Dublin

Irische Heime: Folterkammer statt Zufluchtsort?

In irischen Mutter-Kind-Heimen wurden die Zufluchtsuchenden oft vernachlässigt und misshandelt. Der Ryan Report klärt nun auf. Aber nur über die Vergehen in kirchlichen Einrichtungen. Der irische Moraltheologe Vincent Twomey macht unter anderem die politische Unterdrückung der Iren für die Zustände verantwortlich.

Tausende Babys in katholischen Mutter-Kind-Heimen gestorben
Babysocken und eine Liste mit den Namen toter Kinder hängen an einer Leine an der Stelle eines Massengrabes von Kindern auf dem Gelände eines Mutter-Kind-Heims des Ordens Bon Secours. Foto: Niall Carson (PA Wire)

Ausgerechnet in Heimen, die gegründet wurden, um schwangeren Frauen Zuflucht und Hilfe zu gewähren, sind in Irland Grausamkeiten geschehen, die der kürzlich veröffentlichte Ryan Report auf fast 3 000 Seiten aufgelistet hat. Das Ergebnis der Untersuchung zu achtzehn kirchlichen Einrichtungen könnte nicht schlimmer sein. Mütter und Kinder wurden stark vernachlässigt. Die sanitären Verhältnisse waren in vielen Heimen schlicht untragbar. Ein Zahlenverhältnis wie das von vier Toiletten für 140 Frauen und ihre Kinder macht dies erschreckend deutlich. Die Folgen solcher Zustände waren im wahrsten Sinne des Wortes tödlich.

Kleinkinder als Versuchsobjekte

Zutage trat dies, als die irische Historikerin Catherine Corless im Jahr 2014 herausfand, dass im früheren Mutter-und-Kind-Heim in Tuam in der Zeit von 1925 bis 1961 Hunderte von Totenscheinen für Kleinkinder ausgestellt und in der Folge davon in der Nähe des Heimes zahlreiche menschliche Überreste gefunden wurden.

Was danach bei der Aufarbeitung zutage trat war: Mütter und Kinder wurden in den Heimen nicht für ein gelingendes gemeinsames Leben ausgerüstet, sondern vielmehr oft voneinander getrennt und vernachlässigt. Fehlverhalten und Misshandlungen waren systemisch. Viele der Frauen und noch mehr Kinder starben an den Folgen der „caritativen“ Behandlung. Mehr noch, die Heime öffneten ihre Tore oft für Ärzte, die die Babys als Versuchsobjekte für Tests missbrauchten und Impfungen an ihnen ausprobierten.

"Die Aufarbeitung würde nicht damit enden,
dass man mit ausgestrecktem Zeigefinger
auf die Kirche zeigt, sie würde vielmehr
die gesamte Gesellschaft mit einbeziehen."

Dass die Bischöfe sich für ein derart eklatantes Fehlverhalten entschuldigt haben war notwendig. Ob die Entschuldigung angenommen werden kann, ist fraglich. Denn die Risse, die durch die irische Gesellschaft gehen, sind sehr tief. Und die eigentlich notwendigen Antworten auf die Fragen nach dem Warum stehen weder im Ryan Report, noch werden sie in der öffentlichen Entschuldigung der Kirchenvertreter thematisiert. Letztere zielen zwar darauf ab, dass die entsetzlichen Missstände Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung waren. Das ist richtig und eine der sich daraus ergebenden Fragen ist, warum der Ryan Report nur die Heime in kirchlicher Trägerschaft untersuchte, die staatlichen, an denen exakt dieselben Missstände herrschten, aber außer Acht ließ.

Dass die Suche nach den Wurzeln des Skandals von den doch offenkundig an Aufklärung Interessierten nicht vorgenommen wird, hat Gründe. Denn die Aufarbeitung würde, wenn man dies täte, weitaus mühsamer und sie würde nicht damit enden, dass man mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Kirche zeigt, sie würde vielmehr die gesamte Gesellschaft mit einbeziehen.

Moraltheologe: Geringschätzung der Theologie für Missstände verantwortlich

Einer, der die notwendigen Fragen gestellt und bemerkenswerte Antworten gefunden hat, ist der irische Moraltheologe Vincent Twomey SVD, Mitglied des Schülerkreises von Papst Benedikt. Für ihn wurde ein Studienaufenthalt in Münster und Regensburg zum Augenöffner, der ihn verstehen ließ, warum die Außenansicht der katholischen Kirche in Irland mit der Binnenwahrnehmung nicht mehr in Einklang sein konnte. Zum einen, so stellte Twomey fest, fehlt es in Irland an einer Wertschätzung der Theologie. Sie genießt weder gesellschaftliches, noch innerkirchliches Ansehen und spielt im öffentlichen Diskurs keine Rolle.

Damit fehlt der Kirche in Irland das Element der Reflexion, der nach- und mitdenkenden Vertiefung. Das andere Grundproblem ist gesellschaftlicher Natur. Denn die massive Missachtung hilfsbedürftiger Menschen, die in den Mutter-und-Kind-Heimen zu beobachten war, aber leider nur die Spitze des Eisbergs ist, zieht sich wie eine schwere Krankheit durch die gesamte irische Gesellschaft. Die ihr zugrunde liegende geistliche Fehlhaltung ist allerdings nicht katholisch, sondern vielmehr puritanisch.

Missachtung Hilfsbedürftiger auch Auswirkung englischer Unterdrückung

Dass diese Geisteshaltung die irische Gesellschaft beinahe unbemerkt so tief prägen konnte, geht zum einen auf den Verlust der traditionellen irischen Sprache, des Gälischen, zum anderen auf die nicht eben glückliche Beziehung zwischen Iren und Engländern zurück, deren letztere für den Sprachverlust und die Unterdrückung der genuin irischen Traditionen verantwortlich sind. Denn die Besetzung Irlands durch die Engländer hatte beileibe nicht nur politische Nebenwirkungen. Wer Menschen ihre Sprache nimmt, wie es durch die Unterdrückung des Gälischen geschah, nimmt ihnen ihre Identität. Und das ist in diesem Fall die Katholische. Sie wurde, wie Prof. Twomey hellsichtig analysiert, durch die puritanische Grundhaltung ersetzt, deren übersteigerte Form sich in den Verhältnissen in den Kinderheimen wie in einem Brennglas zeigte.

Interessant ist zudem eine weitere Nebenwirkung. Denn die von Twomey beklagte mangelnde Wertschätzung der Theologie in seinem Land und die aufgrund dessen fehlende geistig-geistliche Bildung innerhalb der irischen Katholika sind ebenfalls eine Folge des Sprachverlustes durch die eigentlich „nur“ politische Unterdrückung der Iren im 19. Jahrhundert.

Theologische Reflektion unter Verdacht

Twomey hat durch die Begegnung mit dem deutschen Katholizismus gelernt, wie weit die Ortskirche seiner Heimat sich von ihren Wurzeln entfernt hatte. Die Klöster, einst Leuchttürme kirchlichen Lebens, sind weitgehend verfallen und als Ruinen beinahe nur noch von touristischem Interesse. Theologische Reflexion galt als verzichtbar, sogar als verdächtig, und der Diskurs zwischen katholischen Intellektuellen und Priestern unterblieb. Durch diese Trennung, so Twomey, schnitten die Priester sich von einem Teil ihrer Wurzeln ab.

Die Folge: Auch die restlichen Wurzeln verdorrten, und losgelöst von der theologischen Tradition verloren sie auch die spirituelle. Die Konsequenz war erwartbar und ist eingetreten: Die in den Mutter-und-Kind-Heimen geschehenen massiven Sünden gegen das Gebot der Nächstenliebe waren die Folge einer Werteskala, die vollkommen in Unordnung gekommen war. Nur halb verstandene puritanische Werte hatten die vergessenen katholischen ersetzt.

Hilfsbereite Einrichtungen kritisch beäugt

Wie weitgehend dies galt, lässt sich daran ablesen, dass die guten Initiativen, die es in den vergangenen Jahrzehnten durchaus gab, eher bekämpft und kritisiert, als unterstützt worden waren. Ein Beispiel dafür ist das im Iona Talk, einem Bericht über eine bemerkenswerte caritative Initiative von 2017, thematisierte Mutter-und-Kind-Heim, das Frank Duff und die freiwilligen Helfer der Legio Mariae am 1. Oktober gründeten.

Das System von Regina Coeli, wie das Heim hieß, funktionierte. Denn statt einer lieblosen Verwahranstalt mit hoher Todesrate war dieses Heim eine in kleine Wohnungen unterteilte Lebensgemeinschaft, die den Bewohnerinnen und ihren Kindern Unterstützung auf einem Weg in ein selbstständiges Leben gewährte. Duffs Prinzip war, das natürliche Band zwischen Müttern und Kindern zu stärken. Er sagte, dass die Früchte dieser Arbeit so bemerkenswert waren, dass es unmöglich sei, anzunehmen, dass irgendein sensibler Mensch etwas dagegen einwenden könne.

„Aber die Tatsache ist, dass nahezu jeder dagegen zu sein schien. Das ist die Lektion von 40 Jahren Arbeit.“ Duffs Fazit zeigt: Das Problem der irischen Mutter-und Kind-Heime hat weit tiefere Wurzeln, als der Ryan Report und die Entschuldigung der irischen Bischöfe erahnen lassen. Nur wenn man sich auf sie konzentriert, ist Heilung möglich.

Viele Frauen haben den Eindruck, sie müssten ihr Kind abtreiben

Diese Einschätzung bestätigt auch Maria Steen, Rechtsanwältin, Lebensrechtsaktivistin und Mutter von fünf Kindern. Im Gespräch mit dieser Zeitung antwortet sie auf die Frage nach den Ursachen der Zustände in den Mutter-und-Kind-Heimen und den heutigen gesellschaftlichen Problemen Irlands: „Mir scheint, dass in unserer Gesellschaft dieselben Probleme in unterschiedlicher Gestalt auftreten. Während es heutzutage unzweifelhaft akzeptabel und möglich für eine Frau ist, ihr Kind eher zu behalten als ihn oder sie zur Adoption freizugeben, haben viele das Gefühl, sie hätten keine andere Möglichkeit, als ihr Kind abzutreiben.

Der Report stellt etwas Ähnliches hinsichtlich der Frauen dieser Zeit fest. Während es keine Beweise dafür gibt, dass die Frauen gezwungen wurden, in die kirchlichen oder staatlichen Mutter-und Kind-Heime zu gehen, hatten viele das Empfinden, sie hätten keine andere Wahl. In der Vergangenheit zeigte die Gesellschaft ein negatives Verhalten gegenüber Schwangerschaft und Mutterschaft außerhalb der Ehe, weil sie die Aussichten einer Frau auf eine Heirat beeinträchtigten.

"Ein Baby zu bekommen wird immer noch als ,Krise' wahrgenommen."

Heutzutage hat die Gesellschaft eine sehr negative Einstellung gegenüber Schwangerschaft „zur falschen Zeit“, weil sie die Karriereaussichten einer Frau beeinträchtige und zum Klimawandel beitrage. Die Bilanz ist dieselbe: Ein Baby zu bekommen wird immer noch als „Krise“ wahrgenommen. Das ist das Gegenteil des wahrhaft christlichen Verständnisses vom Geschenk, das das Leben ist. Um diese Grundhaltung zu bekämpfen brauchen wir einen wirklichen kulturellen Wandel.“

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