Vatikanstadt

Im Blickpunkt: Die Handschrift des Mafia-Jägers

Bisher konnte jede Behörde oder Institution, die entweder dem Heiligen Stuhl oder dem Vatikanstaat zugeordnet ist, bei Anschaffungen und externen Dienstleistungen schalten und walten, wie sie wollte. Das hat der Papst nun unterbunden.

Vatikanstaat: Die Handschrift des Mafia-Jägers
Die Italiener, von denen manche aus Familien stammen, die schon seit Generationen in vatikanischen Diensten stehen, waren oft das Einfallstor für das, was man gemeinhin Vetternwirtschaft nennt. Foto: Grzegorz Galazka (Mondadori Portfolio via ZUMA)

Man kann Gesetze neu machen und austauschen. Aber man kann Menschen nicht „neu“ machen. Und sie austauschen kann man nur, wenn Ersatz vorhanden ist. Von daher muss sich das neue Rahmengesetz zu allen Ausgaben der vatikanischen Einrichtungen anhand des vorhandenen Personals noch bewähren.

Dennoch stellt das am Montag veröffentlichte Motu proprio von Papst Franziskus einen wirklichen Einschnitt dar. Bisher konnte jede Behörde oder Institution, die entweder dem Heiligen Stuhl oder dem Vatikanstaat zugeordnet ist, bei Anschaffungen und externen Dienstleistungen schalten und walten, wie sie wollte. Dass völlig überteuerte Projekte, wie das zum Beispiel einige Jahre lang für die jährlich aufgebaute Weihnachtskrippe auf dem Petersplatz galt, in das kritische Visier der Oberen gerieten, waren Einzelfälle und hing von dem mehr oder weniger entwickelten Sparwillen der jeweiligen Behördenleiter ab.

Gemeinhin als Vetternwirtschaft bekannt

Ausländische Mitarbeiter der Kurie sind – in der Regel, nicht immer – vor der Versuchung gefeit, Bekannte, Verwandte oder die „speziellen Freunde“ mit einträglichen Aufträgen zu versorgen. Aber die Italiener, von denen manche aus Familien stammen, die schon seit Generationen in vatikanischen Diensten stehen, waren oft das Einfallstor für das, was man gemeinhin Vetternwirtschaft nennt. Und dass hin und wieder auch Schmiergelder bei der Auftragsvergabe zum Einsatz kamen, ist nicht auszuschließen.

Mit dem neuen Gesetz, das die gesamte Ausgabenpolitik der Kontrolle durch die Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls und das Governatorat unterwirft, ist dem ein Riegel vorgeschoben – es sei denn, die schwarzen Schafe sitzen in diesen beiden aufsichtsführenden Behörden. Das Regelwerk trägt die Handschrift von Giuseppe Pignatone, ehemals leitender Staatsanwalt der Republik, der die Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Rom, der sogenannten „Mafia Capitale“, geleitet hat und den Franziskus im Oktober vergangenen Jahres zum Präsidenten des Gerichts der Vatikanstadt ernannte. So durfte Pignatone die Vorzüge des neuen Gesetzes jetzt auch im „Osservatore Romano“ präsentieren. Es atmet aber auch den Geist von Kardinal George Pell, der ab 2014 als erster Präfekt des Wirtschaftssekretariats dem Vatikan eine moderne, transparente und internationalen Standards entsprechende Finanzordnung verordnen wollte, aber auf die Widerstände der alten Seilschaften stieß, bevor ihn sein Missbrauchsprozess die vatikanische Karriere kostete. Es hat dann Jahre gedauert und bedurfte noch des Immobilien-Skandals im vergangenen Oktober, bis neues Personal und jetzt das Ausgabengesetz den Eindruck vermitteln, dass sich hinter den heiligen Mauern doch etwas bewegt.

Finanzplatz Vatikan muss Vertrauen zurückgewinnen

Der Nachfolger Pells als Wirtschaftspräfekt, Pater Juan Antonio Guerrero Alves SJ, hat in Aussicht gestellt, dass der Vatikan noch 2020 nach fünfjähriger Pause wieder eine Bilanz vorlegen könnte. Die Kostenexplosion und der Einnahmerückgang machen das auch bitter nötig. Der „Finanzplatz Vatikan“ muss Vertrauen zurückgewinnen. Sonst überlegen es sich Großspender oder Bischöfe wohlhabender Ortskirchen dreimal, ob sie die von Rom dringend benötigten Spendengelder in den Vatikan fließen lassen.

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