München

Kirchenrechtler Güthoff zu Segnungsfeiern: Verstöße, kein Schisma

Der Münchner Kirchenrechtler Elmar Güthoff hält eine strafrechtliche Klärung der Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare für nicht möglich.

Segnungsgottesdienst für Liebende
Priester Christian Olding segnet ein homosexuelles Paar und hält ihre Hände beim Segnungsgottesdienst "Liebe gewinnt" in der Kirche Sankt Martin in Geldern am 6. Mai 2021. Foto: Rudolf Wichert (KNA)

Herr Professor Güthoff, der frühere Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, geht davon aus, dass von den Segnungsfeiern am 10. Mai die Gefahr eines Schismas ausgeht. Wie begründet ist diese Einschätzung?

Lassen Sie mich zunächst bitte klarstellen, dass es hier ausschließlich um die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften geht, die von der Kongregation für die Glaubenslehre verboten, aber am vergangenen Wochenende gleichwohl vorgenommen wurden. Es geht nicht um die Segnung von Personen, denn die ist grundsätzlich möglich. Es geht auch nicht um die Frage der kirchlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Die von der Kongregation für die Glaubenslehre angeführten Gründe des Verbotes von Segnungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften lassen sich - ungeachtet einiger Unterschiede - auf Segnungen von standesamtlichen Eheschließungen rein zivil wiederverheirateter Katholiken übertragen, die ebenfalls nicht möglich sind, um die es hier aber nicht geht.

Was ist ein Schisma?

"Da die Einheit der Kirche ein hohes Gut ist,
sollte man sie nicht durch sein Handeln gefährden"

Ein Schisma ist eine Kirchenspaltung, die Aufkündigung des Bandes der Einheit, die Verweigerung der Unterordnung unter den Papst. Es ist die schwerste Straftat gegen die Einheit der Kirche und zieht die Tatstrafe der Exkommunikation nach sich. Die Strafe tritt mit der Tat ein, muss aber für die Durchsetzbarkeit im äußeren Bereich kirchenamtlich festgestellt werden. Da die Einheit der Kirche ein hohes Gut ist, sollte man sie nicht durch sein Handeln gefährden. Das Ringen um die Einheit war noch nie einfach. Spannungen sollten dabei - soweit möglich - ausgehalten werden, wobei die Gefahr des Indifferentismus zu vermeiden ist. Dabei sollte man Handlungen nur zurückhaltend als schismatisch bezeichnen, denn in den meisten Fällen sind sie es nicht. Unerlaubt vorgenommene Segnungen sind als solche keine schismatischen Akte. Davon ist auch in der Antwort der Kongregation für die Glaubenslehre nicht die Rede.

Man sollte nicht versuchen, in diese Segnungen einen theologisch höheren Stellenwert zu interpretieren. Es gibt kein indirektes Schisma. Verstöße im Bereich der Liturgie sollte man nicht zum Schisma uminterpretieren. Das kirchliche Strafrecht ist vom Grundsatz der Milde geprägt. Davon ist auch die strafrechtliche Beurteilung von Segnungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften nicht ausgenommen. Strafen sollen grundsätzlich nur verhängt werden, wenn es keine andere Möglichkeit gibt. Dieser Grundsatz hat Grenzen: Sexueller Missbrauch an Schutzbefohlenen ist mit der vollen Härte des Gesetzes zu ahnden.

Was unterscheidet öffentlich angekündigte und medial verbreitete Segnungsfeiern gleichgeschlechtlicher Paare kirchenrechtlich von  Segnungen, die "unter dem Radar" vielerorts stattfinden?

Segnungen sind keine Privatsachen, sondern immer Handlungen der Kirche, was auch auf nicht öffentlich vorgenommene Segnungen zutrifft. Öffentlich vorgenommenen Segnungen kommt eine größere Aufmerksamkeit zu, vor allem wenn ihnen ein kirchenamtliches Verbot entgegensteht. Ein kirchenrechtlich relevanter Unterschied zwischen einer öffentlich und nicht öffentlich vorgenommenen Segnung liegt in der Beweisbarkeit, was im Hinblick auf die Verhängung einer Kirchenstrafe relevant sein kann. Aber noch einmal: Das kirchliche Strafrecht ist vom Grundsatz der Milde geprägt. Nur weil die Verhängung einer Strafe dem Buchstaben des Gesetzes nach möglich ist, bedeutet das nicht, dass sie auch verhängt werden sollte.

Der Kirchenrechtler Gero Weishaupt äußerte, dass ein Bischof, der das Verbot der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ignoriert und ihm zuwiderhandelt, sich die Exkommunikation als Tatstrafe zuziehe. Wie sehen Sie das? 

"Der Papst hat die Antwort der Kongregation für
die Glaubenslehre nicht in besonderer Form bekräftigt,
sondern die Veröffentlichung dieser Erklärung lediglich
gutgeheißen, was keine Bestätigung in besonderer Form ist"

Die Argumentation von Gero Weishaupt ist geprägt von der aufrichtigen Sorge um die Reinerhaltung des Glaubens und die Aufrechterhaltung der kirchlichen Ordnung. Das verdient Anerkennung und Respekt! Seine Argumentation setzt voraus, dass der Papst die Antwort der Kongregation für die Glaubenslehre in besonderer Form bekräftigt und so zu einer päpstlichen Erklärung gemacht hat. Daraus zieht er dann die härtest möglichen strafrechtlichen Schlussfolgerungen, die aber angesichts des zuvor erwähnten Grundsatzes der Milde des kirchlichen Strafrechts problematisch sind. In der von ihm aufgezeigten Störung der Einheit mit dem Papst erblickt er ein Schisma, aber ein Schisma ist - wie zuvor gesagt - viel mehr als nur eine Störung. Zudem hat der Papst die Antwort der Kongregation für die Glaubenslehre nicht in besonderer Form bekräftigt, sondern die Veröffentlichung dieser Erklärung lediglich gutgeheißen, was keine Bestätigung in besonderer Form ist. Damit gehen die Schlussfolgerungen von Gero Weishaupt letztlich zu weit.

Unter welchen Voraussetzungen wäre eine Strafe denkbar? 

Kirchenrechtler Elmar Güthoff

Nach c. 1371 soll bestraft werden, wer dem Apostolischen Stuhl trotz Verwarnung nicht gehorcht. Die Exkommunikation dürfte hier nicht in Betracht kommen. Voraussetzung einer Bestrafung wäre eine erfolglose Verwarnung. Meines Wissens ergingen bislang aber keine Verwarnungen. Ist der Täter ein Bischof, dann ist der Papst für die Ahndung zuständig, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass der Papst ein solches Strafverfahren führt. Bei einem Priester ist der jeweilige Diözesanbischof zuständig. Die Verhängung einer Strafe setzt den strafrechtlichen Vorsatz des Täters voraus. Die Kongregation für die Glaubenslehre anerkennt bei Segnungen von gleichgeschlechtlichen Verbindungen den in vielen Fällen vorhandenen aufrichtigen Willen, homosexuelle Personen anzunehmen, zu begleiten und ihnen Wege des Glaubenswachstums anzubieten. Wo Segnungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften derart motiviert waren, wird man wohl nicht schematisch von einem strafrechtlich relevanten Vorsatz ausgehen können. Zudem muss man genau unterscheiden, ob es sich um unzulässige Segnungen von Partnerschaften handelte oder um Segnungen von Personen, die grundsätzlich möglich sind. Das kirchliche Strafrecht muss jedem Angeschuldigten gerecht werden. Daher setzt seine Anwendung eine exakte Einzelfallprüfung voraus. Ich glaube nicht, dass die Frage der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften strafrechtlich angemessen geklärt werden kann. Im Ringen um die Einheit der Kirche sollte das Verhängen von Kirchenstrafen nur erfolgen, wenn mildere Maßnahmen zu keinem Ergebnis führen. Die Verhängung einer Kirchenstrafe sollte dabei nur ultima ratio sein und nicht aus kirchenpolitischen Erwägungen erfolgen.

Der Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann plädierte mit Blick auf Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare für eine vollständige Liturgie mit Wortverkündigung, Segensgebet, Fürbitten und Ringtausch und argumentierte: "Segensfeiern sind Hochformen christlicher Liturgie, vergleichbar mit der Taufe". Wie sehen Sie das? 

Die Anregung von Benedikt Kranemann verstehe ich als positiv motivierten Beitrag zum Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in der Kirche. Segensfeiern sind durchaus Hochformen christlicher Liturgie. Handelt es sich um die Segnung einer Lebensgemeinschaft, ist die Analogie zum Sakrament der Ehe gegeben, was durch das Austauschen von Ringen verstärkt wird. Die Antwort der Kongregation für die Glaubenslehre verneint die Möglichkeit der Segnung gleichgeschlechtlicher Verbindungen aber gerade unter Verweis auf die Analogie der Sakramentalien zu den Sakramenten und die Gefahr der Verwechselung einer solchen Segnung mit dem Brautsegen. Sollte es tatsächlich zu einer solchen Regelung kommen, würde eine Intervention der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung oder der Kongregation für die Glaubenslehre schnell erfolgen.

Derzeit entwickeln einige Diözesen eine Handreichung, die auch einen Vorschlag für den Ablauf einer Segensfeier enthalten wird. Sind unter diesen Umständen Sanktionen gegen Gläubige, die aus der Kirche austreten, weil sie es mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren können, eine gegen das Lehramt gerichtete Theologie/Pastoral zwangsweise durch ihre Kirchensteuer mitzufinanzieren, kirchenrechtlich noch haltbar? 

Die DBK hat 2012 beschlossen, jeden vor dem Staat erklärten Kirchenaustritt mit weitreichenden Ordnungsmaßnahmen zu belegen. Nun sind Konstellationen möglich, in denen man vor dem Staat den Austritt aus der Kirche erklärt, aber der Kirche als Glaubensgemeinschaft verbunden bleiben will. Die DBK sieht die Ordnungsmaßnahmen für jeden Kirchenaustritt vor. Diese schematische Anwendung wird der Intention der Austretenden in einigen Fällen nicht gerecht. In Ihrer Frage haben Sie dafür ein Beispiel genannt. Man mag das kritisieren, aber es ist geltendes Recht.

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