Rom

Joseph Ratzinger – ein moderner Theologe

Im „Tagespost“-Interview erinnert der Biograf Peter Seewald daran, dass Karl Rahner auf dem Konzil ganz wild darauf war, mit dem jungen Konzils-Berater zusammenzuarbeiten.

Papst em. Benedikt XVI. ist ein moderner Theologe.
Papst em. Benedikt XVI. ist ein moderner Theologe. Foto: Michael Kappeler (dpa)

Zu seiner am 4. Mai erscheinenden Biografie „Benedikt XVI. Ein Leben“ hat Autor Peter Seewald im Gespräch mit der „Tagespost“ dargelegt, dass Joseph Ratzinger ein moderner Theologe war, was er dann als Präfekt der römischen Glaubenskongregation und schließlich als Papst auch blieb. Sein Doktorvater Gottfried Söhngen habe ihn schon früh zu einer geschichtsbezogenen Theologie geführt. „Seine Studenten horchten auf“, meint Seewald, der über fünf Jahre an der Ratzinger-Biografie gearbeitet hat. „Da war eine ungekannte Frische, ein neuer Zugang zur Überlieferung, verbunden mit einer Reflexion und einer Sprache, die man so noch nicht gehört hatte“, erläutert der Autor in dieser Zeitung, der bereits 1996 ein langes Gespräch mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation geführt hat, aus dem das Interviewbuch „Salz der Erde“ werden sollte. Diesem Band folgten noch drei weitere Gesprächsbücher mit Joseph Ratzinger und schließlich Benedikt XVI.: „Gott und die Welt“ (2000), „Licht der Welt“ (2010) und „Letzte Gespräche“ (2016), die alle zu internationalen Bestsellern wurden. Gekrönt hat Seewald seine journalistische Beschäftigung mit Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. nun mit der über elfhundert Seiten umfassenden Biografie, die bei Droemer Knaur herauskommt und bald auch in Italien, Frankreich, Polen, Spanien, Großbritannien und in den Vereinigten Staaten erscheinen soll. 

Hans Küngs Mär vom „Panzerkardinal“

Die Theologie des jungen Ratzingers sei so frisch gewesen, dass Karl Rahner „ganz wild darauf“ gewesen sei, „mit dem jungen Kollegen auf dem Konzil zusammenzuarbeiten, was dann allerdings nur suboptimal geklappt hat“, erläutert Seewald im Interview mit der „Tagespost“. Es habe später dann eine „Ratzinger-Saga“ gegeben, das Bild vom „Panzerkardinal“. Wofür sein Tübinger Kollege Hans Küng einer der Hauptverantwortlichen war. „Er war unter anderem für die Legende vom Trauma und der Wandlung Ratzingers in der Rebellion von 1968 verantwortlich, die es in Wirklichkeit nie gab“, meint Seewald weiter. „Zu keiner Stunde hat er etwas unversucht gelassen, seinem früheren Kollegen an den Karren zu fahren. Wären seine Verleumdungen in den so genannten Leitmedien kritisch geprüft worden, hätte es einen Panzerkardinal nie gegeben.“

Manche Personalentscheidungen als Schwachpunkt

Befragt, ob manche Personalentscheidungen Benedikts XVI. ein Schwachpunkt in dessen Pontifikat waren, verweist Seewald darauf, dass Joseph Ratzinger selbst die „Personalpolitik als nicht unbedingt seine Top-Disziplin bezeichnet“ hat. „Zudem neigt er zu einer Art von Nibelungentreue. Ich denke, mit einem stärkeren Team hätte das Potential, das im Pontifikat Benedikt XVI. lag, weit besser zur Geltung kommen können.“ Als Papst sei Benedikt vor allem Hirte gewesen, nicht Professor. Dass er trotzdem „in seinem hohen Alter und bei seinen gesundheitlichen Handicaps, von denen die Öffentlichkeit nichts ahnte, dann auch noch eine Jesus-Trilogie hinlegte, grenzt fast schon ans Übermenschliche“.

 

DT/gho

Mehr zur neuen Biographie von Papst Benedikt XVI. erfahren Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost. Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe

Jetzt gratis erhalten!