Chur

Kann denn Sünde Liebe sein?

Das neue Buch „Vom Vorrang der Liebe“ plädiert für eine Neuausrichtung der Sexualmoral auf Basis der Selbstbestimmung. Doch am naturrechtlichen Denken führt kein Weg vorbei.

Zarah Leander
Hymne des Synodalen Wegs?: 1938 singt Sängerin und Schauspielerin Zarah Leander fragend „Kann denn Liebe Sünde sein?“. Foto: - (dpa)

Eberhard Schockenhoff (1953– 2020) war der Moraltheologe des Synodalen Weges. Seine Fachkollegen Breitsameter (München) und Goertz (Mainz) treten sein Erbe an und legen mit „Vom Vorrang der Liebe“ ein Plädoyer für eine Neufundierung der katholischen Sexualmoral vor. Ihnen geht es um die Anerkennung des moralischen Vorrangs „von Liebe, Gleichheit und Freiheit“ auf der Grundlage einer „Ethik der Würde und Liebe“ (11). Wünsche und Forderungen, wie sie auf dem Synodalen Weg erhoben werden, sollen auf diese Weise wohl fundiert werden.  Die kirchliche Sexualmoral, sagen sie, entstamme einer „vormodernen Vorstellungswelt“ (11).

Es sei eine „Geisterdebatte“, über etwas zu streiten, was „keine Bedeutung mehr hat und deshalb auch keine Beachtung mehr findet“ (9). Mehr noch: „[E]ine Norm, die nicht anerkannt und befolgt wird, ist keine Norm“ (9). Man reibt sich die Augen. Die Geltung moralischer Normen soll davon abhängen, ob sie anerkannt und befolgt werden? Dass man Kinder nicht misshandeln darf, hängt von der Anerkennung und Befolgung dieser Norm ab? Leider zeigt sich schon hier eine grundsätzliche Problematik des Buches: die Vermengung von faktischer Anerkennung und normativer Geltung.

Jesuanisches Eheverständnis keine Erwähnung wert

Zu Beginn von Teil I (15–32) wird dem Leser erklärt: Die kirchliche Sexualmoral sei in ihrem Kern kein Spezifikum christlicher Theologie, sondern Allgemeingut antiker Kulturen. Sowohl die biblisch dokumentierte, als auch die griechische und römische Sexualmoral ziele vor allem auf die Zeugung legitimer Nachkommen: „Vor- und außereheliche Beziehungen sind verboten für Frauen, sofern sie einem Mann (ihrem Vater oder Ehemann) unterstehen, für Männer nur, insofern die Rechte anderer Männer (also des Vaters einer Frau oder des Ehemannes) tangiert sind, rein lustbetonte heterosexuelle beziehungsweise homosexuelle Akte, aus denen keine Nachkommen hervorgehen sollen beziehungsweise können, werden erschwert.

Die christliche Theologie verschärfte und vereinheitlichte diese Normen im Lauf der Zeit: Jeder Akt, der ihnen widerspricht, gleich ob von einem Mann oder einer Frau ausgeübt […], sei schwere Sünde“ (21). Gewiss gibt es Gemeinsamkeiten zwischen der kirchlichen Sexualmoral und antiken Sexualmoralen. Hingegen ist den Autoren das jesuanische Eheverständnis, in dessen Zentrum offenbar weder die Rechte von Männern noch die Sorge um legitime Nachkommen stehen, keine Erwähnung wert. Mit unerhörter Autorität beansprucht Jesus ja die Wiederherstellung von Gottes gerechter Schöpfungsordnung, die mit der mosaischen Praxis der Scheidung und Wiederheirat verdunkelt worden sei (Mt 19,5–6).

Dass Jesus im Buch nicht zu Wort kommt, ist kein Zufall. Die Autoren haben sich im Gefolge Kants auf ein Verständnis autonomer Moral beziehungsweise moralischer Selbstgesetzgebung verpflichtet (117), das Maßstab und Prüfstein moralischer Ansprüche ist – auch der jesuanischen Ehelehre (118). Der inkarnierte Logos – zitiert vor den Richterstuhl Kants, von Kants Adepten gerügt, seines vormodernen Moralverständnisses wegen?! Breitsameter & Goertz plädieren für eine Sexualmoral, die bei der Würde der Person ansetzt (111–123).

Jesus vor dem kantianischen Richterstuhl

Der „absolute, intrinsische Wert“ der menschlichen Person, den wir auch als Würde bezeichnen, werde durch ihre Autonomie oder Fähigkeit zur Selbstbestimmung begründet (117). Die Würde der Person begründe ihrerseits eine Reihe von Freiheitsrechten, zu der auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung gehöre. Sie bestehe darin, unabhängig von sexueller Orientierung und Identität „über Partner, Praktiken und Zeiten der eigenen sexuellen Identität selbst zu bestimmen“ (120). Das aber sei nicht mit dem Anspruch der kirchlichen Sexualmoral vereinbar, gemäß der menschlichen Natur und der ihr eingeschriebenen Zwecke zu leben (122). Diese Position mag populär sein, plausibel ist sie nicht. Erstens lässt sich der Wert oder die Würde des Menschen nicht mit seiner Fähigkeit zur Selbstbestimmung begründen.

Selbstbestimmung könnte es auch in einer Welt ohne Wert noch Würde geben. Der behauptete Begründungszusammenhang besteht so nicht. Zweitens ist sehr fraglich, ob autonomiebasierte Würde unbedingt geltende moralische Rechte und Pflichten begründen kann. Nicht unbedeutende Moralphilosophen wie Robert Adams, C. Stephan Evans und David Baggett vertreten die Auffassung, dass die Rede von unbedingten moralischen Pflichten nur innerhalb eines theistischen Rahmens zureichend begründet werden kann.

Drittens gehen Breitsameter & Goertz elegant darüber hinweg, dass Kant, ihr Gewährsmann in Sachen autonomer Moral, in Teilen zu gänzlich anderen Einschätzungen als die Autoren gelangte, etwa was die Vereinbarkeit von Masturbation oder Homosexualität und Personwürde betrifft. Viertens ist es abenteuerlich, naturrechtliche Argumentationsfiguren im Bereich der Sexualmoral mit dem Verweis auf die Seite zu schieben, sie würden die Freiheit und Würde menschlicher Personen missachten (117–123). Dazu ist zu sagen: Die Natur des Menschen bezeichnet sein Wesen – das, was ihn zum Menschen und nicht zu etwas anderem macht. Mit der menschlichen Natur geht eine objektive Hinordnung auf Grundgüter wie Leben, Gesundheit, Nachkommen, Erkenntnis und Freundschaft einher. Menschen streben von Natur aus nach dem, was ein glückliches Leben ermöglicht oder fördert. Naturrechtliche Argumentation schließt dabei keineswegs unbesehen von natürlichen Gegebenheiten auf normative Zusammenhänge, wie die Autoren unterstellen (122).  Vielmehr bedenkt sie die Korrelation zwischen menschlicher Natur und anstrebbaren Gütern in ihrer Bedeutung für vernunftgemäßes Handeln. Am naturrechtlichen Denken führt kein Weg vorbei, wenn man danach fragt, welche Sexualmoral dem Menschen am besten gerecht wird. Auch Kulturgeschichte kommt zu Wort. Während die Ehe lange vor allem dem Zweck der Zeugung und Erziehung von Nachkommen gedient habe und Liebe nicht erforderlich gewesen sei, habe sich ab dem 17. Jh. die Mentalität gewandelt.

...dann wäre die Turtelei zweier Teenager schon "Ehe"

Heute sei die Liebe, in der sich zwei gegenseitig begehren und aneinander erfreuen, Fundament und Zweck der Ehe. Das sei die Basis einer „Ethik der Liebe“. Und man wartet mit erstaunlichen Thesen auf: Zum einen sei die Liebe, mit der sich die Partner gegenseitig begehren und achten, „als Zweck an sich selbst zu betrachten“ (125). Die kirchliche Lehre, die Offenheit für Nachkommen als Ehebedingung kennt, sei Ausdruck „einer unzulässigen Verzweckung einer Partnerschaft“ (125). Zum anderen: Bereits jene begehrende Liebe, mit der sich zwei Menschen exklusiv und auf unbestimmte Dauer aneinanderbinden, sei „Ehe“ (126). Was soll man dazu sagen? Träfe die These zu, wäre eine Turtelei zweier Teenager offenbar „Ehe“, auch wenn sie nach zwei Wochen vielleicht wieder auseinandergeht. .

Ein solcher Begriffsgebrauch ist zu vage und weit. Andererseits aber ist er auch zu eng und ausschließend, weil exklusive Zweisamkeit und Treue (emotionale, erotische, sexuelle?) als conditio sine qua non von Liebe und Ehe erachtet werden. Hinzu kommt: Wer begehrende Liebe in gegenseitiger Bindung als hinreichende Bedingung für Ehe auffasst, muss die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe ablehnen. Für Breitsameter & Goertz ist gegenseitig begehrende Liebe nicht nur eine unabdingbare, sondern auch eine unverfügbare Bedingung für eine Ehe (143f). Endet sie, endet auch die auf sie gegründete Ehe. Keine Schatten dürfen den Sonnenschein dieser „Sexualmoral light“ trüben. Ausgespart wird die Frage, ob eine Gesellschaft auf dem brüchigen Fundament privaten Beziehungsglücks mit unbestimmtem Ablaufdatum gedeihen kann. Nicht zur Sprache kommt das Leid der Kinder, die immer öfter in verstörendem Beziehungschaos aufwachsen. Nicht erwähnt werden die fatalen demographischen Folgen von Zweierbeziehungen, die sich selbst genügen. Nicht zur Sprache kommt, warum polyamoröse Liebe, die sich ebenfalls auf das Prinzip sexueller Selbstbestimmung berufen kann, außen vor bleibt.  Nicht zur Sprache kommt „Selfsex“ im Kontext der epidemischen Ausbreitung von Pornographie. Und was hätte eine solche Sexualethik zu moralischen Perversionen zu sagen, etwa sexuellen Handlungen mit Haustieren? Wer naturrechtliches Denken für überholt hält, gerät spätestens hier in massive Erklärungsnot. Es ist eben nicht alles moralisch erlaubt, was mit dem Prinzip der Selbstbestimmung vereinbar ist und keine greifbar negativen Folgen für die Betroffenen hat.

Was diese Neufundierung der Sexualmoral noch mit Moral-Theologie zu tun haben soll, ist mir unerfindlich. Als Benedikt XVI. vor einiger Zeit vom „Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie“ sprach, protestierten die beiden Autoren als Vorsitzende der AG deutschsprachiger Moraltheologen lautstark. Ihr Buch gibt Benedikt im Nachhinein Recht. „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Kommt darauf an, welche Liebe gemeint ist. Moraltheologie, die diesen Namen verdient, wird auch die andere Frage stellen, nämlich: „Kann denn Sünde Liebe sein?“


Der Franziskanerpater Dominik Kraschl ist Professor für Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster und Professor für Philosophie an der Theologischen Hochschule Chur.

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