Vatikanstadt

Jeder freut sich anders

Stimmen zur Ankündigung aus Rom: Alle begrüßen den geplanten Weltprozess, aber Anhänger und Kritiker des Synodalen Wegs in Deutschland ziehen daraus ganz unterschiedliche Konsequenzen.

Protest gegen Rolle der Frau in der Kirche
In Deutschland stieß die Nachricht aus dem Vatikan, der Papst wolle alle Ortskirchen der Welt in einen Prozess hin zu einer synodalen Kirche einbinden, auf deutlich stärkere Resonanz - allerdings nur in katholischen Kreisen. Foto: Anne Ackermann (KNA)

Der Unterschied könnte kaum krasser sein: In Italien hat Papst Franziskus die katholische Bischofskonferenz des Landes am Montag auf einen synodalen Weg geschickt. Es sei ein Prozess, der von unten nach oben wachsen müsse und der in den kleinen Pfarreien und Gemeinschaften beginne, meinte er in Rom vor etwa zweihundert versammelten Bischöfen des Landes, die nach der Corona-Zeit wieder persönlich zu einer Vollversammlung zusammengekommen waren. Das war dann auch den Medien eine Nachricht wert. Doch über den synodalen  Weltprozess, den der Vatikan wenige Tage zuvor für die Zeit vom kommenden Oktober bis Oktober 2023 angekündigt hatte, sprach niemand: weder der Papst noch die Bischöfe, und auch nicht die katholischen Medien Italiens, an denen der Brief von Kardinal Mario Grech vom römischen Synodensekretariat an alle Bischöfe der Welt offenbar vollkommen vorbeigegangen ist.

Die Bewertung fällt völlig unterschiedlich aus

Ganz anders die Reaktionen in Deutschland, wo Bischofskonferenz und katholisches Zentralkomitee einen Synodalen Weg bereits gestartet haben. Hier stieß die Nachricht aus dem Vatikan, der Papst wolle alle Ortskirchen der Welt in einen Prozess hin zu einer synodalen Kirche einbinden, auf deutlich stärkere Resonanz - allerdings nur in katholischen Kreisen. Einhellige Zustimmung zu dem Signal aus Rom, doch die Bewertung der Pläne von Franziskus fällt völlig unterschiedlich aus. Wer wird am Ende Recht behalten?

Die Kritiker des Synodalen Wegs begrüßen den Weltprozess der ganzen Kirche, erhoffen sich aber, dass damit das deutsche Synodengeschehen weltkirchlich eingebunden wird. So freut sich Dorothea Schmidt, die für die Initiative "Maria 1.0" zu den Delegierten des Synodalen Wegs gehört, gegenüber der "Tagespost": "Was für ein Schachzug! Die vom Vatikan geplante weltweite Synode kommt zur rechten Zeit und ist ein Geschenk des Heiligen Geistes zu Pfingsten, das als Geburtstag der Kirche einen Neubeginn markiert." Für Schmidt ist die Weltbischofssynode eine Chance, denn jetzt müsse sich die katholische Kirche in Deutschland neu einspuren auf den Weg mit Rom und der Weltkirche. "Das macht Hoffnung", meint sie. "Jetzt können die Damen und Herren Synodalen in Deutschland keine eigenen Süppchen mehr kochen, sondern sie werden lernen und zuhören müssen. Ich hoffe sehr, dass der weltweite Reformprozess den Deutschen hilft, vom hohen Ross herabzusteigen, über den Tellerrand zu schauen, die Weltkirche und durch sie die Freude des Evangeliums kennenzulernen. Ich hoffe, dass die Reformen jetzt im Sinne von Papst Franziskus weitergehen, so, wie er es sich für uns Deutsche schon lange vergeblich gewünscht hat: im Gebet und mit Neuevangelisierung. Der Synodale Weg ist erstmal schachmatt."

Nicht in den vier Synodalforen verhaken

Auch Claudia Nothelle freut sich: "Welch ein Geburtstagsgeschenk, liebe Kirche", kommentiert sie auf "katholisch.de". Anders als Dorothea Schmidt sieht die Aufsichtsratsvorsitzende der katholischen Journalistenschule ifp, die auch im Zentralkomitee der deutschen Katholiken sitzt, das deutsche Synodengeschehen jedoch als Vorreiter des von Rom gewollten Weltprozesses: "Die Kritikerinnen und Kritiker haben den Deutschen vorgeworfen, die deutsche Kirche als Nationalkirche abspalten zu wollen. Die Einladung aus Rom macht das Gegenteil deutlich: In allen Ortskirchen sollen die Bischöfe zunächst einmal auf die Stimmen des Gottesvolks hören - und sich dafür Zeit nehmen. Im Herbst 2023 dann soll alles in Rom zusammengetragen werden. Und wenn dann dort auch Nicht-Geweihte Rede- und Stimmrecht haben könnten: noch ein Pfingstwunder. Und ein großartiges Pfingstgeschenk!" 

Etwas nüchterner sieht es der Augsburger Weihbischof Wörner, der Mitglied der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz ist: "Ich wünsche mir, dass der weltweite synodale Prozess, den Papst Franziskus im Oktober beginnen möchte, unseren Synodalen Weg inspiriert, damit wir uns nicht in den vier Themen der Foren verhaken, sondern uns für das drängende Thema der Evangelisierung öffnen", meint er gegenüber dieser Zeitung. "Die jungen, wachsenden Kirchen in Afrika und anderswo haben uns viel zu sagen."

Ebenfalls als Impuls für den Synodalen Weg in Deutschland sieht Katharina Westerhorstmann den von Franziskus angestoßenen Weltprozess. Gegenüber der "Tagespost" meint die Professorin an der Franciscan University of Steubenville, die Mitglied im Synodalforum "Leben in gelingenden Beziehungen   Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft" ist: "Die Kirche in Deutschland kann von einem weltkirchlichen Synodalen Prozess nur profitieren. Er wird dazu helfen, dass die katholische Kirche die Einheit bewahren kann, während sie vorangeht in Richtung Erneuerung   denn die Kirche bedarf immer der angemessenen Erneuerung. Ab jetzt ist der Synodale Weg Teil eines weltweiten synodalen  Prozesses und es ist meine Hoffnung, dass durch diese Rückbindung an die Weltkirche die Bedeutung des Heiligen Geistes für jede Art kirchlicher Synodalität sichtbarer wird."

Bätzing begrüßt synodalen Weltprozess

Bereits vergangene Woche hatten zwei Protagonisten des Synodalen Wegs den geplanten Weltprozess begrüßt: Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, meinte, in Deutschland werde der Weltprozess "durch den bereits eingeschlagenen Synodalen Weg ergänzt." Man wolle die Erfahrungen aus Deutschland in die Vorbereitung und Durchführung der römischen Bischofssynode einbringen, versicherte der Limburger Bischof. Und Thomas Sternberg, Präsident des katholischen Zentralkomitees, sieht es als "bestätigendes Zeichen" für den Synodalen Weg, dass die Synode in Rom zu einem Prozess für die Weltkirche ausgebaut und dafür der Titel des deutschen Reformprozesses "Synodaler Weg" gebraucht werde. Unterstellungen, die Laienkatholiken in Deutschland arbeiteten auf eine Spaltung hin, erwiesen sich somit als gegenstandslos. 

Wiederum ganz anders sieht es der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping. Gegenüber der "Tagespost" meint er, mit dem weltweiten synodalen Prozess der katholischen Kirche sei Franziskus "ein Überraschungscoup gelungen, der das Zeug hat, den deutschen Synodalen Weg, der nicht nur im Vatikan kritisch gesehen wird, in die Weltkirche einzubinden, ja ihn zu absorbieren. Denn beim s ynodalen Prozess stehen nicht Umdeutung des Bischofs- und Priesteramtes, Abschaffung des Zölibats, Frauenordination und eine neue Lehre von Ehe und Sexualität auf der Agenda". Eine synodale Kirche auf katholisch könne es aber, das habe Franziskus mehrfach deutlich gemacht, nur in Einheit mit dem Nachfolger Petri und der "hierarchischen Gemeinschaft" des Bischofskollegiums geben, so Hoping. "Zuletzt beschworen führende Vertreter des deutschen Katholizismus, den Synodalen Weg in Einheit mit der Weltkirche gehen zu wollen. Es wird sich zeigen, ob dies mehr war als ein Lippenbekenntnis."

Pure Freude allerdings bei der Österreichischen Bischofskonferenz: Deren Vorsitzender, Erzbischof Franz Lackner von Salzburg, hofft, "dass mit der Einladung des Papstes etwas in Gang kommt, das uns als Kirche gemeinsam und in zeitgemäßer Weise befähigt, den Glauben zu leben und die Welt christlich zu gestalten". In seiner ersten Reaktion versicherte Lackner: "Wir tun mit ganzem Herzen und Engagement mit." Und der Wiener Kardinal Christoph Schönborn meinte: "Synodalität liegt dem Papst sehr am Herzen, und Franziskus hat die Bischofssynode aufgewertet und damit zu einem wichtigen Instrument seines Pontifikats gemacht." Das Dokument aus Rom mache ein Kernanliegen des Papstes deutlich: "Franziskus will Synode in seiner wörtlichen Bedeutung ernst nehmen: dass es ein gemeinsamer Weg ist."

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