Köln

Heiliger König oder sakrales Königtum?

Nicht eine etwaige sakrale Königsaura, sondern die persönliche Lebensführung stand im Vordergrund seiner Heiligsprechung: Zum 750. Todestag des französischen Königs Ludwig IX.

Ludwig IX. vor Damietta
Der hl. Ludwig war frommer König, Vater und Krieger. Hier im Gebet bei seinem ersten Kreuzzug 1249 vor der ägyptischen Hafenstadt Damietta. Foto: Ken Welsh via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Die Kirche hat im Laufe der Jahrhunderte etliche Herrscher heiliggesprochen. Selbst wenn die weltliche Macht zeitweilig auf die Sakralität des Königs- und vor allem des Kaiseramts bestand, hat die Kirche stets den König, nicht das Königtum heiliggesprochen. Im Mittelalter wurden Herrscher häufig als Kirchenstifter, als Standbild mit einem Kirchenmodell in der Hand, dargestellt. Die Stiftung von Kirchen und Klöstern sowie die Sorge um die Ausbreitung des christlichen Glaubens und um die Kirche einschließlich ihrer Verfasstheit gehörten seit Konstantin zum Selbstverständnis des römischen Kaisers. Bereits Karl der Große hatte nicht nur für die Glaubensverbreitung gesorgt, sondern sich auch um Fragen der Liturgie gekümmert. Als Otto I. – deutscher König seit 936 – im Jahre 962 zum römischen Kaiser gekrönt wurde, und damit die Verbindung von ostfränkisch-deutscher Königswürde und Kaisertum begründete, verstand er sich als Stellvertreter Christi. 

Die etlichen Hochkulturen und eben auch dem christlichen Abendland in der konstantinischen Tradition eigene Verknüpfung von weltlicher und geistlicher Macht schlug sich unter den Liudolfinger-Ottonen im sogenannten Reichskirchen-System nieder. Allein der letzte Kaiser aus dem Liudolfinger-Geschlecht Heinrich II. (1002 deutscher König, 1014 römischer Kaiser) besetzte 62 Bischofsstühle. Aufgrund der von ihm vorgenommenen Stiftung von Kirchen sowie der Neuordnung der Bistümer, worunter insbesondere die Gründung des Bistums Bamberg herausragt, wurde Heinrich II. 1146, seine Gemahlin Kunigunde 1200 heiliggesprochen.

Nachdem der Investiturstreit im „Wormser Konkordat“ 1122 vordergründig die Frage der Bischofsernennungen zugunsten des Papstes entschieden hatte, indem es der Bischofs-Investitur durch den Kaiser und dem „Reichskirchensystem“ ein Ende setzte, eigentlich jedoch die Trennung von Thron und Altar, und damit auch das Ende des sakralen Charakters des Kaisers eingeleitet hatte, versuchte Friedrich I. Barbarossa (1152 König, 1155 Kaiser) das Rad der Geschichte zurückzudrehen, indem er das Kaisertum erneut mit der Aura des „Heiligen“ zu umgeben suchte: Das Römische Reich erhielt das Attribut „Heilig“. Seit 1157 ist der Name „Sacrum Imperium“, seit 1184 „Sacrum Romanum Imperium“ belegt. Unterstützt wurde die erneute Sakralisierung des Kaisertums von der Übertragung der Reliquien der Heiligen Drei Könige nach Köln sowie durch die Heiligsprechung Karls des Großen, die 1165 auf Veranlassung Barbarossas dessen Kanzler und Erzbischof von Köln Rainald von Dassel im Auftrag des Gegenpapstes Paschalis III. vornahm.

Er verteidigte den  katholischen Glauben

Doch dies blieb eine vorübergehende Episode. Das Kaisertum hatte aufgehört, aus sich heraus heilig zu sein. Bei der Kanonisierung eines Herrschers spielte lediglich die persönliche Lebensführung, nicht das Amt und auch nicht allein die Förderung von Glaube und Kirche die entscheidende Rolle. Dazu kommt, dass das Papsttum, das seit dem ausgehenden 10. Jahrhundert das alleinige Recht auf Heiligsprechungen einforderte, mit Gregor IX. 1234 endgültig die Kanonisierungen zur exklusiven Aufgabe des Heiligen Stuhls erklärte. Bei der von Papst Gregor IX. selbst vorgenommenen Heiligsprechung von Landgräfin Elisabeth von Thüringen stand demnach nicht ihre Stellung, sondern ihr Lebenswandel im Mittelpunkt der Prüfung, die der Kanonisierung vorausging. Ausschlaggebend dafür war, dass sie sich beeinflusst vom Geiste der Franziskaner persönlich um Arme und Kranke kümmerte.

Auch für die Heiligsprechung Ludwigs IX. von Frankreich, dessen Todestag sich am 25. August zum 750. Mal jährt, spielte die persönliche Lebensführung und nicht die Krone die entscheidende Rolle. Den katholischen Glauben verteidigte Ludwig besonders im Kampf gegen die Albigenser. Die Anhänger der manichäisch geprägten Häresie hatten zu Beginn des 13. Jahrhunderts den südfranzösischen Adel für sich gewinnen können. Papst Innozenz III. hatte zwar 1209 den Kreuzzug gegen sie ausgerufen, nachdem sich die Grafen von Toulouse und Foix gegen den französischen König und die katholische Kirche erhoben hatten, und sie auch 1229 vernichtend geschlagen. Zu dem Zeitpunkt war Ludwig IX. 13 Jahre alt und seit zwei Jahren König, wobei er bis 1236 unter der Vormundschaft seiner Mutter Blanca von Kastilien regierte. Kleine Albigenser-Gruppen retteten sich jedoch in abgelegene Gegenden des Languedoc, insbesondere auf die Burg Montségur. Die Burg nahm Ludwig im Jahre 1244 ein.

Ludwig starb bei seinem zweiten Kreuzzug vor Karthago

Auch an mehreren Kreuzzügen nahm der französische König teil: Ludwig IX. organisierte den 6. Kreuzzug von 1248 bis 1254, nachdem im Jahre 1244 Muslime Jerusalem zurückerobert hatten. Nach anfänglichen Siegen geriet er mit seinem gesamten Heer im Frühjahr 1250 beim Angriff auf Kairo in Gefangenschaft. Erst nach Zahlung eines hohen Lösegeldes kam er frei. Der französische König verantwortete ebenfalls den 7. und letzten Kreuzzug, der sich nach Tunis wandte, wo er die Burg von Karthago einnahm. Allerdings wurde sein Heer und auch er selbst Opfer der Pest. Ludwig starb am 25. August 1270 in Karthago. 

In seinen Außenbeziehungen zeichnete sich der französische König durch eine friedensbringende Politik aus. Er suchte den Ausgleich sowohl mit Aragon als auch mit England: Die Grafschaft Anjou, die sich die englische Königsfamilie Plantagenet erheiratet hatte, sowie weitere Besitzungen der Plantagenets in Frankreich waren seit sieben Jahrzehnten ein Zankapfel zwischen Frankreich und England. Ludwig schloss mit Jakob I. von Aragon 1258 und mit Heinrich III. von England 1259 Friedensverträge. Außerdem suchte Ludwig zwischen Kaiser und Papst zu vermitteln: Der als Freigeist geltende Staufer Kaiser Friedrich II. („stupor mundi“, „Erstaunen der Welt“ genannt) stieß sowohl mit Gregor IX. als auch mit dessen Nachfolger Innozenz IV. zusammen, der ihm gar die Kaiserwürde 1245 entzog. Nach der Absetzung begann in Deutschland die „kaiserlose, die schreckliche Zeit“ (Schiller), die erst 1273 endete. In der Zeit stieg Ludwig IX. von Frankreich zum ersten Fürsten des Abendlandes, zum „Kaiser ohne die Kaiserkrone“ auf.

Eher Ordensmann  als König

Aber weder die Verteidigung des Glaubens noch die friedliebende Politik, und auch nicht die Reliquienverehrung – Ludwig erwarb vom lateinischen Kaiser von Konstantinopel die Dornenkrone, für die er die Sainte-Chapelle erbauen ließ, und die sich nun in Notre-Dame befindet – waren ausschlaggebend für seine Heiligsprechung.

Es war vielmehr sein Lebenswandel: Ludwig schloss sich dem Dritten Orden der Trinitarier an. Sein Leben glich eher dem eines Ordensmannes als dem eines Königs, weshalb er Kritik einstecken musste, denn vielen erschien Ludwigs Demut übertrieben und einem weltlichen Herrscher unangemessen. Die zu seiner Heiligsprechung verfasste Lebensgeschichte zeichnet ihn als liebevollen Vater und – wie bei der heiligen Elisabeth von Thüringen – den Armen und Kranken zugetan. Ludwig IX. von Frankreich wurde vom Papst Bonifatius VIII. am 11. August 1297, 27 Jahre nach seinem Tod, heiliggesprochen.

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