, aber auch bereit war, großes Vertrauen zu schenken.“

Auf Anfragen reagierte er mit einer für Theologen bemerkenswerten Bekenntnisfreude. Prof. Berthold Wald erinnert sich: „Nach einem Vortrag über Wunder im Neuen Testament ereiferte sich eine Dame darüber, dass man die Auferweckung des Lazarus unmöglich für wahr halten könne, ohne sich „den Kopf abzuschrauben“.

Inneres Feuer und luzider Intellekt

Bergers Reaktion war etwas verhalten mit Verweis auf unterschiedliche Erfahrungsräume damals und heute. Auf meinen Hinweis, damit sei aber die Frage nach der Möglichkeit beziehungsweise Unmöglichkeit von Wundern nicht beantwortet, erklärte er mit der Entschiedenheit eines Glaubenszeugen: „Vielen Dank für die klärende Nachfrage. Ich sehe in der Tat keinen Grund, von heute aus an der Tatsächlichkeit der bezeugten Auferweckung zu zweifeln.“

So umstritten Berger bei manchen innerhalb der universitären Theologenszene war, so sehr überzeugte er diejenigen, die persönlich die Gelegenheit hatten, sein inneres Feuer und seinen luziden Intellekt kennenzulernen. „Seit ich vor mehr als zehn Jahren dem Heimgegangenen im kleinen Kreis begegnet war“, schreibt Paul Josef Kardinal Cordes,  „wuchs meine Aufmerksamkeit für seine Monographien und Studien. Seine Kenntnis des Altertums und der historisch-kritischen Exegese wird bei ihm zum dienlichen Schlüssel für die verlässliche Lektüre der Bibel. Gleichzeitig lässt seine eigene Bindung an die Kirche die Heilige Schrift nicht zur Diskussionsmaterie verkommen. Klaus Berger war und bleibt manchem Wegweiser zum dreifaltigen Gott.“

Ein Wegweiser, auf den man sich verlassen kann, wie der emeritierte Bamberger Erzbischof Dr. Karl Braun betont. „Denn im Unterschied zu einem religiös liberalen Geist der Anpassung an die Zeit – auch im Blick auf eine solche Versuchung in der Kirche – begegnete er einer „Theologie der Ratlosigkeit“ und einer allein historisch-kritisch geprägten modernen Exegese mit biblischer Radikalität und mit einer verborgenen Liebe zur Kirche, die in seinem Wirken immer stärker zum Leuchten kam.“ Et lux perpetua luceat eum.

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