Rom

„Ich tue jetzt mal so, als ob es Dich gäbe“

Katholisch auf Umwegen: Wie Gottes Treue unserem Suchen entgegenkommt.

Die Geschichte einer Konversion
Anke Welzel ist sich noch gar nicht sicher, ob sie an die Existenz Gottes glaubt. Doch sie will eine Entscheidung treffen und beginnt zu beten, als ob es ihn gäbe. Das verändert ihr Leben. Foto: adobe.stock

Solange ich denken kann, waren „Gott und die Welt“, Vernunft und Glauben die Themen, die mich am meisten interessiert haben. Aber meine Suche nach Gott war ein Weg mit vielen Umwegen. Davon möchte ich erzählen. Getauft wurde ich am Fronleichnamsfest, was für mich später noch bedeutsam werden sollte. Erstkommunion und Firmung folgten traditionsgemäß, ohne bleibende Eindrücke zu hinterlassen. Bis zu meinem neunten Lebensjahr gingen wir jeden Sonntag in die Kirche. Wir saßen immer in der ersten Reihe, während meine Großmutter einige Reihen hinter uns den Rosenkranz betete. Nach unserem Umzug hörte der familiäre Kirchenbesuch auf, mein Vater war inzwischen Agnostiker geworden. Während der Pubertät schloss ich mich einer evangelischen Jugendgruppe an. Meine Freunde waren überwiegend evangelisch und der Pastor sehr charismatisch. Zuhause führte ich lebhafte Diskussionen mit meinem Vater. Es ging um meine Lieblingsthemen: Gott und die Welt, Vernunft und Glauben. Ich übernahm viele seiner Ansichten, weil ich dadurch auf seine Anerkennung hoffte. Trotzdem spürte ich tief in mir eine undefinierbare Sehnsucht. Hätte mich damals jemand gefragt, was ich im Leben werden wolle, so hätte ich geantwortet: „ein ganzer Mensch“. Ich hatte keine Vorstellung, was das bedeuten sollte, aber das war es, was ich sein wollte.

Nach einer Ausbildung beschloss ich, Theologie zu studieren, um mehr über Gott zu erfahren. Weil mein Vater Wasser predigte, aber Wein trank, hatte ich von der Moral der Katholiken genug und trat für das Studium in die evangelische Kirche über. Die historisch-kritische Methode war in dieser Zeit die dominierende Interpretationsweise: Fünf Jesusworte wurden noch für echt gehalten, das Übrige galt als nachösterliche Gemeindebildung. Da ich mich nicht in einen unkritischen Glauben zurückziehen konnte, weil meine Glaubenszweifel nach einer rationalen Antwort suchten, verlor ich das Wenige, was ich an Glauben hatte. Als Ausweg blieb mir nur der Wechsel des Studienfaches.

Früheres Interesse an Religion regte sich wieder

Mein Lieblingsbuch in Kindertagen hieß „Helgas Reise in das Heilige Land“. Als sich während meines Studiums die Möglichkeit ergab, an Ausgrabungen in Israel teilzunehmen, ergriff ich diese Gelegenheit. Dabei lernte ich meinen ersten Mann kennen. Uns verband das Interesse an theologischen Fragen, aber auch die Überheblichkeit derer, die sich einbilden, dass der Glaube eine Lebensstütze für die geistig Minderbemittelten sei. Die Überzeugung „Wer glaubt, hat seinen Verstand an der Garderobe abgegeben“, hatte ich von meinem Vater übernommen. Fortan spielte Gott in meinem Leben keine Rolle mehr.

Dann wurde mein Mann krank und starb. Ich kam ins Grübeln, sollte das alles gewesen sein? Mein früheres Interesse an Religion regte sich wieder. Ich begann, mich mit Esoterik zu beschäftigen, mit indianischen Religionen und Baumverehrung. In einem Reiseprospekt wurde eine Reise nach Butan mit den Worten beworben: „Eine Reise, die ihre Seele berühren wird.“ Das traf mich, weil es an meine verschütteten Sehnsüchte rührte. Ich trat die Reise an. In der Nachttischschublade eines Hotels fand ich eine Einführung in den tibetanischen Buddhismus. Was dort in der Einleitung stand, erinnerte mich sehr an die heilige Dreifaltigkeit, und ich beschloss, erst einmal meine eigene Religion kennenzulernen. So begann ich, mich in einer evangelischen Gemeinde zu engagieren, sang im Gospelchor, besuchte Seelsorgekurse und schlug mich immer noch mit der Frage herum, ob es Gott denn nun gäbe oder nicht. Ich führte verschiedene Gespräche, bis ein Seelsorger mich ermutigte: „Sie müssen sich entscheiden!“ Darauf habe ich mich eingelassen, indem ich zu Gott sagte: „Okay, Gott, ich tue jetzt mal so, als ob es Dich gäbe“ und fing an zu beten. Und damit änderte sich mein Leben!

Glauben bedeutet, eine Beziehung zu Gott einzugehen

Ich begriff allmählich, dass Glauben nicht das Für-wahr-halten von Glaubenssätzen bedeutet, sondern eine Beziehung zu Gott einzugehen. Aus diesem Grund nahm ich an ignatianischen Schweigeexerzitien teil, weil ich lernen wollte, mich ganz auf Gott einzulassen. Gott berührte mich dabei auf wunderbare Weise. Die Exerzitien wurden von einem Pater angeleitet, dessen Mimik und Gestik mich so sehr an meinen verstorbenen Mann erinnerten, dass ich ihn manchmal vor mir sitzen sah. Seine Assistentin hatte den gleichen Vornamen wie ich. War das nur Zufall? Auch während der Eucharistiefeier sah ich meinen ersten Mann in Gestalt des Exerzitienleiters als Zelebrant vorne stehen. Bis zu seiner schweren Erkrankung war mein Mann nicht gläubig gewesen. Hatte er – in seinem Körper gefangen, bewegungs- und sprechunfähig – innerlich zu Gott gefunden? Wollte er mir jetzt sagen, dass die katholische Kirche der richtige Weg sei? Ich maß diesen Fragen noch keine Bedeutung bei.

Denn während der Exerzitien überraschte mich Gott noch auf eine andere Weise: Ich lernte im Schweigen meinen zweiten Mann kennen. Nachdem wir uns zunächst an das Schweigegebot gehalten hatten, musste ich es nach einigen Tagen brechen. Ich hatte mich verliebt, und es drängte mich, ihm das mitzuteilen. An diesem Nachmittag waren während einer eucharistischen Anbetung, an der ich nicht teilgenommen hatte, Strahlen von der Hostie ausgehend direkt in sein Herz gefallen, und er hatte innerlich eine Stimme gehört: „Wenn Du heiraten willst, dann die oder keine.“ Das Erlebnis überwältigte uns beide und gab uns die Gewissheit, dass Gott immer der Dritte und damit der Garant unseres Bundes sein würde! Dass ich evangelisch war und mein Mann katholisch, war uns nicht wichtig, weil wir damals die Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht kannten. Wir würden die Ökumene leben, gingen aber gemeinsam in die katholische Kirche und empfingen dort auch die Kommunion. Denn in meiner evangelischen Gemeinde störte mich, dass das Abendmahl nur einmal im Monat gereicht wurde und bei einer kurzfristig angesetzten Taufe auch ganz entfallen konnte.

Ich verstand, was Benedikt XVI. meinte

Die heilige Eucharistie war mir in meinem kurzen Glaubensleben ans Herz gewachsen. Ich empfand das als eine späte Auswirkung meiner Taufe am Fronleichnamsfest und war dankbar dafür. Als der Pfarrer jedoch bei der Segnung unserer Wohnung erfuhr, dass ich evangelisch war, verweigerte er mir die Kommunion. Ich schäumte vor Wut. Bei einer Fastenpredigt wurden meine Vorurteile gegen die katholische Kirche noch bestärkt. Aber tief in mir regte sich etwas, und ich dachte: „Gott, wenn es Dein Wille ist, dass ich wieder katholisch werde, dann musst Du das machen. Du siehst die Widerstände in mir.“ Und Gott „machte“. Ich besuchte einen katholischen Glaubenskurs, und der Pfarrer empfahl mir drei Bücher: Eines von Papst Benedikt XVI., eines von John Henry Kardinal Newman und eines über Konvertiten. Ich verschlang sie und verstand zum ersten Mal, was Papst Benedikt XVI. meint, wenn er von der „Schönheit des Glaubens“ spricht. Alles ergab plötzlich einen Sinn, alles in der katholischen Lehre erschien mir so klar, logisch, vernünftig und berührte gleichzeitig meine tiefsten Sehnsüchte. Wie hatte ich nur denken können, Glaube und Vernunft würden sich ausschließen? Papst Benedikt XVI. war doch das beste Beispiel: eine überragende Intelligenz gepaart mit tiefem Gottvertrauen, mit Demut und menschlicher Güte. Ein Dreivierteljahr später trat ich wieder in die katholische Kirche ein. Zwei Monate später gaben mein Mann und ich uns im Rahmen einer heiligen Messe das Ja-Wort.

Was mich rückblickend mit tiefer Dankbarkeit erfüllt, ist die Erkenntnis, dass Gott mich in all den Jahren meines Suchens, aber auch meines Hochmuts und meiner Untreue nicht losgelassen hat. Er blieb dem Bund treu, den er in der Taufe mit mir geschlossen hat, auch wenn ich es lange nicht bemerkt habe. Auf meine jugendliche Sehnsucht, ein „ganzer“ Mensch zu werden, gab er mir eine Antwort: Ein „ganzer“ Mensch bin ich nur in meiner grundsätzlichen Bezogenheit auf Gott hin. Nur in Beziehung zu ihm, dem personalen lebendigen Gott, meinem Schöpfer, meinem Vater und meinem Erlöser, erfahre ich die Fülle des Menschseins. Ich empfinde mich, wie mein Name es sagt, als Anke (= kleine Anna), als Begnadete, weil Gott mir die Gnade des Glaubens geschenkt hat.