Vatikanstadt/Würzburg

Müller: Mantra der Verschwörungstheorien ist "Schlagzeilenmacherei"

Nach der Aufregung um seine Unterschrift unter den Vigano-Aufruf: Kardinal Gerhard Müller antwortet seinen Kritikern.

Kardinal Gerhard Müller sieht erhebliche Defizite in der Debattenkultur.
Der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation sieht erhebliche Defizite in der Debattenkultur. Foto: Cristian Gennari (KNA)

Eminenz, befürchten Sie wirklich, dass eine Weltregierung mithilfe illiberaler Maßnahmen dabei ist, die Macht zu übernehmen, wie es im von Ihnen unterschriebenen Aufruf heißt? 

Wer die mit der Globalisierung einhergehenden Chancen und Gefahren nicht unterscheidet, betreibt Realitätsverweigerung. Auch Papst Franziskus ist dagegen, dass Staaten und internationale Organisationen neokolonialistisch die Abtreibung in armen Völkern erzwingen, indem sie bei Weigerung Entwicklungshilfe zurückziehen. In Peru zur Fujimori-Zeit habe ich selbst mit unfreiwillig sterilisierten Frauen und Männern gesprochen, die man mit Geld und falschen Versprechungen um Gesundheit und Lebensglück betrogen hatte. Was ist daran "Verschwörungstheorie"?

Aber können Sie nicht verstehen, dass das Papier als passagenweise verschwörungstheoretisches betrachtet wird? Es werden jedenfalls weitreichende Annahmen vorgetragen, ohne dass sie belegt werden. 

Das Mantra mit den Verschwörungstheorien ist wohlfeile  Schlagzeilenmacherei und ein taktisches Spiel, um selbstständig Denkende anzuprangern. Wem soll man glauben, wenn ein Verschwörungstheoretiker dem anderen Fakenews vorwirft? 

"Ich verstehe den Text nicht so, dass Corona erfunden wurde,
um Panik zu erzeugen, sondern dass die Maßnahmen dagegen
streng auf die Krankheit zu beziehen sind, aber politische
und ökonomische Interessen damit nicht verquickt werden dürfen"

Dann helfen Sie uns doch, zu verstehen. Der Aufruf spricht von Kräften, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen. Belege werden keine angeführt. Welche Kräfte sind dies?

Das müssen sie die Verfasser fragen. Ich verstehe den Text nicht so, dass Corona erfunden wurde, um Panik zu erzeugen, sondern dass die Maßnahmen dagegen streng auf die Krankheit zu beziehen sind, aber politische und ökonomische Interessen damit nicht verquickt werden dürfen. Jedenfalls ist die Drohung öffentlich gefallen, sieben Milliarden Menschen zu zwangsimpfen, auch wenn noch keine ausreichende Erprobung der Medikamente erreicht ist, und ihnen widrigenfalls Grundrechte zu entziehen. Niemand kann zum Glauben gezwungen werden, dass wenige "philanthropische" Supermilliardäre die besten Programme zur Weltverbesserung haben, nur weil ihnen die Kumulation eines Riesenprivatvermögens gelungen ist. Oder ein weiteres Problem: Ein gewisses Maß an öffentlicher Überwachung zur Vermeidung und Aufklärung von Straftaten ist ethisch gerechtfertigt, aber keineswegs eine totale Kontrolle auch der Privatsphäre.

Weltweit suchen linke und rechte Regierungen angesichts einer nie da gewesenen pandemischen Herausforderung nach Antworten. Glauben Sie wirklich, dass sie die Krise nutzen wollen, um Freiheits- und Bürgerrechte dauerhaft einzuschränken oder gar abzuschaffen?

Soll ich jetzt blauäugig und obrigkeitsgläubig sagen, alle haben nur beste Motive im Sinn? Nicht alles nur aus deutscher Perspektive sehen! Amerika und China weisen sich wechselseitig die Schuld zu und treffen vielleicht bedenkliche Maßnahmen, die mit der Pandemie gar nichts unmittelbar zu tun haben. In einigen Ländern wird leider auch mit der Krise weiterhin Parteipolitik getrieben. Bislang bleibt mancherorts der Vorrang der Ethik vor der Parteipolitik nur ein frommer Wunsch.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich von dem von Ihnen unterschriebenen Aufruf distanziert. Ihr Nachfolger auf dem Regensburger Bischofsstuhl hat sich dem Urteil explizit angeschlossen. Innerkirchliche Positionierung spielt damit bei der Kritik offenbar keine Rolle. Beeindruckt Sie das?

Es wäre dringender gewesen, wenn die deutschen Bischöfe sich auf die Neuevangelisierung ihrer Diözesen geeinigt hätten, wie Papst Franziskus es gewollt hat, oder lautstark gegen die Christenverfolgung in der Welt aufträten, statt sich an einem 3-seitigen Papier hochzuziehen, das sicher - wie auch so mancher Text aus der DBK - nicht der Weisheit letzter Schluss ist, aber als Appell zum Nachdenken anregt. Mit mir hat keiner dieser Mitbrüder gesprochen. Sie beziehen sich aber auf  empörungsheischende Schlagzeilen, auf die sich zu berufen oder denen zu widersprechen Zeitverlust bedeutet. 

Das Papier und keine einzige Zeile darin stammt von mir.
Aber 30.000 Menschen haben es bislang mit ihrer Unterschrift
in der allgemeinen Zielrichtung unterstützt,
ohne jeden Satz auf die Goldwaage zu legen

Das Papier fällt Urteile zu politischen und geistlichen Fragen. Sie haben es als Ganzes unterschrieben. Haben Sie durch die Zustimmung zu den politischen Thesen nicht Ihre Kompetenzen als Bischof überschritten? 

Das Papier und keine einzige Zeile darin stammt von mir. Aber 30.000 Menschen haben es bislang mit ihrer Unterschrift in der allgemeinen Zielrichtung unterstützt, ohne jeden Satz auf die Goldwaage zu legen. Auch viele Mediziner und andere Wissenschaftlicher haben daran mitgearbeitet. Aber es hat auch mit der Theologie zu tun, dass wir trotz der Achtung der Autonomie der weltlichen Sachbereiche auch von einer Ethik der Wirtschaft, der Politik, der Medizin reden müssen. Ich verweise dabei auf das II. Vatikanum und die Konstitution Gaudium et spes 36.

Der Aufruf pocht auf die Autonomie der Kirche. Der Staat dürfe ihr Recht, öffentliche Gottesdienste zu feiern, nicht verletzen. Nun haben die deutschen Bischöfe, aber auch die in vielen anderen Ländern der Welt, dem zeitweisen Verbot öffentlicher Gottesdienste zur Pandemiebekämpfung ausdrücklich zugestimmt. Wo sehen Sie hier die Rechte der Kirche verletzt?

Religionsfreiheit und Autonomie der Kirche in ihrem geistlichen und sakramentalen Leben haben in Deutschland und woanders Verfassungsrang und gehören zu den fundamentalen Menschenrechten. Die katholische Kirche respektiert die Kompetenz des Staates für das Gemeinwohl und beansprucht nicht, ein Staat im Staat zu sein. Aber der Staat hat nur das Recht, bei  gottesdienstlichen Versammlungen die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen zu verlangen, aber nicht an und für sich Liturgie und Sakramente zu verbieten. In nicht-demokratischen Staaten werden zur Zeit öffentliche Versammlungen erlaubt, aber nur die Gottesdienste weiterhin verboten - wenn man den Medienberichten glauben kann.

"Wenn eine standesamtliche Trauung möglich ist,
versteht niemand, warum nicht auch eine kirchliche Hochzeit möglich ist"

Wenn trotz aller Gefahren die leibliche und medizinische Grundversorgung der Bevölkerung garantiert wird, dann muss auch Sorge getragen werden, dass etwa Sterbende nicht ohne geistlichen Beistand bleiben. Oder wenn eine standesamtliche Trauung möglich ist, versteht niemand, warum nicht auch eine kirchliche Hochzeit möglich ist; und weil alles politisiert ist, hören auch die Hirten nicht mehr den Misston in der brutalen Formulierung "Taufen, Firmungen, Messen Eheschließungen, also die sakramentale Vermittlungsweisen der Gnade, sind verboten".

Würden Sie das Papier erneut unterschreiben? 

Wie immer man auch antwortet, der Empörte wird sich durch neue Schlagzeilen wiederum bestätigt fühlen. Es geht in dem Medienhype nicht um die Sachdiskussion, sondern für manche ist es das gefundene Fressen, um mit absurden Anwürfen und Unterstellungen Empörungsbedürfnisse abzureagieren und sich wechselseitig  zu bestätigen. Wer anderen "eine Koalition der Unvernunft" und Schlimmeres und Dümmeres vorwirft, der müsste doch in der Lage sein, mit ein paar Vernunftargumenten das Papier kühl abzufertigen oder es in der Schweigespirale zu versenken. Am besten wäre es, sich Papst Franziskus zum Vorbild zu nehmen, der angesichts ganz anderer Vorwürfe, die er für ungerechtfertigt hält, konstant geschwiegen hat.

Hintergrund:

Der emeritierte Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hatte sich bereits am Sonntag in der Online-Ausgabe dieser Zeitung gegen Kritik an der Unterzeichnung des Appells „Veritas liberabit vos!“ verteidigt: „Dadurch, dass ich als Kardinal irgendwie als der Hauptprominente dieses Textes angesehen wurde, hat sich die Wahrnehmung auf mich konzentriert.“ Dabei habe er nichts weiter getan, als sich auf telefonische Anfrage hin mit dem Text als Aufruf zum sorgfältigen Umgang mit den publizistischen und politischen Nebenwirkungen, die diese furchtbare Pandemie in einigen nicht-demokratischen Ländern haben könne, im Allgemeinen einverstanden zu erklären. Den Text habe er dabei nicht als wissenschaftliche Analyse bewerten wollen. Müller lud dabei zu Kritik ein: „Es ist falsch, immer alles zu polarisieren. Wer es besser weiß, kann doch mit sachlichen Argumenten wirkliche oder vermeintliche Irrtümer ruhig und gelassen richtig stellen.“

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