Bonn

Im Gewand Christi

Ein Sammelband zum Synodalen Weg problematisiert die Rolle des Priesters in der Kirche. Dabei wird ein wesentlicher Fokus auf äußerliche Aspekte gelegt, der die Unterschiede zwischen Laien und Geistlichen betont.

Gewand Christi: Bischofsmützen Mitra im Hochamt Gottesdienst
Wird durch die andersartige Kleidung der Hirten eine Unfehlbarkeit der Geistlichen suggeriert? Foto: Gerhard Seybert, Medien & Presse Service (164074726)

Die Quaestio Disputata „Amt – Macht – Liturgie“ (QD) will den sogenannten Synodalen Weg der Kirche in Deutschland theologisch unterstützen. Viele Beiträge beziehen sich auf den von Benedikt Kranemann behaupteten Zusammenhang zwischen Liturgie und Missbrauch. Insofern ist sein eigener Beitrag „Kleider machen Leute“ über Paramente und Überhöhung von Macht für die Gesamthermeneutik der QD aufschlussreich. Ähnlich wie andernorts Hubert Wolf geht er von der Annahme einer bis heute fortwirkenden Veränderung der Kirche im neunzehnten Jahrhundert aus. Hier „setzt die Kleidung … den Priester von der Alltagswelt ab, enthebt ihn ihr geradezu – und sakralisiert ihn…  Ihm werden Würde, zunehmende Reinheit von Sünden, wachsende Vollkommenheit zugesprochen.“

Im Zweiten Vaticanum bewusst äußerlich unterscheidende Elemente festgelegt

Der Autor macht es sich zu einfach, dies als eine im Mittelalter gründende und im 19. Jahrhundert gesteigerte Sicht des Priestertums erscheinen zu lassen. Man kann fragen, wo der Unterschied zu den zitierten Werken liegt, wenn der heilige Johannes Chrysostomos über den Priester schreibt: „Wenn er aber auch den Heiligen Geist anruft und das schauererregende Opfer vollzieht und den gemeinsamen Herrn aller fortwährend berührt, sag mir, wohin werden wir ihn stellen? Welche Reinheit und Frömmigkeit werden wir von ihm verlangen?“ (zitiert nach Lochbrunner).

Das Zweite Vaticanum habe nach Kranemann einen Paradigmenwechsel vollzogen und „Liturgie als Feier der ganzen Gemeinde“ verstanden, weshalb man die liturgische Kleidung „vom gemeinsamen Taufpriestertum und damit vom Taufkleid her“ bestimmen müsse. Nachkonziliare Dokumente hätten dies betont, bis mit der Instruktion „Redemptionis Sacramentum“ (RS) in der Kleiderfrage der Focus auf das Unterscheidende des Standes gerichtet worden sei. Unterschlagen wird, dass „Sacrosanctum Concilium“ (SC) durchaus bewusst äußerlich unterscheidende Elemente kennt und „Auszeichnungen“ voraussetzt, „die auf dem liturgischen Amt oder der heiligen Weihe beruhen“ (SC 32). Nimmt man SC 26 hinzu, kann man nicht mehr leugnen, dass das Konzil auch in der Liturgie „die Verschiedenheit von Stand, Aufgabe und tätiger Teilnahme“ lehrt. Als Vertreter der Theologie des Bruches zeigt sich Kranemann zudem, wenn er auf Orte verweist, „wo Antiquiertes als Gegenwart ausgegeben wird und ein Nebeneinander der Stile möglicherweise als Konkurrenz von Kirchenbildern gelesen werden kann“.

Ekklesiale Leitungsfunktionen nicht über liturgische Zuständigkeiten definieren

Marlies Gielen möchte mit ihrem Beitrag „Liturgie – gemeindeorientiert oder ämterzentriert?“ den neutestamentlichen Schriftbefund darstellen. Ihr Ergebnis läuft darauf hinaus, dass im Neuen Testament „ekklesiale Leitungsfunktionen nicht über liturgische Zuständigkeiten definiert werden und ihnen ... noch jeder sakral-kultische Nimbus fehlt“.

Nach ihrer Darstellung scheint über Episkopen und Presbyter sehr wenig eindeutig bezeugt zu sein. In Bezug auf die Eucharistie hätten die Episkopen die „Vorbereitung der Mahlfeier“ verantwortet. In ihnen auch deren Vorsteher zu sehen, sei „gut denkbar, aber keineswegs allerorten zwingend“. Auffallend ist, dass dem gegenüber Diakone besonders auch in ihrer liturgischen Stellung als gut bezeugt dargestellt werden. Die in Römer 16, 1 erwähnte Phöbe dient als Beispiel für den der Autorin selbstverständlichen weiblichen Diakonat. Obwohl dies im Römerbrief mit keinem Wort erwähnt wird, sei es ihre „Pflicht, regelmäßig das Evangelium im Gottesdienst zu verkündigen“. Andere Gemeindemitglieder hätten aber ebenso im Gottesdienst der Urkirche handeln können.

Das Amtspriestertum in Funktionalität auzulösen ist Ideologie

Auch der Beitrag von Alexander Zerfaß „Gottesdienst und Hierarchie“ bedient den Topos eines ursprünglich „demokratisch“ geprägten Gemeindemodells, das erst in späteren biblischen Schriften hierarchisiert worden sei. Leib Christi verstehe man seitdem vertikal. Würde dies mit der auch nach Zerfaß durchaus berechtigten Vorstellung „vom Priester als Repräsentant Christi im Gegenüber zur Gemeinde“ verbunden, bestünde die Gefahr der Übersteigerung als „einseitig überspanntes Konzept von hierarchischer Christusrepräsentanz“. Zerfaß plädiert deshalb für die Relativierung der Formel vom „Handeln in der Person Christi des Hauptes“. Die wichtige Studie von Joao Paulo D.M. Dantas zu diesem Thema erwähnt er nicht.

Zerfaß fragt im Sinne der anvisierten Relativierung, ob „die hierarchische Inszenierung, etwa beim liturgischen Einzug, immer auf Christus als das Haupt des Leibes bezogen“ sei. Er übersieht, dass die Einzugsriten, seitdem sie sich in der Stationsliturgie ausbildeten, „personage-centered“ (Baldovin) waren, das heißt Würdenträger wurden bewusst herausgestellt. Diese Bemerkung führt uns an ein grundsätzliches Problem der vorliegenden QD. Die liturgischen Zeichen reflektieren eine Amtstheologie und wurzeln in der Antike. Sie unterstreichen auf ihre Weise, dass es eben eine hierarchische Stellung in der Kirche gibt, die sich „dem Wesen nach“ vom allgemeinen Priestertum unterscheidet (Lumen Gentium 10). Die antike Form ist längst liturgisch stilisiert. Es ist Ideologie, wenn man in vielen Beiträgen dieses Bandes Amtspriestertum in Funktionalität aufzulösen versucht, statt die Frage zu stellen, wie Klerus und Laien einander in rechter Weise zugeordnet sind.

Dynamik zwischen Gläubigen und Amtsträgern durch Akklamationen der Gläubigen

Insofern hebt sich der Beitrag von Michael Seewald „Mehrpolige Repräsentation“ als interessanter Diskussionsbeitrag ab, indem er genau diese Frage stellt. Nach „Lumen Gentium“ sei den Getauften das dreifache Amt Christi seinsmäßig gegeben, während sich das Amtspriestertum in der Formulierung von LG 21 „vom Handeln der Amtsträger“ bestimme.

Christus würde demnach „mehrpolig“ repräsentiert. „Nicht der kraft seiner Ordination zum exklusiv sakramentalen Repräsentanten Christi erhobene Amtsträger tritt einem Laien gegenüber, vor dem er in der Person Christi, des Hauptes, zu handeln beansprucht, sondern der ordinierte Amtsträger aktuiert kraft seiner Weihe die dem Getauften bereits geschenkte Teilhabe am Amt Christi.“ Insofern man diese Aktuierung als ein den Getauften vermitteltes, je vertiefteres Sein in Christus fasst, wäre ein richtiger Punkt getroffen. SC 30 nennt die Akklamationen als Mittel der Teilnahme der Gläubigen. Im altkirchlichen Verständnis kommt gerade hier eine Dynamik zwischen Gläubigen und Amtsträgern zum Ausdruck, die nicht von einem schlichten „Oben“ und „Unten“ bestimmt ist. Es wird aber von Seewald zu wenig gesehen, dass die Kirchenkonstitution von einer den Laien zukommenden eigenen Weise der Teilhabe an den Ämtern Christi spricht. Das schließt eine ebensolche für die Geweihten ein, der eben nicht nur ein Handelnder ist.

Gregor Maria Hoff/Julia Knop/Benedikt Kranemann (Hsg.):
Amt–Macht–Liturgie. Theologische Zwischenrufe für eine Kirche auf dem Synodalen Weg.
Freiburg, 2020, 319 Seiten, ISBN: 978-3-451-02308-8, EUR 48,–

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