Würzburg

Ist der Papst für die LGBT-Agenda?

Staatliche Setzung von Recht und kirchliche Moral sind nicht kongruent. Die moralische Billigung oder Missbilligung von Lebensformen gehört nicht zu den Aufgaben des Staates. In Ansehen der Realität hebt der Papst nun das Gute an zivilrechtlichen Partnerschaften hervor. Doch stimmt der Papst damit der "Ehe für alle" zu?

Franziskus zu gleichgeschlechtlichen Paaren
In einem neuen Dokumentarfilm, der am Mittwoch in Rom uraufgeführt wurde, erklärt der Papst wörtlich: "Homosexuelle haben ein Recht darauf, Teil der Familie zu sein." Foto: Tiziana Fabi (AFP Pool/AP)

Am 21.10. wurde in Rom der Dokumentarfilm "Francesco" vorgestellt – seither scheinen alle Dämme in der Kirche zu brechen. Im Film spricht der Papst wohlwollend von „eingetragenen, zivilen Partnerschaften“. Fortan ist in der Kirche nichts mehr, wie es war. Die einen jubeln und sehen in dieser Äußerung die lange ersehnte Zustimmung zur Homo-Ehe, als würde der Papst sie nun als schätzenswerte Möglichkeit neben der klassischen Ehe ansehen. Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sah die Stunde gekommen, der Öffentlichkeit zu offenbaren, eine Gruppe deutscher Bischöfe arbeite bereits an einem Segensritus für gleichgeschlechtliche Paare. Die Konservativen sprechen von einem unerhörten Fauxpas: Papst Franziskus habe eine Irrlehre vorgetragen, die zu Ausführungen des authentischen Lehramtes von 2003 („Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen“) im Widerspruch steht.  

Was hat der Papst wirklich gesagt? Take 1: „Homosexuelle Menschen haben ein Recht, Teil der Familie zu sein.“ Take 2: „Sie sind Kinder Gottes und haben ein Recht auf Familie. Niemand sollte deswegen rausgeworfen oder betrübt werden.“ Take 3: „Was wir schaffen müssen, ist ein Gesetz des zivilen Zusammenlebens. Auf diese Weise sind sie rechtlich abgesichert.“ In diesen Aussagen sehen nun lehramtstreue Theologen einen Widerspruch zu der Erklärung der Glaubenskongregation von 2003. Dieser Widerspruch besteht tatsächlich. 

Glaubenskongregation sprach 2003 in einer bestimmten politischen Situation

Man vergisst aber, dass die „Erklärung“ (was schon ihr Titel ausweist), in eine bestimmte politische Lage hineingesprochen wurde. Es sollte damals mit naturrechtlichen Begründungen und klaren Anweisungen an christliche Politiker verhindert werden, dass immer mehr Staaten eine zivile Rechtsform für gleichgeschlechtliche Lebensformen einführen – und zwar als ersten Schritt in Richtung Homo-Ehe, am Ende gar noch mit Adoptionsrecht. Dieses Ziel erreichte die Erklärung in praktisch keinem einzigen Staat; in 28 Staaten der Erde (darunter fast ganz Europa) gibt es nicht nur die zivile Lebenspartnerschaft sondern nun auch die „Ehe für alle“. Würde die „Erklärung“ heute abzufassen sein, müsste sie von einer ganz anderen Wirklichkeit als 2003 ausgehen.


Natürlich ist der Papst nicht gehalten, unwirksame politische Strategien weiterzutragen. Er ist sehr wohl gebunden, kontinuierliche, aus Schrift und Tradition stammende Einschätzungen des Phänomens Homosexualität - so, wie sie die „Erwägung“ (zweifellos in unnötiger Schärfe und wenig empathisch) darstellt - auch unter gewandelten Bedingungen auszusagen. Eben dies tut der Papst, der post factum spricht. Es gibt nun einmal weltweit zivilrechtliche Regelungen, die aus bestimmten staatlichen Rechtsbegründungszusammenhängen erwachsen sind und weder mit Geld noch mit guten Worten aus der Welt zu schaffen sind. 

Staatliche Setzung von Recht und kirchliche Moral sind nicht kongruent, nicht einmal im allerchristlichsten Staat. Der Staat hat, was Robert Spaemann zu betonen nicht müde wurde, im Rahmen einer rechtsstaatlichen Ordnung die Freiheit seiner Bürger und ihre gegenseitige Begrenzung im Blick auf ein gelingendes Zusammenleben zu garantieren, wobei das Herzstück der Menschenrechte im Recht auf Religionsfreiheit besteht. In diesem Frei-Raum nehmen Personen zu letzten Fragen und zum guten Leben Stellung. Er ist kein Zugeständnis an Christen; er ist essentiell. In die sexuelle Selbstverwirklichung seiner Bürger hat der Staat sich – jenseits von Strafrecht, Jugendschutz etc. - nicht einzumischen. Er darf die Usancen einer Gruppe nicht anderen Gruppen aufbürden.

Die moralische Billigung von Lebensformen nicht Aufgabe des Staats

Formen von Gemeinschaft einen zivilrechtlichen Rahmen zu geben, in dem Verantwortung und Fürsorge formalisiert werden, ist für den Staat nicht nur eine Möglichkeit; es kann sogar sinnvoll und geboten sein. Wenn zwei Menschen dauerhaft zusammenleben, der eine ins Krankenhaus kommt und der andere kein Besuchs- oder Auskunftsrecht hat, ist das ein Unrecht, das abgestellt werden muss. Nun kann man freilich all jene Staaten kritisieren, die der reinen Staatslehre Ideologie untermischt haben. Zivilrechtliche Schutzregelungen nur auf Mann/Mann- oder Frau/Frau-Geschichten zu konzentrieren, ist unlogisch. Warum nicht Geschwister, Freunde, Verwandte, polyamoröse Lieben, usw.? Wie man Verantwortungsgemeinschaften eigentlich nicht quantitativ begrenzen darf, so ist es in der Logik staatlicher Rechtsbegründung auch ein Unding, exklusiv nur Sexualität zum schutzwürdigen Faktor zu erheben. Dem Querdenker Robert Spaemann, der leider kein Gehör fand, war daran gelegen, Verantwortung rechtlich zu etablieren, aber nun nicht gerade konzentriert auf gleichgeschlechtliche Paare, die „Ehe“ imitieren. Wenn der Staat der Ehe von Mann und Frau besonderen Schutz gewährt, dann nicht aus sexuellen Geschmacksgründen, sondern weil er ein natürliches Interesse an ihrer Generativität hat. 

In Ansehen der Realität hebt der Papst nun das Gute an zivilrechtlichen Regelungen zwischen gleichgeschlechtlichen „Freundschaften“ hervor; von „Ehe“ kann ja keine Rede sein. Es ist gut, dauerhaft füreinander da zu sein, und es ist gut, das rechtlich befestigt, auch wenn Christen ansonsten Widersprüche zur Schöpfungsordnung markieren könnten. Welche andere Wahl hätte die Kirche? Christen sind gerade nicht gesellschaftsprägend und werden auch auf mittlere Sicht keine naturrechtliche und biblische Auffassung von Ehe im Staat durchsetzen. Dazu gibt es Mission und nicht Diplomatie. Aber Gutes sollte die Kirche gut nennen, statt sich auf Defizite zu fixieren.

Wo liegt der Fehler des Papstes? Vielleicht hier? „Homosexuelle Menschen haben ein Recht, Teil der Familie zu sein ... Sie sind Kinder Gottes und haben ein Recht auf Familie. Niemand sollte deswegen rausgeworfen oder betrübt werden.“ Wenn das Wort „Familie“ auftaucht, schießen hierzulande sofort Reflexe hoch: Redet der Papst der Skala neuer Familienmodelle, dem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare das Wort? Beteiligt er sich an der ideologischen Dekonstruktion der klassischen Familie? 

Wer ein wenig mit dem Sprachgebrauch von Papst Franziskus vertraut ist, weiß, dass er das Wort mit Vorliebe pastoral verwendet und es gerne mit persönlichen Erinnerungen anreichert. „Familie“ ist für ihn der Ort der Wärme, der gegenseitigen Annahme, des Wachstums und der Versöhnung – der Ort, an dem auch die Schwächeren willkommen sind und wohin auch dissonante Mitglieder immer wieder zurückkehren dürfen – ein Synonym für Kirche, im Grunde ein Gleichnis für den Himmel. Wenn Eltern damit konfrontiert sind, dass sich eines ihrer Kinder als schwul oder lesbisch outet, werden sie dieses ihr Kind in den Arm nehmen und nicht zur Tür hinauswerfen. Natürlich muss die Kirche einüben, was Bischof Glettler für die österreichische Bischofskonferenz reklamiert – einen „bewusst wertschätzenden Umgang" mit homosexuell orientierten Menschen. Es geht darum „Vorurteile abzubauen, spirituelle Heimat zu ermöglichen und mit und für diese Zielgruppe auch als Kirche präsent zu sein", so der Bischof: "Gott lädt uns alle ein, an seiner lebendigen Kirche mitzubauen."

Kirche muss einen wertschätzenden Umgang einüben

Sünder sind wir alle – und homosexuelle Menschen mussten lange genug den Sündenbock spielen. Wer näher mit Betroffenen in Kontakt ist, weiß, dass Einsamkeit häufig ihr größtes Problem ist und sie sich nach nichts so sehnen wie nach Freundschaft und Annahme. Diese grundlegende Haltung der Offenheit und Gastfreundschaft basiert auf dem Unterschied zwischen Respekt und Akzeptanz. Liebe und Respekt steht allen zu, deshalb muss ich nicht gut finden, was der Andere in seiner Freiheit tut – und er muss nicht „akzeptieren“, was ich tue. Wenn Gott uns vorbehaltlos annimmt, - wie sehr sind wir uns das dann gegenseitig schuldig?

Die Liebe und der Respekt, die der Papst zeigt, resultieren aus seinem Grundsatzprogramm des Gehens an die Ränder: „ ...nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends.“

Die Nähe des Papstes ist eine Nähe des unbedingten Respekts, aber keine Nähe der unbedingten Akzeptanz. Mit guten Gründen vermeidet es der Papst, die kritische Grundeinstellung zu praktizierter Homosexualität erneut vorzutragen, wozu es angesichts der epidemischen innerklerikalen Pleiten mit homosexuellem Missbrauch auch keinen Anlass gibt. Immer wieder aber machte der Papst in der Vergangenheit deutlich, dass "es keine Verwechslung zwischen der von Gott gewollten Familie und irgendeiner anderen Art von Verbindung geben darf". So erklärte er 2016: "Die Ehe zwischen Mann und Frau" müsse von anderen Verbindungen unterschieden werden. Geschuldeter Respekt ist es, wenn er die Freiheit homosexueller Menschen achtet und sagt: „Wer bin ich über sie zu urteilen?“ - zu den den Prinzipien der Lehre steht er, wenn er Journalisten wissen lässt: „Zu homosexuellen Menschen wiederhole ich, was ich auf der Reise nach Rio di Janeiro sagte. Es steht im Katechismus der Katholischen Kirche.“ 

Von einer päpstlichen Zustimmung zur „Ehe für alle“ kann keine Rede sein und auch nicht von einer Zustimmung zu Versuchen, gleichgeschlechtliche Gemeinschaften in die Nähe des Ehesakraments zu rücken oder eine liturgische Analogie dazu herzustellen. Dazu sagt die Universalkirche hoffentlich auch weiterhin: never ever! Das Sakrament der Ehe steht niemals in einer Reihe mit anderen Gemeinschaftsformen. Eberhard Schockenhoff, der Architekt der "neuen Sexualmoral" ist da übrigens auch von linkstheologischer Seite unter Feuer gekommen: "„Es handelt sich“, so der schwule Theologe Ruben Schneider, „um eine Fortführung traditioneller, exklusiver und heterosexuell normierter Paarungsmuster, und dadurch wird ´im Endeffekt die Strukturierung bzw. prinzipielle Diskriminierung vielfältiger Lebens- bzw. Liebensformen nach heterosexuellem Muster weiter ausgebaut: Ein gutes Paar ist nur ein verheiratetes Paar – kein nichtverheiratetes Tripel, kein Polygam und auch keine andere Lebensgemeinschaft´." Die Frage wird sein, ob der Papst hinreichend deutlich machen kann: Anerkennung von Verantwortung? Ja. Anerkennung der Eheanalogie? Nein. 

Viele Katholiken wissen nicht mehr um die sakramentale Ehe

Der springende Punkt wird die "Segnung" sein. Hier bewegen wir uns im sensiblen Bereich der Symbole und Sakramente, der Stellvertreter und Anzeiger verborgener Wirklichkeiten, nicht der leeren Rituale. Ein Symbol sagt aus, was ist. Die Sakramente sind die Körpersprache des Leibes Christi, die Körpersprache der Kirche. Den synodalen Betreibern eines liturgischen Segensformulars geht es um das Eheanaloge in symbolischer Verdichtung: Homosexueller Sex soll "... sie werden ein Fleisch" (Gen 2,24) bedeuten, und nicht: "Wir sind allerbeste Freunde". Zumindest in kirchlicher Perspektive ist die Beziehung zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen Freundschaft – und keine Sonderform des Sakraments der Ehe. Ohnehin wissen die meisten Katholiken nicht mehr, worin das Sakrament besteht. Die Kirche würde dem Missverständnis nur neue Nahrung geben, es handle sich dabei um eine unspezifische Zeremonie über unspezifische Absichten unspezifischer Personen. 

Es liegt auf der Hand, dass die Kirche jetzt zweierlei tun muss: Sie wird ihre Berufung, „das offene Haus des Vaters zu sein“ (EG 47) neu leben. Sie wird aber auch wiederentdecken, welchen Schatz sie in „Bild und Gleichnis“ der Ehe durch die Zeiten trägt. Sie wird das Sakrament der Ehe neu zum Leuchten bringen und es gegen jede Form von Travestie schützen. 

Martin Brüske lehrt katholische Dogmatik an der Universität Fribourg. Bernhard Meuser leitet die YouCat Foundation. Zuletzt legte er mit „Freie Liebe“ eine Kritik an der Sexualmoral des Synodalen Wegs vor (DT vom 15.10.).

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