München

Ist der Rücktritt von Kardinal Marx ein Befreiungsschlag oder ein Bärendienst für die Kirche?

Das Angebot des Amtsverzichts von Kardinal Marx wird von vielen gelobt. Vertreter von Missbrauchsopfern sehen den einmaligen Schritt dennoch kritisch.  Eine Kontroverse über Verantwortung.

Kardinal Reinhard Marx
Kardinal Reinhard Marx hat dem Papst seinen Amtsverzicht angeboten. Hat er der Kirche damit einen Bärendienst erwiesen? Foto: Sven Hoppe (dpa)

Von "da geht der Falsche" über "Respekt vor der Entscheidung" bis hin zu "das war zu erwarten" reichen die unterschiedlichen Reaktionen auf das Rücktrittsangebot des Münchener Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx. Wenige Tage vor dem Beginn der Apostolischen Visitation im Erzbistum Köln sorgte er so für einen Paukenschlag. Viele Beobachter fragen sich nun: Warum und warum jetzt? Will er mit seinem Handeln andere Bischöfe unter Druck setzen oder reagiert er auf Versäumnisse in der eigenen Amtsführung? 

 Ein Angebot

Er habe den Papst gebeten, seinen Amtsverzicht anzunehmen und über seine weitere Verwendung zu entscheiden, heißt es in einer Erklärung des Kardinals, der seit Februar 2008 in der bayerischen Metropole wirkt. "Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten", schrieb Marx dem Heiligen Vater. Um Verantwortung zu übernehmen reiche es aus seiner Sicht nicht aus, erst und nur dann zu reagieren, wenn einzelnen Verantwortlichen aus den Akten Fehler und Versäumnisse nachgewiesen würden. Man müsse deutlich machen, "dass wir als Bischöfe auch für die Institution Kirche als Ganze stehen". Er empfinde eine "persönliche Schuld und Mitverantwortung auch durch Schweigen, Versäumnisse und zu starke Konzentration auf das Ansehen der Institution". 

 Er stiehlt sich aus der Verantwortung

Kardinal Marx stehle sich aus der Verantwortung, kritisiert Peter Bringmann-Henselder. Er ist Mitglied im Betroffenenbeitrat im Erzbistum Köln und hält die Entscheidung des Münchener Kardinals im Interview mit der "Tagespost" für falsch. Durch seinen Rücktritt erweise er der Aufarbeitung im Erzbistum München-Freising einen Bärendienst. Schließlich müsse sich ein Amtsnachfolger "erst einmal ein Bild machen" und von vorne anfangen. Den Betroffenen helfe das Verhalten von Marx nicht. Eine echte Aufklärungsarbeit habe der Kardinal bislang nicht geleistet, wirft ihm der Kölner Betroffenenbeirat vor.  

 Ein von Kardinal Marx in Auftrag gegebenes Gutachten der Münchener Kanzlei Westphal-Spilker-Wastl zum Umgang mit den Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising zwischen 1945 und 2019 wurde zunächst für das Frühjahr 2021 erwartet. Später kündigte der Kardinal das Erscheinen für den Sommer 2021 an. Jetzt heißt es aus der Pressestelle des Erzbistums, das Gutachten werde im Laufe des Jahres erwartet. Die Verzögerungen seien weder beabsichtigt, noch lägen sie in der Verantwortung des Erzbistums. Es gebe keinerlei Vorabinformationen zum Stand des Gutachtens aus der beauftragten Kanzlei. Das weitere, bereits 2010 durch die gleiche Münchener Kanzlei erstellte Gutachten, wird nach Auskunft der Pressestelle des Erzbistums gegenüber der "Tagespost", unveröffentlicht bleiben. Der Umgang mit dem Gutachten sei allerdings keinesfalls mit dem Vorgehen im Erzbistum Köln vergleichbar. Der so genannte "Westpfahl-Bericht" aus dem Jahre 2010 sei nie zur Veröffentlichung bestimmt gewesen und habe daher die Vorgaben des Datenschutzes nicht hinreichend berücksichtigt.  

 Verschiedene Reaktionen 

Die Reaktionen auf das Rücktrittsangebot des Kardinals sind unterschiedlich. "Da geht der Falsche", sagt ZdK-Präsident Thomas Sternberg am Samstag der der "Rheinischen Post". Marx Gefährte beim "Synodalen Weg" bezieht sich dabei auf dessen "Verdienste in der Ökumene, beim Synodalen Weg und bei der Missbrauchsaufarbeitung". Joachim Unterländer, der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, sieht in Marx einen "unverzichtbare(n) Vertreter der Kirche, wenn es nun um die Realisierung von systemischen Veränderungen geht". Die katholische Kirche in Bayern brauche Kardinal Reinhard Marx. Er habe sich seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle "in einem Maß für die Aufklärung und Aufarbeitung der untragbaren Zustände eingesetzt, das man sich von Anfang an von allen Beteiligten gewünscht hätte". 

 Das sehen Missbrauchsopfer im Bistum Trier und Beobachter des Handelns des damaligen dortigen Bischofs durchaus anders. Insbesondere der Fall des Pfarrers M. aus dem saarländischen Freisen rückte im Vorfeld der beabsichtigten Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Marx noch einmal in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Er habe als Trierer Bischof 2006 starke Hinweise darauf erhalten, dass Pfarrer M. im Missbrauchsverdacht stehe, heißt es in der Zeit-Beilage "Christ & Welt". Marx habe in dieser Sache allerdings nichts unternommen. Der Geistliche sei vielmehr jahrelang unbehelligt geblieben, habe weiterhin Kontakt zu Kindern und Jugendlichen gehabt und sei sogar mit ihnen in den Urlaub gefahren. Zwischen 1982 und 2015 sei Pfarrer M. achtmal wegen Missbrauchsvorwürfen angezeigt worden. Die meisten Verfahren mussten wegen strafrechtlicher Verfolgungsverjährung eingestellt werden. Wende man auf diesen Umgang mit dem Missbrauchsfall die Matrix des Kölner Gercke-Gutachtens an, würde man Marx wohl Pflichtverletzungen anlasten können, schlussfolgert die "Zeit"-Beilage.  

 Ein erwartbarer Schritt

"Der Rücktritt von Kardinal Marx war erwartbar." So sieht es die Koblenzer Pastoralreferentin Jutta Lehnert im Gespräch mit der "Tagespost". Sie engagiert sich ehrenamtlich in der Opferinitiative "Missbit" im Bistum Trier. Dort übernimmt sie neben ihrem Vorstandsamt auch die seelsorgerische Betreuung. "Marx kennt seine Fehler und sein persönliches Versagen. Der Kardinal hat sich sicherlich Gedanken dazu gemacht, was ihn erwartet, wenn die Aufklärungsarbeit vor allem im Bistum Trier fortschreitet. Er wollte wohl nicht abwarten, bis die Recherchen von Journalisten oder Opferverbänden ihm weiteres Fehlverhalten nachweisen, sondern zuvor bereits die Konsequenzen ziehen", betont Lehnert. Schließlich seien schon jetzt im Bistum mindestens zwei Fälle, der des Pfarrers M. aus Freisen und die Vorgänge um das Missbrauchsopfer Karin Weißenfels bekannt, in denen dem ehemaligen Trierer Oberhirten Pflichtverletzungen zur Last gelegt würden. Sie gehe davon aus, dass der Kardinal "weich falle" und man in Rom eine gute Verwendung für ihn finden werde. Den Schritt von Marx solle man, so Lehnert, nicht überhöhen. Insbesondere deshalb, weil er nicht mit konkreten Schuldbekenntnissen in einzelnen Fällen verbunden gewesen sei, beschreibt die Pastoralreferentin. "Eigentlich müssten alle Bischöfe, vielleicht bis auf wenige, zuletzt geweihte, ihren Rücktritt anbieten", meint Lehnert. Das System sei aber auf Machterhalt angelegt. Im Fall des Pfarrers M. seien neben Marx auch der heutige Trierer Bischof Ackermann und der aktuelle Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Bätzing in unterschiedlichen Funktionen involviert gewesen, ohne dass dem Pfarrer das Handwerk gelegt worden sei. 

Konflikte mit Betroffenen 

 Auch im Münchener Erzbistum gibt es Konflikte mit dem Betroffenenbeirat. Dort hat jetzt, nach Berichten des Bayerischen Rundfunks, die einzige Frau in dem fünfköpfigen Gremium nach nur zwei Sitzungen ihren Rücktritt erklärt. Die Sozialpädagogin und Traumatherapeutin Agnes Wich, die als neunjähriges Mädchen von einem Priester missbraucht wurde, hatte ein Problem damit, dass der Betroffenenbeirat ausgerechnet einen Priester, der früher selbst Opfer sexuellen Missbrauchs wurde, in die Aufarbeitungskommission des Erzbistums entsandt habe. "Das gibt garantiert einen Loyalitätskonflikt mit dem Arbeitgeber Kirche", kritisiert Wich. 

Um den Betroffenenbeirat und damit um die Sicht der Opfer geht es gleich zu Beginn der Apostolischen Visitation im Erzbistum Köln. Sie wurden am Dienstag von den Abgesandten aus Rom angehört und hoffen, "dass das Gespräch dazu beitragen kann, dass alle Bischöfe und Kardinäle endlich dazu stehen, dass sie in der Vergangenheit in erster Linie bemüht waren, die Institution Kirche zu schützen und die Betroffenen nicht im Blick hatten".  


Kurz gefasst 

Das Rücktrittsgesuch des Münchener Erzbischofs bringt erneut Bewegung in die Missbrauchsdebatte. Die Gründe für seinen Rücktritt bieten Raum für Spekulationen. Die Reaktionen bewegen sich zwischen Trauer und Zustimmung. Die Missbrauchsopfer fordern von der Kirche eine konsequente Aufklärung und Klarheit über Täter und Vertuscher. Nur so könne sie das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen. Spannend wird sein, welche Rolle die Apostolische Visitation dabei spielen kann, die in Köln begonnen hat. 

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