München

Kirche in Not: „Wir wollen Aufklärung“

Nach dem Bekanntwerden des Vorwurfs sexueller Nötigung gegen „Kirche in Not“-Gründer Pater Werenfried erklärt der Chef des Hilfswerks, Thomas Heine-Geldern, warum die Kenntnisse über den Missbrauch 2010 nicht öffentlich gemacht wurden.

"Speckpater" Werenfried van Straaten
Pater Werenfried im Jahr 1992 in Spanien. Der Gründer von "Kirche in Not" soll eine Mitarbeiterin sexuell belästigt haben. Foto: Heinz Ducklau (dpa)

Herr Heine-Geldern, in dem Artikel der „Zeit“-Beilage „Christ&Welt“ wird ein Brief erwähnt, in dem Pater Werenfried van Straaten sexuelle Nötigung vorgeworfen wird. Was sagt „Kirche in Not“ zu diesen Vorwürfen?

„Kirche in Not“ ist über die schweren Vorwürfe gegen den Gründer des Hilfswerks, Pater Werenfried van Straaten, sehr betroffen. Das Werk distanziert sich umfänglich von dem Verhalten, das Pater van Straaten vorgeworfen wird. Wir wollen eine offene und vollständige Aufklärung. Daher haben wir die uns bekannten Erkenntnisse veröffentlicht. Ich kann bestätigen, dass es solche Vorwürfe gibt. Als vor zehn Jahren erstmals die Vorwürfe erhoben wurden, war Pater Werenfried seit sieben Jahren tot. Er konnte selbst nicht mehr dazu Stellung nehmen. Aber es gab solche Vorwürfe, das ist eine Tatsache und das bestreiten wir nicht.

Gut, es gibt die Vorwürfe. Aber stimmen sie denn?

Man muss zwischen den verschiedenen Vorwürfen differenzieren. Erstmal der Schwerwiegendste: der Vorwurf der sexuellen Nötigung. Tatsächlich erhob im Jahre 2010 eine ehemalige Mitarbeiterin gegen Pater van Straaten den Vorwurf der sexuellen Nötigung. Die Tat soll sich im Jahr 1973 – die Frau war damals 23 Jahre alt – ereignet haben. Die Schilderung des Vorfalls aus dem Jahr 1973 erschien den damals Verantwortlichen von „Kirche in Not“ glaubhaft. Deswegen sind sie schon damals der für den kirchlichen Bereich in Deutschland empfohlenen Praxis zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen gefolgt und haben der Betroffenen eine finanzielle Hilfeleistung in Milderung ihres Leids zuerkannt.

"Möglichen Opfern wird zu Recht eine finanzielle Hilfestellung gezahlt,
wenn die Tathergänge nach einer Prüfung glaubhaft erscheinen,
auch wenn keine weiteren Beweise vorliegen."

„Kirche in Not“ hat eine Zahlung an das mutmaßliche Opfer geleistet. Ist das nicht ein Schuldeingeständnis?

Nein. Möglichen Opfern wird zu Recht eine finanzielle Hilfestellung gezahlt, wenn die Tathergänge nach einer Prüfung glaubhaft erscheinen, auch wenn keine weiteren Beweise vorliegen und die Beschuldigten nicht mehr befragt werden können. Das ist die für den kirchlichen Bereich empfohlene Praxis für die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen nicht nur in Deutschland, sondern auch zum Beispiel bei uns in Österreich.

Es gibt weitere Vorwürfe gegen Pater Werenfried, die seine Lebensführung betreffen.

Die weiteren gegen Pater van Straaten erhobenen Vorwürfe, insbesondere von Maßlosigkeiten in der Lebensführung, beruhen auf Einzelberichten über übermäßigen Genuss von Alkohol oder Essen. Weitere Quellen haben wir nicht gefunden. Wir haben auch keine Hinweise auf faschistoide Gedanken in Schriften oder Äußerungen gefunden, die dem Leiter von „Kirche in Not“ zugeschrieben werden können. Wir wissen aber, dass Pater van Straaten jede Art von Diktatur verurteilt hat und entschieden dagegen aufgetreten ist.

"Der damalige Führungsstil entsprach sicher nicht
dem heutigen Verständnis moderner Personalführung."

Beklagt wurde aber immer wieder auch seine autoritäre Amts- und Mitarbeiterführung.

Was die ebenfalls genannten Defizite in der Führung des Werkes angeht, muss zunächst festgehalten werden, dass Pater van Straaten das Hilfswerk im Jahr 1947 gründete und es dann über einen Zeitraum von 55 Jahren geleitet hat. In diesem Zeitraum gab es immer wieder Konflikte und Auseinandersetzungen mit Mitarbeitern. Der damalige Führungsstil entsprach sicher nicht dem heutigen Verständnis moderner Personalführung.

Warum wurden die Vorwürfe 2010 nicht publik gemacht?

Die Betroffene bat damals darum, dass der Vorwurf vertraulich behandelt wird. Sie wollte einen möglichen Seligsprechungsprozess von Pater van Straaten verhindern, nicht aber dem Werk und seinen Projekten, die sie gut kannte, schaden.

Hat es tatsächlich seitens des Hilfswerkes Bestrebungen gegeben, einen Seligsprechungsprozess für Pater Werenfried zu eröffnen?

Pater van Straaten hat vielen Menschen geholfen und ein großes Werk der tätigen Hilfe aufgebaut. Es gab daher einzelne, dem Werk nahestehende Personen, die nach dem Tod des Paters ein Seligsprechungsverfahren initiieren wollten. „Kirche in Not“ als Institution hat einen solchen Prozess nie betrieben.

"Pater van Straaten wird in der Geschichte des Hilfswerks
als Person des Gründers seinen Platz haben."

Wie wird man künftig mit dem Gründer umgehen? Wird man sein Gedächtnis völlig auslöschen?

Nein, Pater van Straaten wird in der Geschichte des Hilfswerks als Person des Gründers seinen Platz haben. Allerdings wurde das Werk bereits vor rund zehn Jahren in allen Organisationsbereichen neu aufgestellt. Die Mission und das Einstehen für die bedrängte und leidende Kirche sind geblieben. Im Mittelpunkt der Arbeit steht heute mehr denn je die Situation der Christen in Not weltweit sowie deren Unterstützung durch das Hilfswerk.

In einigen Meldungen wurde behauptet, dass die Vorwürfe als Ergebnis der Visitation ans Licht kamen. Weshalb wurde 2009 bis 2011 eine päpstliche Visitation bei KIN durchgeführt?

Die Visitation war in keiner Weise auf die Vorwürfe gegen Pater van Straaten gerichtet. Sie hatte die Modernisierung der Organisation zum Ziel und sie war sehr wichtig für das Werk. Sie hatte den Auftrag, die organisatorische Modernisierung des Hilfswerks einzuleiten. Als Folge davon ergab sich auch die juristische Neugründung in eine päpstliche Stiftung, die Überarbeitung der Statuten und die Einführung neuer Führungs- und Kontrollinstanzen. Zwischen 2017 und 2019 erfolgte die Erarbeitung und der Einsatz von „Safeguarding-Guidelines“ zur Prävention von sexuellem Missbrauch; diese gelten für die Organisation sowohl nach innen als auch in der weltweiten Projektförderung.

"Letztlich geht es nicht um die Organisation an sich,
sondern um ihren Auftrag, Christen
in aller Welt zur Seite zu stehen."

Ist das Hilfswerk durch das Bekanntwerden der schweren Vorwürfe gefährdet?

Die Vorwürfe sind da und wir müssen damit selbstkritisch umgehen. Sie betreffen einen Aspekt der Vergangenheit. Wir haben schon vor einiger Zeit die nötigen Vorkehrungen getroffen, dass ein solches Verhalten bei „Kirche in Not“ heute nicht möglich wäre. Dafür stehen ich und alle Mitarbeiter des Werkes ein. Als ich im April 2018 die Führungsverantwortung für diese Stiftung übernommen hatte, konnte ich mich auf eine große Anzahl höchst integrer Mitarbeiter, die sich ihrem Auftrag verpflichtet sehen, stützen und auf Führungskräfte, die sowohl von der fachlichen Qualifikation als auch von ihrer menschlichen Reife durchaus geeignet sind, ihre herausfordernde Aufgabe zu erfüllen. Letztlich geht es auch nicht um die Organisation an sich, sondern um ihren Auftrag, Christen in aller Welt zur Seite zu stehen. Darauf richten sich alle Anstrengungen.

Wie reagieren die Wohltäter auf das Bekanntwerden der Vorwürfe?

Wir wissen, dass unsere Wohltäter die Mission des Werkes unterstützen wollen, um so unseren bedrängten und leidenden Brüdern und Schwestern weltweit zu helfen. Ohne sie hätten wir nicht den Christen im Irak in den langen Jahre der Vertreibung helfen und auch nicht den Wiederaufbau ihrer Häuser und Kirchen in der Niniveebene ermöglichen können. Ohne ihr Gebet und hochherzigen Spenden hätten wir nicht, Hunderte von Priestern und Ordensschwestern durch die COVID-Krise geholfen und so sicher gestellt, dass diese ihren segensreichen Auftrag weiter erfüllen können. Ohne sie wären unseren unterdrückten Geschwistern in China oder Myanmar in einer noch traurigeren Situation. Natürlich konnten wir vereinzelt sehr betroffene Reaktionen unserer langjährigen Wohltäter registrieren, aber noch mehr erfahren wir auch deren Verbundenheit mit unserer Aufgabe.

 

 

 

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