München/Regensburg

Kirchenaustritte: Pastoraltheologe Wollbold sieht "rasante Auflösung"

Der Münchner Pastoraltheologe Wollbold ermutigt angesichts der Austrittszahlen zu intensiverer Seelsorge - und hält Strukturreformen für den falschen Ansatz. Dorothea Schmidt von Maria 1.0 mahnt, an der Christusbeziehung jedes Einzelnen anzusetzen.

Kirchen in Deutschland: Anstieg der Austrittszahlen
Nach Angaben der DBK machte die Anzahl der Katholiken im vergangenen Jahr in Deutschland 27,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild)

Angesichts der kürzlich von der deutschen Bischofskonferenz veröffentlichten aktuellen Zahlen der Bistümer für das vergangenen Jahr hat der Münchner Pastoraltheologe Andreas Wollbold zu intensiverer Seelsorge ermutigt. Jeder Kirchenaustritt sei ein schmerzhafter Verlust für die Kirche, erklärte er gegenüber dieser Zeitung. Viel mehr als der Ausfall an Kirchensteuern schmerze die Tatsache, dass die katholische Kirche in Deutschland in den letzten Jahren „eine rasante Auflösung selbst noch von Resten an christlicher Gläubigkeit und Praxis“ erlebe. Große Teile der Getauften weisen Wollbold zufolge inzwischen eher humanistische oder naturalistische Grundüberzeugungen auf. „Mit einem persönlichen Gott können sie nichts mehr anfangen.“ Das gelte für beide Konfessionen. Wollbold warnte vor falschen Lösungsansätzen: „Es geht also nicht um kirchliche Strukturreformen. Auf den Glaubensverlust kann es nur eine Antwort geben: unermüdliche Seelsorge nahe am Menschen.“

"Echtes, tiefes Umdenken" nötig

Auch Dorothea Schmidt von Maria 1.0 sieht in Struktrurreformen keinen Ausweg aus der Krise. Reformen müssten an der Christusbeziehung jedes Einzelnen ansetzen statt bei Strukturen, äußerte sie gegenüber der „Tagespost“ . Hier sei „ein echtes, tiefes Umdenken nötig“. Schmidt, die auch der Synodalversammlung angehört, wandte sich gegen Versuche einer Angleichung der katholischen Kirche an die Evangelische Kirche in Deutschland: „Bei den Protestanten sehen die Zahlen nicht besser aus als bei den Katholiken. Warum also soll die katholische Kirche protestantisiert werden? Die vermeintlichen Vorteile, die die Reformer anstreben haben doch auch der evangelischen Kirche nachweislich nichts gebracht. Viel effektiver wäre es zu evaluieren, wo der Glaube freudig gelebt wird und wächst – und warum.“ Die junge Mutter verwies auf geistliche Bewegungen und lebendige Pfarreien. Wo Christus nicht um seiner selbst willen gesucht und angebetet werde, seien Gemeinden „höchstens Plattformen der Selbstverwirklichung und Zeitgeistfrömmigkeit.“

Der DBK-Vorsitzende Bischof Georg Bätzing hatte dafür plädiert, die Rolle der Frau innerhalb der Kirche zu stärken, andernfalls sei diese bald am Ende.  Nach Angaben der DBK machte die Anzahl der Katholiken im vergangenen Jahr in Deutschland 27,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die katholische Kirche in Deutschland hatte demnach 22 600 371 Mitglieder. Die Zahl der Kirchenaustritte stieg 2019 auf 272 771 an (2018: 216 078) Damit verzeichnet der Kirchenaustritt einen Anstieg um rund 30 Prozent. Die Zahl der Priester beträgt 12 983 – im Jahr 2018 waren es noch 13 285. Davon sind nach Angaben der DBK 6 460 in der Pfarrseelsorge tätig (Vorjahr: 6 672). Der Gottesdienstbesuch ging in 2019 erneut zurück und lag bei 9, 1 Prozent (2018: 9, 3 Prozent).

Regensburg warnt vor hohen Erwartungen an Synodalen Weg

Bischof Bätzing hatte gegenüber der Presse festgestellt, an den Zahlen gebe „es nichts schönzureden. Der Prozess der Erosion persönlicher Kirchenbindung zeigt sich dort besonders deutlich.“ Man werde die heute veröffentlichten Zahlen ernst nehmen und mit in die Diskussionen des Synodalen Weges einbringen.
Demgegenüber warnte das Bistum Regensburg vor allzu hohen Erwartungen in den Synodalen Weg.  Die höheren Austrittsquoten der Protestanten belegten unabweisbar, dass die Veränderungen, die die Regisseure des Synodalen Weges der Kirche verordnen wollen, die Botschaft Christi den Menschen keinen Millimeter näher bringen werden, so Pressesprecher Clemens Neck gegenüber dieser Zeitung. Das Gegenteil sei der Fall. Wörtlich erklärte Neck: „Es liegt auf der Hand, dass eine Kirche, die ihren Identitätskern aufgegeben hat, nur noch schneller dahinschrumpfen wird.“

DT/reg/pwi

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