Vatikanstadt

Kardinäle nach dem Geschmack des Papstes

Mit der Nominierung neuer Purpurträger wird die Fraktion der Bergoglianer in einem kommenden Konklave immer stärker.

Kardinäle zum Konsistorium nach Rom gerufen
Trotz Corona kreiert Papst Franziskus neue Kardinäle. Bereitet er damit das kommende Konklave vor? Foto: KNA

Selten hat Papst Franziskus eine Liste neuer Kardinäle präsentiert, die so sehr seinem Bild eines Kirchenführers entsprechen, wie am vergangenen Sonntag. Es sind alles Männer nach seinem Geschmack, die er am Vorabend des Ersten Advents in den „roten Senat“ aufnehmen wird: Vom Afroamerikaner an der Spitze der Erzdiözese Washington, der sich mit Präsident Trump anlegte, und seinem Freund, dem neuen Präfekten der Kongregation für die Heiligsprechungen, über den Franziskaner-Kustos in Assisi und den als Anwalt der sozialen Randgruppen bekannten „Leutebischof“ von Siena bis zu den Oberhirten, die an der Peripherie der Kirche auf den Philippinen, in Ruanda und im Sultanat Brunei angesiedelt sind. Stellen die von Franziskus in den Kardinalsstand erhobenen Papstwähler jetzt schon die stärkste Gruppe in einem künftigen Konklave dar – ab dem 28. November werden es 73 sein –, so wird unter diesen mit dem kommenden Konsistorium die Zahl der eingefleischten Bergoglianer nochmals stark zunehmen. 39 papstwahlberechtigte Kardinäle haben noch den Purpur aus der Hand von Benedikt XVI. empfangen, 16 von Johannes Paul II.

Marcello Semeraro, der seit 2004 Bischof von Albano und unter Franziskus bisher auch Sekretär des den Papst beratenden Kardinalrats war, ist der Nachfolger von Kardinal Angelo Becciu in dessen Präfektenamt. Ein enger Vertrauter von Franziskus, der ihm immer wieder mit öffentlichen Erklärungen zur Seite sprang. Der zweite Italiener im Kreis der neuen Kardinäle ist eine Überraschung: Der 55 Jahre alte Mauro Gambetti ist Franziskaner und seit 2013 Kustos des Konvents von Assisi, des Mutterklosters der vom heiligen Franz gegründeten Gemeinschaft. Er wird sich nun auch zum Bischof weihen lassen und steht dann für eine Aufgabe in seinem Orden nicht mehr zur Verfügung, aber für ein Amt in der Römischen Kurie.

Kirche Italiens weiter gestärkt

Der dritte Italiener ist der 56-jährige Bischof Augusto Lojudice von Siena, wieder ein italienischer Bischofssitz, der traditionell nicht mit der Kardinalswürde verbunden ist. Dafür war Lojudice in der Italienischen Bischofskonferenz Sekretär der Kommission für Migration und als Weihbischof in Rom von 2015 bis 2019 immer wieder mahnend zur Stelle, wenn Ordnungskräfte ein Zigeunerlager räumten oder Migranten vertrieben.

Der 63 Jahre alte Mario Grech, seit 2005 Bischof in Malta, ist Nachfolger von Kardinal Lorenzo Baldisseri als Generalsekretär der römischen Bischofssynode. Nach der Doppelsynode zu Ehe und Familie hatte er sich mit sehr weitgehenden Öffnungen in der Frage der Zulassung von Wiederverheirateten zu den Sakramenten ganz hinter das Schreiben „Amoris laetitia“ gestellt. Im Sinne des Papstes sprach er sich auch gegen jeglichen Populismus und für die deutsche Seenotrettung von Sea-Watch aus.

Gezeichnet von zurückliegenden Missbrauchsskandalen

Erzbischof Wilton Gregory (72) von Washington wird im Episkopat der Vereinigten Staaten der erste Afroamerikaner sein. Der Vorgänger in Washington, Donald Wuerl, musste wegen des Missbrauchsskandals zurücktreten, dessen Vorgänger Theodore McCarrick wiederum verlor sogar Kardinalswürde und Priesteramt. Auch ein weiterer der neuen Kardinäle, der 75 Jahre alte Erzbischof von Santiago de Chile, der Kapuziner Celestino Aós Braco, muss nach zwei Vorgängern, die wegen Vertuschung massiv in die Kritik gerieten – die Kardinäle Ricardo Ezzati und Francisco Errazuriz – Aufräumarbeit in Sachen Missbrauch leisten.

Wenig bekannt sind Antoine Kambanda (61), Erzbischof von Kigali in Ruanda, Cornelius Sim (69), Bischof im erdölreichen Kleinstaat Brunei, und Jose Fuerte Advincula, der im Zentrum der Philippinen das Erzbistum Capiz leitet. Die Berufung des Afrikaners Kambanda in das Kardinalskollegium könnte ein Zeichen dafür sein, dass sich in Ruanda das nach dem Völkermord von 1994, in den auch katholische Priester verwickelt waren, gespannte Verhältnis zwischen Kirche und Staat allmählich wieder bessert.

Auch die vier neuen Kardinäle, die aus Altersgründen nicht mehr an einem Konklave teilnehmen können, entsprechen ganz dem Gustus von Papst Franziskus: Der immer bescheiden auftretende Kapuziner Raniero Cantalamessa ist seit vierzig Jahren Prediger des Päpstlichen Hauses. Felipe Arizmendi Esquivel war von 2000 bis 2017 als Bischof des mexikanischen Bistums San Cristobal de las Casas ein Sprachrohr für die Belange der Indigenen. Der Italiener Enrico Feroci zeigte viel soziales Engagement als Direktor der römischen Caritas. Und Erzbischof Silvano Tommaso war jahrelang Apostolischer Nuntius, zuletzt Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf. Zudem arbeitet er im vatikanischen Dikasterium für die integrale Entwicklung des Menschen mit.

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