Vatikanstadt

Gute Entwicklungen müssen reifen

Walter Kardinal Brandmüller im Kurzporträt. Der Kirchenhistoriker ging auch als Kardinal nicht in den Ruhestand. Ein wacher Geist und kritischer Begleiter des amtierenden Pontifex.

Kardinal Walter Brandmüller
Kardinal Walter Brandmüller wurde am 13. November 2010 zum Bischof geweiht. Foto: Daniel Karmann (dpa)

Sein Leben hat etwas mit Zucht zu tun. Vielleicht rettete ihm seine Liebe zu den Pferden im Zweiten Weltkrieg das Leben. Der vor bald 92 Jahren in eine Ansbacher Offiziersfamilie hineingeborene Walter Brandmüller leistete seinen Dienst im Krieg in einem Gestüt, indem er die wertvollen Reittiere einzeln auf dem Sattel in verschiedene kleinere Höfe lenkte, um sie vor den Bombardements aus der Luft zu retten. Noch mit sechzig Jahren zog es den Dressurreiter – da war er längst Professor für Kirchengeschichte, Ehrenprälat Seiner Heiligkeit und Pfarrer im oberbayrischen Walleshausen – in die Reithalle. Bevor ihn dann sein römisches Leben erwartete. 

Maßvoll im Genuss

Zuchtlosigkeit im Denken, wissenschaftlichen Arbeiten und im Handeln ist ihm ein Gräuel. Der Gelehrte weiß zu genießen, ein gutes Essen, Literatur, Kunst, ein Konzert – aber eben immer in Maßen. 

Maßlos aber kann sein Zorn werden, wenn Theologen schlampig argumentieren oder ideologisch werden, Bischöfe ihre Amtspflichten verletzen und nicht mehr den Glauben der einfachen Leute schützen. Dann greift er auch einmal zur Knute und weist in seinen Essays nach, dass die Kirche immer gut beraten war, wenn sie aus der Tradition heraus lebte und nicht irgendwelchen Geistern der Zeit hinterhergejagte. 

Der Dressurreiter 

Es war ein reichhaltiges wissenschaftliches Leben im Dienst an der Kirche, das Papst Benedikt am 20. November 2010 mit dem Kardinalshut ehrte. Eine Woche zuvor hatte ihn Kardinal Raffaele Farina, damals Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche, zum Bischof geweiht. Brandmüller galt als Doyen der deutschsprachigen Konzilienforschung, hatte dazu eine Zeitschrift mitbegründet sowie eine Buchserie zur Konziliengeschichte. Mit der Orthodoxie war er immer im Gespräch, auch in Moskau und in Istanbul. Von 1998 bis 2009 war er Präsident des vatikanischen Komitees für die Geschichtswissenschaft. 

Kein Ruhestand

Als Kardinal zog sich Brandmüller nicht in den Ruhestand zurück, im Gegenteil. Mit den Kardinälen Joachim Meisner, Carlo Caffarra und Raymond Leo Burke hat er Papst Franziskus die fünf „dubia“ zum achten Kapitel des nachsynodalen Schreibens „Amoris laetitia“ unterbreitet. Der Papst löste die aufgezeigten Knoten nicht, und die Gruppe machte ihr Schreiben öffentlich. In der Debatte über den Jesuiten-Papst ist Brandmüller nie Traditionalist geworden. Er steht treu zum Zweiten Vatikanum und weiß als Kirchenhistoriker, dass gesunde Entwicklungen reifen müssen wie guter Wein. Und dass schlechte Entwicklungen absterben werden. 

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