Vatikanstadt

Johannes Paul II.: Ein Mensch, ein Heiliger, ein Wohltäter 

Die Tagespost sprach anlässlich des 100. Geburtags des Heiligen Johannes Paul II mit Prälat Ptasnik, einem seiner engsten Mitarbeiter im Vatikan.

Prälat Pawel Ptasznik erzähltüber seine Zeit mit Papst Johannes Paul II.
Prälat Pawel Ptasznik erzählt im Gespräch über seine Zeit mit Papst Johannes Paul II. Foto: Capodanno (Ansa epa)

Am 18. Mai 2020 feiert Papst Johannes Paul II. seinen 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir einen seiner engsten Mitarbeiter im Vatikan, Prälat Pawel Ptasznik, zu seinen Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit diesem Heiligen befragt. Prälat Ptasznik ist Doktor der Theologie und Chef der polnischen Sektion des Staatssekretariats im Vatikan. Er begleitete Papst Johannes Paul II. im Vatikan bis zu seinem Tod.

Herr Prälat, wie kamen Sie nach Rom?

Als mir Ende 1995 eine Stelle in der polnischen Sektion des Staatssekretariats angeboten wurde, war ich davon nicht beeindruckt. Büroarbeit reizte mich nicht besonders. Kardinal Franciszek Macharski sagte mir jedoch ganz unmissverständlich, dass es nicht angebracht sei, einen Ruf des Heiligen Stuhls abzulehnen. 

Was waren Ihre Aufgaben im Vatikan?

Es stellte sich heraus, dass es von Beginn an eine sehr enge, persönliche Zusammenarbeit mit Papst Johannes Paul II. selbst war. Meine Haupttätigkeit bestand darin, Ansprachen und Veröffentlichungen des Heiligen Vaters vorzubereiten. Fast jeden Tag kam ich mit dem Laptop zu ihm, um die von ihm diktierten Texte aufzuschreiben. Doch von Anfang an war es mehr als eine technische Arbeit. Der Heilige Vater initiierte Gespräche über die Themen der Texte. Er fragte nach meiner Meinung. Ich sollte mich einbringen.

Sie waren nicht nur im Vatikan nah am Papst? 


Da der Heilige Vater immer auf Polnisch arbeitete, hatte ich oft die Gelegenheit, ihn auf seinen apostolischen Reisen ins Ausland zu begleiten. Dort musste oft sehr spontan reagiert werden.

Feierte Johannes Paul II. als Papst seinen Geburtstag? 

Ja, gewöhnlich war es ein Abendessen mit einer kleinen Gruppe polnischer Mitarbeiter der Kurie und Gästen aus Polen. Es das polnische Geburtstagslied "Sto lat" ("hundert Jahre") gesungen. Den Tag seines Geburtstags erlebte Johannes Paul II. als Danksagung an Gott für das Geschenk seines Lebens. Und er sprach auch davon.

Welcher Moment mit dem Papst bliebt Ihnen am stärksten in Erinnerung?

Es gibt ein Ereignis, auf das ich oft zurückkomme. Es ist die Feier der hl. Messe im Jerusalemer Abendmahlssaal während der Jubiläumspilgerfahrt von Johannes Paul ins Heilige Land. Dieser "Raum im Obergeschoss" beeindruckte. Eine kleine Gruppe von Begleitpersonen und Johannes Paul II. als Vorsteher der Eucharistie, das ist eine bleibende Erinnerung. Nach dem Kreuzzeichen und der Begrüßung sagte der Papst die Worte: "Desiderio desideravi... Ich wollte unbedingt als Pilger diesen heiligen Ort besuchen, um hier die Eucharistie zu feiern". Der Papst spielte auf die Worte des Herrn Jesus selbst beim Letzten Abendmahl an. Es war die erste hl. Messe an diesem Ort seit über siebenhundert Jahren.

Worin hat Johannes Paul II. die Kirche besonders geprägt? 

Er hat die Kirche - und in gewissem Sinne auch die Welt - auf das neue Jahrtausend vorbereitet und es eingeleitet. Es wird gesagt, Kardinal Wyszynski habe während des Konklaves Karol Wojtyla mitgeteilt, dass es seine Aufgabe sein würde, die Kirche ins dritte Jahrtausend zu führen, wenn er zum Papst gewählt werde. 
Mit Eifer setzte er als Papst die Bestimmungen des Zweiten Vatikanischen Konzils im Leben der Kirche um. Er brachte die Botschaft Christi in alle Kontinente. Er kümmerte sich um die Liturgie, um die Vertiefung des religiösen und sakramentalen Lebens. Er hat allen zu einer Begegnung mit Christus verholfen, und er widmete den jungen Menschen besondere Aufmerksamkeit, da er in ihnen die Hoffnung der Kirche sah. Er förderte wirksam die Ökumene und den interreligiösen Dialog, so dass der Glaube die Menschen nicht spaltete, sondern vereinte.

Ich würde versuchen,
mehr auf das zu hören, was er gesagt hat. 

Wie beeinflusste Johannes Paul II. die Welt außerhalb der Kirche?

Es war das große Anliegen von Johannes Paul II. für die Kultur, für den Dialog zwischen Religion und Wissenschaft und den verschiedenen Bereichen der Kunst einzutreten. Er wusste, dass die menschliche Spiritualität durch Kultur ausgedrückt und geprägt wird. 

Was hat den Papst traurig gemacht?

Er war ein sehr einfühlsamer Mensch. Aber es war keine lähmende Traurigkeit oder Hilflosigkeit. Im Gegenteil, sie mobilisierte ihn dazu, vertrauensvoll zu beten und zu handeln. Er war betrübt über die Weltgeschehnisse, die Leiden mit sich brachten. Er es besonders, wenn er vergeblich versuchte, sie zu verhindern. Zum Beispiel verfolgte mit großer Trauer die Situation im Persischen Golf und den späteren Kriegsausbruch im Jahr 2003.

Hatten Sie den Eindruck, dass Sie es zu Lebzeiten Johannes Pauls II. mit einem Heiligen zu tun hatten?


Johannes Paul II. war natürlich und einfach in seiner Wesensart. Er hatte keine Aura der Extravaganz um sich herum. Deshalb haben wir ihn nicht wie einen Heiligen behandelt, den man verehren sollte. Er begeisterte mit seiner Beziehung zu den Menschen, mit seinem inneren Frieden und seiner Wärme. Ich hielt ihn für einen wunderbaren Mann Gottes, deshalb hatte ich tiefen Respekt vor ihm und eine Liebe zu ihm wie ein Sohn zum Vater.

Wenn Sie gewusst hätten, dass Johannes Paul II. nach seinem Tod als Heiliger verehrt würde, hätten Sie etwas anders gemacht?

Ich würde versuchen, mehr auf das zu hören, was er gesagt hat. 

Wie war die Haltung des Papstes zu Krankheit, Leiden und Tod?

Der Heilige Vater nahm seine Krankheit und sein Leiden mit großer Gelassenheit an. Ich glaube, dass dies aus der tiefen Vereinigung mit Christus und dem Vertrauen auf Gott kam. Er hat sich nie beschwert. Wenn er eine gewisse Ungeduld zeigte, dann nur deshalb, weil seine sich verschlechternde körperliche Verfassung und sein Stimmverlust es ihm nicht erlaubten, seine Mission so zu erfüllen, wie er es gerne hätte. Er war immer bereit zu sterben. Es reicht, sein Testament zu lesen, das er jedes Jahr ergänzte, um sich darüber Gewissheit zu verschaffen. 

Woher hatte Johannes Paul II. diese besondere Stärke?

Er stand früh auf und betete lange vor der Morgenmesse. Wenn er in Castel Gandolfo war, ging er gerne auf die Terrasse hinaus und beobachtete den Sonnenaufgang. Er sorgte immer für ein Minimum an Ruhe und Erholung, denn er wusste, dass er auf seine Kräfte achten musste. 
Stimmt es, dass er sich an Menschen, die er einmal gesehen hatte, immer erinnern konnte?
Sein Gedächtnis war phänomenal. Ein Treffen, ein Gespräch genügte ihm, um sich nicht nur an das Gesicht und den Namen der Person zu erinnern, sondern auch an die Dinge, von denen die Rede war. Ich glaube, es war ein Geschenk Gottes. Es war zudem eine Fähigkeit, die mit seiner Sensibilität zusammen hing. Für ihn waren alle wichtig, und er behandelte niemanden als lästigen Bittsteller. Er betete für die Menschen, die er traf. Das war ihm sehr wichtig. 

Gibt es etwas, das man von Johannes Paul II. nicht weiß?

Ich denke, dass über die Wohltätigkeitsarbeit von Johannes Paul II. wenig bekannt ist. Sein Motto war: "Deine linke Hand soll nicht wissen, was deine rechte tut", deshalb gelangten Informationen über sein persönliches Engagement für karitative Werke fast nie in die Presse.

Können Sie konkrete Projekte nennen?

Das erste Obdachlosenheim im Vatikan wurde auf seine Initiative hin in Zusammenarbeit mit den Schwestern von Mutter Teresa errichtet. Auf seine Initiative geht in Ruanda, Mbare, die Gründung des Kinderdorfes "Nazareth" für Waisenkinder nach dem Bürgerkrieg 1994 zurück. Dazu wurden Tantiemen aus den Büchern des Papstes verwendet. Diese "privaten" Gelder kamen auch den Menschen auf dem Balkan zu Gute, die einen Bruderkrieg erlebt hatten. Dies sind nur zwei Beispiele. Es gab viele solcher kleinen und großen Gesten der hingebungsvollen Sorge für die Bedürftigsten.

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