Bonn

Kann es einen Segen für alle geben?

Brot und Autos segnen, aber keine homosexuellen Paare? Was das Wesen eines Segens ist und was ein Segen bedeutet: Ein Gutachten für das Ordinariat des Bistums Limburg sorgt für Klarheit.

Segnung eines homosexuellen Paares
Ein protestantischer Pastor segnet 2017 ein gleichgeschlechtliches Paar in der evangelisch-lutherischen Kirche Bon Secours in Paris. Auch in der katholischen Kirche fordern viele Segnungen für homosexuelle Paare. Foto: KNA
  • Segnen kann jeder.
  • Es kann nicht gesegnet werden, was nicht im Einklang mit dem Willen Christi steht.
  • Verweigerung von Segnung ist kein moralisches Urteil.

Können Laien segnen? Jeder getaufte Christ, jede getaufte Christin kann einen Gegenstand (etwa einen frischen Laib Brot oder einen Strauß Kräuter oder eine Medaille) oder eine Person (zum Beispiel Eltern ihre Kinder, Ehepartner einander) mit dem Zeichen Christi (dem Kreuzzeichen) segnen. Das bedeutet: Der gesegnete Gegenstand beziehungsweise die gesegnete Person kann und soll Mittel und Zeichen des in Christus personal offenbaren Gottes sein.

Der Segen durch Geweihte

Es gibt Segnungen, die in der Regel ein geweihter Amtsträger der Kirche vollzieht: Segnung eines neu gebauten Hauses; Einweihung eines kirchlichen Gebäudes; Blasiussegen; Aschekreuz-Segnung, Kräutersegnung, Fahrzeugsegnung et cetera. Der Amtsträger segnet nicht nur im Namen Christi, sondern auch im Auftrag und im Namen der Kirche. Die Kirche hat in ihrem „Benedictionale“ bestimmte Formeln empfohlen, damit sich der segnende Amtsträger bewusst ist, im Namen der Kirche zu sprechen und zu handeln. Kirchenrechtlich und dogmatisch betrachtet steht der kirchlichen Beauftragung von Frauen mit den genannten Segnungen nichts entgegen.

Segnung und Weihe

Wo eine Weihe stattfindet, geschieht ungleich mehr als durch eine Segnung. Denn durch jede Weihe wird der Empfänger – auf jeweils bestimmte Weise – unwiderruflich Christus inkorporiert. Die Standessakramente (Taufe, Firmung, Ehe, Ordo) sind Weihen. Jede dieser Weihen geschieht „in persona Christi et in persona ecclesiae“.

Für die Ehe gilt: Wenn ein getaufter Mann und eine getaufte Frau sich trauen, handeln beide „in persona Christi et in persona ecclesiae“.

Wenn sie ihr Ja-Wort ausschließlich, endgültig und mit dem Willen zum Kind aussprechen, weihen sie sich gegenseitig; sie inkorporieren ihre wechselseitige Treue der unverbrüchlichen Treue Christi. Und da jeder Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau – sofern dies nicht künstlich verhindert wird – möglicherweise das Entstehen eines neuen Menschen zur Folge hat, erklärt die Kirche, dass dieser Akt nur dem Menschen geschenkt werden soll, von dem der beziehungsweise die Schenkende sicher weiß, dass er beziehungsweise sie Vater beziehungsweise Mutter der gemeinsamen Kinder sein will und sein soll.

Zivilehen segnen?

Ehering auf einer Bibel

Wer sakramental verheiratet ist (und dies auch nicht leugnet oder von einem kirchlichen Gericht überprüfen lässt), kann sich von seinem Ehepartner beziehungsweise seiner Ehepartnerin trennen, nicht aber ohne Verletzung seines im Namen Christi und der Kirche abgegebenen Eheversprechens erneut heiraten. Wer weiß, dass er sakramental gebunden ist, und dennoch eine neue (zivilrechtlich beurkundete und sexuell gelebte) Verbindung eingeht, kann nicht erwarten, dass die Kirche diese Verbindung in irgendeiner Weise ,absegnet‘. Sie würde damit ihr sakramentales Selbstverständnis aufgeben.

Unverheiratete Paare segnen?

Es geht bei der Segnung zweier unverheirateter Menschen (ob homosexuell oder heterosexuell), die sexuell zusammenleben oder zusammenleben wollen, nicht um die Werte (Treue, Fürsorge, Verantwortung, Verpflichtung et cetera), die sie intendieren oder leben, sondern um die kirchliche Anerkennung einer außerehelichen sexuellen Verbindung. Werte sind an entsprechende Intentionen gebunden und können deshalb im Unterschied zu Realitäten (Gegenständen, Personen oder real existierende Verbindungen) gar nicht gesegnet werden. Niemand lässt seine ethischen Intentionen oder die Werte, auf die sich seine Intentionen beziehen, segnen.

 

Nexus von Ehe und Sexualität

Das ,Bedürfnis‘ homosexueller oder zivil wiederverheirateter (aber sakramental an den ersten Partner gebundener) Paare nach kirchlicher (Ab)segnung ihrer irregulären Verbindung ist kein Argument. Einmal abgesehen davon, dass vermutlich 90 Prozent der Kirchenmitglieder den Unterschied zwischen dem Ritus einer sakramentalen Trauung und einer (für irregulär verbundene Paare veranstalteten) Segensfeier kaum oder gar nicht bemerken würden, geht es um etwas Grundsätzliches: Es geht um den Nexus von Ehe und sexuell gelebter Gemeinschaft, um das Wesen der Ehe und um die Reservierung von Weihe und Segnung für Realitäten, die dem Willen Christi und dem sakramentalen Selbstverständnis der Kirche entsprechen.

Kein moralisches Urteil

Es geht bei der Verweigerung von kirchlichen Segensfeiern für in irregulären Verbindungen lebende Paare in keiner Weise um ein Urteil über deren ethische Intentionen oder deren Zugehörigkeit zur Kirche. Bekanntlich soll sich jeder Seelsorger, jede Seelsorgerin besonders um die kümmern, die nicht der Norm entsprechen. Was diesen Punkt betrifft, liegt viel im Argen.

Wie der Einzelne vor Gott beziehungsweise Christus dasteht, entzieht sich unserer Kenntnis und unserem Urteil. Aber: Wo immer die Kirche öffentlich handelt, muss dieses Handeln ihrem Selbstverständnis entsprechen. Die Kirche darf und kann auch im Einzelfall nicht das Gegenteil von dem tun, was sie dogmatisch und kirchenrechtlich für verbindlich erklärt hat. Die Kirche ist kein Service-Unternehmen, das sich nach irgendwelchen Bedürfnissen ausrichtet. Die Kirche muss dem Zeitgeist gerade da widerstehen, wo gesellschaftliche Plausibilitäten einfordern, was angeblich barmherzig, in Wahrheit aber selbstwidersprüchlich ist.


Der Autor ist emeritierter Professor für Dogmatik der Universität Bonn und Mitglied der Internationalen Theologenkommission des Vatikan.
Vorstehenden Text verfasste er für die DBK.

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