Orléans

Im Blickpunkt: Den Nerv der Nation getroffen

Die Kanonisierung der 1431 auf dem Scheiterhaufen hingerichteten Johanna von Orléans stellte einen geradezu avantgardistischen Akt dar. Bis heute trifft sie den Nerv der Nation.

Johanna von Orléans
In ihrem unbedingten Gehorsam gegenüber dem klar erkannten Willen Gottes stellt Johanna von Orléans ein zeitlos gültiges Vorbild dar, auch mit Blick auf die heute von Teilen des Klerus und des Episkopats gestiftete Verwirrung. Foto: Columbia Tristar Film (Tele 5)

War die Heiligsprechung der Jungfrau von Orléans vor hundert Jahren allein dem Zeitgeschmack geschuldet? Sicher nicht, auch wenn die Sufragettenbewegung mit ihren Forderungen nach politischer Mitbestimmung der Frauen Johannas Popularität unfreiwillig zuarbeitete. Doch darüber hinaus stellte die Kanonisierung der 1431 auf dem Scheiterhaufen Hingerichteten einen geradezu avantgardistischen Akt dar. Johanna von Orléans trifft bis heute den Nerv der Nation.

Verhert von Konservativen und Sozialisten gleichermaßen

Seit dem einstimmigen Senatsbeschluss im laizistischen Frankreich von 1920 feiert die Franzosen das einfache Mädchen aus Domrémy mit einem staatlichen Feiertag. Die Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung beriefen sich ebenso auf sie wie die „Demo-für-alle“-Bewegung. Politisch Konservative verehren die Jungfrau von Orléans für ihre Königstreue und Hingabe an Frankreich, Kommunisten und Sozialisten respektieren den revolutionären Mut der Frau aus dem Volk, die ihren Lebensauftrag gegenüber weltlicher und kirchlicher Macht beharrlich behauptete. Die Frage, ob sie politisch rechts oder links zu verorten sei, hat Frankreichs vormaliger Staatspräsident Jacques Chirac einmal treffend abgewehrt: Johanna gehöre allen Franzosen: Hass und Verachtung hätten ihr gänzlich ferngelegen.

Die katholische Kirche präsentierte sich nach dem ersten Weltkrieg und inmitten der Debatte um die Rolle der Frau zielsicher im gesellschaftspolitischen Diskurs mit einer Heiligen, zu der auch Unpolitische Zugang finden. Die Fülle der literarischen und kulturellen Zeugnisse spricht für sich. Johannas Leben inspirierte neben etlichen Schriftstellern so unterschiedliche Frauen wie die heilige Therese von Lisieux und den evangelisch-lutherischen Hollywood-Star Ingrid Bergman – letztere investierte Privatvermögen in die Verfilmung des Lebens der Jungfrau von Orléans.

Gleich mehrere populäre Mythen zerfallen vor Johannas Bild: Zum einen die Vorstellung, die Kirche spalte zwangsläufig moderne Gesellschaften. Auch wenn das Bild der königstreuen Nationalheldin, die den innerlich vernommenen Stimmen der Heiligen und des Erzengels Michael folgt, heute manchem fremd anmutet: Die Jungfrau von Orléans stellt bis heute ein nicht überbotenes Bindeglied der Franzosen dar.

Von der Kirche rehabilitiert

Nur von dieser Warte her wird nachvollziehbar, warum Johanna nicht das Bild der Frau als Kriegsteilnehmerin idealisiert oder gar Erbfeindschaften in Europa verharmlost. Versuche innerhalb der feministischen Bewegung, sie zu vereinnahmen, überzeugen daher nicht, auch wenn das tragische Ende Johannas sie vordergründig für die Rolle einer Galionsfigur der Frauenbewegung zu prädestinieren schien. Zwanzig Jahre nach ihrem Tod rehabilitierte die Kirche Johanna und bewies die Fähigkeit zur Einsicht.

Mit der Jungfrau von Orléans rückte auch das Laienapostolat ins Blickfeld – lange vor dem Zweiten Vatikanum. Johannas Sendungsbewusstsein widerlegt das verbreitete Missverständnis, erst die Reformation habe den Boden bereitet, auf dem alle Getauften ihr gemeinsames Priestertum erkennen konnten. Auch zwängte die Kirche vor der Reformation Frauen nicht zwangsläufig die Wahl zwischen zwei Ständen – Ordensleben oder Ehefrau und Mutter – auf.
In ihrem unbedingten Gehorsam gegenüber dem klar erkannten Willen Gottes  stellt Johanna von Orléans ein zeitlos gültiges Vorbild dar, auch mit Blick auf die heute von Teilen des Klerus und des Episkopats gestiftete Verwirrung.

Und in Zeiten zunehmender Nationalismen, peinlicher Royals und spalterischer Tendenzen in Europas Gesellschaften steht die Verehrung einer populären Heiligen für die friedlichste und menschenfreundlichste Form von Patriotismus und nationalem Identitätsbewusstsein. Moderne Versuche, Scharfrichter über die Geschichte des späten Mittelalters zu spielen, kratzen das Bild der Jungfrau von Orléans nicht an. Mit welchem Recht wollten sich Nationen, in denen Frauen heute als Oberbefehlshaberinnen von atombewaffneten Truppen amten und der straffreien Abtreibung und Euthanasie qua Unterschrift Rechtskraft verleihen, denn ein Urteil über Johanna und ihre Zeit anmaßen?

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