Junge Federn: Beeindruckende Riten

Beim Anblick eines architektonischen Meisterwerks. Von Marie Degenfeld
"Beeindruckende Riten " von Marie Degenfeld

Staunen. Dieses Wort beschreibt am besten mein tägliches Empfinden beim Anblick dieses architektonischen Meisterwerks. Die spitzen Glockentürme mit den goldenen Kuppeln, die weiße Marmorfassade, inmitten thronend die große Kuppel. Seit meinem Praktikumsbeginn im Juli in Moskau steige ich jeden Tag an der Metro Station „Kropotkinskaya“ aus und darf immer nach dem Ersteigen der Treppen den ersten Blick auf die gewaltige Christi Erlöser-Kirche werfen. Sie gilt mit ihren 103 Metern als eine der größten orthodoxen Kirchen weltweit und ist die zentrale Kathedrale der Russisch-Orthodoxen Kirche. Beeindruckend ist für mich auch, wie sich neben mir immer eine Reihe von Russen aufstellt, um sich zu bekreuzigen (man beachte, mit drei Fingern als Zeichen für die Dreifaltigkeit). Imposant, da es so ein „Innehalten“ selten in der rasenden Stadt Moskau gibt.

Weltweite Bekanntheit hat die Christi Erlöser-Kirche wieder durch Pussy Riots „Punk-Gebet“ am Ambo 2012 gewonnen. Dabei ist die Vorgeschichte der neu erbauten Kirche auch sehr eindrucksvoll. So war ich ganz erstaunt, als mir meine Arbeitskollegin erzählte, dass ihre Großmutter bereits dort gebadet hat. Wie bitte, in einer Kirche? – sie klärte mich dann schnell auf, dass der Platz nach der Sprengung durch Stalin in den 30er Jahren ein Schwimmbad geworden ist. Ursprünglich sollte ein „Palast der Sowjets“ folgen, doch zu einer Umsetzung ist es nie gekommen. Stattdessen wurde dort das größte Freibad der Sowjetunion errichtet. Erst zu Beginn der 90er Jahre hat man die Erlöserkathedrale wieder originaltreu aufgebaut. So widerspiegelt die Geschichte dieser Kirche viel von Karl Marxs „Religion ist Opium für das Volk“. Lässt man die Kritik an der Russisch-Orthodoxen Kirche und ihren Beziehungen zum Kreml beiseite, muss ich sagen, dass mich die Orthodoxen Riten schwer beeindrucken. Auch wenn ich bisher selten an russisch-orthodoxen Messen teilgenommen habe, muss ich bemerken, dass mir die göttliche Liturgie hilft, dass Mysterium der Eucharistie besser zu verstehen. Dazu trägt unter anderem auch die Abgrenzung des Altars bei. Der Altarraum, der von der übrigen Kirche abgegrenzt ist, ist die Brücke zwischen Erde und Himmel und gilt als Symbol für Gottes Unfassbarkeit. Besonders sind in den orthodoxen Kirchen die vielen verschiedenen Ikonen. Durch die Art ihrer Herstellung gelten sie als echte Ebenbilder Gottes und so als Fenster zur Ewigkeit, deshalb werden sie besonders verehrt.

Ungewohnt ist das ständige Stehen während der Messe, gerade in Hinsicht auf die Dauer der orthodoxen Messe, jedoch sehe ich es als Hilfe, um aufmerksam zu bleiben. Ich bin dankbar für die Möglichkeit, in diesem Sommer unsere orthodoxen Brüder und Schwestern besser kennenzulernen und staune weiter.

Die Autorin, 24, ist Russistin und Politologin und absolviert ein Praktikum am Österreichischen Kulturforum in Moskau

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