Rotterdam

Kardinal Simonis: Anstoß für geistliche Erneuerung

Kardinal Adrianus Johannes Simonis sorgte dafür, dass die niederländischen Katholiken zurück in das Boot der Weltkirche fanden. Doch auch er konnte den Rückgang der Kirche aus der Gesellschaft nicht stoppen. Ein Nachruf.

Adrianus Johannes Kardinal Simonis wurde gestern zu Grabe getragen
Nachruf auf Adrianus Johannes Kardinal Simonis - Reformer der Kirche in den Niederlanden. Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Als Anfang der 80er Jahre durch die Querelen der Nachkonzilszeit der katholische Glauben in den Niederlanden fast verschwunden war, machte zusehends international der Erzbischof von Utrecht, Kardinal Adrianus Johannes Simonis, von sich reden.

In Lisse an der Nordsee geboren, wurde er in der frisch gegründeten Diözese Rotterdam 1957 zum Priester geweiht. Der niederländische Katholizismus war damals nicht nur quantitativ stark, sondern war für seine große Zahl an Berufungen bekannt. Wie auch die anderen Konfessionen organisierte der Katholizismus in Holland damals das gesamte Leben ihrer Gläubigen; selbst der Rundfunk und die politischen Parteien waren streng konfessionell unterschieden. Erst mit dem 2. Vatikanischen Konzil zeichnete sich in den Niederlanden für die Kirche eine ungeahnte Revolution ab, die die Querelen in allen anderen Ländern bei weitem in den Schatten stellte. Und mitten in dieser Situation wuchs Simonis immer mehr Verantwortung zu. Nach seinen römischen Studien der Exegese wurde er Professor und Domkapitular in seinem Bistum. Eine größere Bedeutung wuchs Simonis im Rahmen des niederländischen „Pastoralkonzils“ (1966-1979) zu, dass die Beschlüsse des Konzils umsetzen sollte, aber weit darüber hinausging. 

Wie er die Aufmerksamkeit Paul VI. auf sich zog

Im Ganzen sprach er neun Mal in der öffentliche Sitzungen. Auch wenn er dem Konzil positiv gegenüberstand, sah er, dass das „Pastoralkonzil“ den Glauben nicht mehr als Norm für die Reform der Kirche und des Leben der Katholiken ansah. Das liberale Lebensgefühl wurde als neue Quelle des Glaubens angenommen und neben die göttliche Offenbarung gestellt. Auch wies Simonis darauf hin, dass die Zusammensetzung der Mitglieder der Sitzungen nicht repräsentativ war für die Katholiken. Der Generalsekretär des "Pastoralkonzils", Dr. Walter Goddijn, und sein Mitarbeiter manipulierten die Zusammensetzung der Teilnehmer auf eine Art und Weise, dass die Sitzungen beschlossen, was sie ausgearbeitet hatten. 

Die kleine Gruppe der glaubens- und kirchentreuen Mitglieder, zu denen auch Simonis zählte, wurde während den Sitzungen sogar öffentlich ausgelacht und auf ihre Beiträge wenig reagiert. Sie durften sagen was sie wollten. Inhaltlich erhielten sie aber keinen Einfluss auf das Geschehen. Aber durch sein klares Auftreten zog Simonis die Aufmerksamkeit des Apostolischen Nuntius, Angelo Felici, und Papst Paul VI. auf sich, die in ihm einen künftigen Bischof sahen, der öffentlich seine Treue zu Glauben, Moral und Disziplin der Kirche bekundete und eine Stimme in der Wüste zu sein schien. 1970 folgte dann seine Ernennung zum Bischof – gegen den Widerstand der örtlichen Hierarchie, allen voran Kardinal Bernard Jan Alfrinks, der Primas und Erzbischof von Utrecht war. In seinen zwölf Jahren als Bischof von Rotterdam versuchte Simonis mit aller Kraft den Negativtrend durch die Säkularisierung der Gesellschaft – und in der Folge der pastoralen Experimente der niederländischen Kirche – aufzuhalten.

Aufstieg zum Primas

Bereits 1980 hatte Johannes Paul II. die niederländischen Bischöfe zu einer Synode nach Rom einbestellt. Mehr oder minder sollte das Chaos, das das „Pastoralkonzil“ angestellt hatte, wieder eingefangen werden. Simonis Rolle ist hier zwar nicht dokumentiert. Aber sein Aufstieg zum Primas wird eng mit den römischen Bemühungen zusammenhängen. 

Der niederländische Episkopat wurde darauf verwiesen, dass die Bischöfe nicht nur persönlich Glauben, Moral und Disziplin halten sollten, sondern dass sie die Kirche auf diese Weg zurückzuführen hätten. Am Juli 1983 wurde Simonis dann von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof-Koadjutor von Utrecht ernannt, um noch im selben Jahr den Bischofssitz von Utrecht zu übernehmen. 1985 wurde Erzbischof Simonis zum Kardinal ernannt. 

Auch diese Bischofsernennungen sollten dafür sorgen, dass die niederländischen Katholiken zurück in das Boot der Weltkirche finden. Sie waren jünger und hatten meistens die Theologie nach dem Konzil kennengelernt. Sie hatten im Studium die Weltkirche erfahren und waren daher weniger anfällig für die liberalen Eigenheiten, die die Kirchenprovinz seit der zweiten Hälfte der Sechziger Jahre beherrscht hatten.  

Orthodoxie und Lehramt wieder zur Geltung bringen

Kardinal Simonis war ein kirchentreuer Mann. Jedoch konnte er den Rückzug der Kirche aus der Gesellschaft nicht stoppen. Aber mit Simonis und seinem Engagement trat in den Niederlanden eine Entwicklung ein, Orthodoxie und Lehramt wieder zur Geltung zu bringen und eine geistliche Erneuerung anzustoßen.

Der heutige Episkopat in den Niederlanden ist daher theologisch eindeutig und spekuliert nicht über Dinge, die mit der Offenbarung nicht in Einklang gebracht werden können. Das pastorale Herz des verstorbenen Kardinals sollte sich auch in seinem Wahlspruch zeigen: Ut cognoscant Te (Damit sie Dich kennen). Er war in seinem Wirken von dem Gedanken geleitet, dass alle Menschen den Guten Hirte kennen lernen sollten. 

Im Alter von 88 Jahre durfte er am 2. September 2020 zu seinem Schöpfer heimkehren. 

Paul W.F.M. Hamans ist Professor für Kirchengeschichte am Seminar von Rolduc/Niederlande.

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