Bonn

Gottesdienst-Debatte: Dogmatiker Hoping kritisiert Äußerungen von Bischof Feige

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige zeigt sich zunehmend irritiert vom Unmut mancher Gläubiger und kirchlicher Verantwortungsträger aufgrund der Gottesdienstverbote. Der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping nimmt dazu kritisch Stellung.

Coronavirus: Debatte um Gottesdienste unter Auflagen
Er könne sich derzeit kaum vorstellen so Feige, „wie Gottesdienste mit Zugangsbegrenzung, Anwesenheitsliste, Abstandswahrung, Mundschutz, Handschuhen" und einem Desinfektionsritus vor der Gabenbereitung gottgefällig sein sollten. Im Bild: Der Sakristan Michael Seewar mit Mundschu... Foto: Elaine Thompson (AP)

Der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping kritisiert den Magdeburger Bischof Gerhard Feige für dessen jüngste Äußerungen in der Debatte um eine mögliche Zulassung von öffentlichen Gottesdiensten unter Auflage. Feige sei bekannt für seine zugespitzten öffentlichen Statements zu theologischen und kirchenpolitischen Fragen. Wörtlich erklärt Hoping gegenüber der Tagespost: „Feige, der in der ehemaligen DDR aufwuchs, fragt sich, ob seine Kritik wohl ,freiheitstauglich' sei. Sie ist es so wenig wie Angela Merkels verräterisches und anmaßendes Wort von den ,Öffnungsdiskussionsorgien' zu einer Zeit, wo das Verfassungsgericht Fragen zur Verhältnismäßigkeit einzelner Corona-Notverordnungen, einschließlich des Verbots öffentlicher Gottesdienste, stellt.“

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige hatte sich zuvor gegen öffentliche Gottesdienste unter Auflagen ausgesprochen. In einem Gastbeitrag für das Portal „katholisch.de“ schrieb Feige, er könne sich derzeit kaum vorstellen, „wie Gottesdienste mit Zugangsbegrenzung, Anwesenheitsliste, Abstandswahrung, Mundschutz, Handschuhen, einem Desinfektionsritus vor der Gabenbereitung und der Austeilung der Kommunion mittels einer – noch zu erfindenden – liturgischen Zange gottgefällig und heilsdienlich sein sollen“.

"Werden auf diese Weise nicht neue Probleme
geschaffen und die Frustration vergrößert?“
Bischof Gerhard Feige

Der Magdeburger Bischof warf zudem die Frage auf, wie und nach welchen Kriterien darüber entschieden werden solle, wer an den Gottesdiensten teilnehmen dürfe und wer überwachen solle, dass auch alle Regeln eingehalten würden. „Werden auf diese Weise nicht neue Probleme geschaffen und die Frustration vergrößert?“, fragt Feige und stellt zur Diskussion, ob man nicht noch etwas abwarten solle, um erst dann wieder gemeinsam Gottesdienste zu feiern, „wenn es natürlicher und menschenfreundlicher“ geschehen könne. Wem Glaube und Kirche etwas bedeuteten, der finde auch weiterhin Möglichkeiten, um geistlich zu überleben.

Zunehmend irritiert zeigte sich Bischof Feige vom „Unmut“, den manche Gläubige und kirchliche Verantwortungsträger inzwischen „wehleidig oder kämpferisch“ zum Ausdruck brächten. „Sollten wir als Christen nicht eher verantwortungsbewusst und solidarisch mit dafür Sorge tragen, die lebensbedrohliche Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus einzudämmen und eine medizinische Überforderung unserer Gesellschaft zu verhindern, als ähnlich wie verschiedene Lobbyisten versuchen, unsere Partikularinteressen durchzusetzen?“ Im Vergleich zu den Problemen derjenigen, die durch das Virus kaum noch eine wirtschaftliche Perspektive hätten oder beruflich an vorderster Linie gegen die Pandemie im Einsatz seien, würden Gottesdienstausfälle wie Luxusprobleme erscheinen.

Verzicht und Opfer für Zusammenleben nötig

In der momentanen Situation ein Widerstandsrecht gegenüber einem vermeintlichen „Obrigkeitsstaat“ zu reklamieren, halte er für „anachronistisch“, so Feige weiter. Auch in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft könnten nicht alle ihren Selbstverwirklichungsfantasien um jeden Preis freien Lauf lassen. Mancher Verzicht und manches Opfer seien nötig, um ein gedeihliches Zusammenleben zu ermöglichen. Zugleich mahnte der Magdeburger Bischof, durchaus wachsam zu bleiben, „um sich die vom Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit nicht schrittweise und hinterrücks durch vielleicht antireligiös wirkende Kräfte aushebeln zu lassen“.

Indes hieß es am Montag aus dem Bundesinnenministerium, dass noch in dieser Woche ein erneutes Zusammentreffen der Bundesregierung mit Vertretern von Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften geplant sei, um über mögliche Lockerungen für Gottesdienste zu sprechen. Die Grundlage sollten von den Religionsgemeinschaften gemachte Vorschläge für die Einhaltung von Hygieneregeln sein, teilte ein Sprecher des Innenministeriums mit. Man strebe eine bundesweit einheitliche Regelung für alle Religionsgemeinschaften an. Zuvor hatte sich insbesondere der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) zuversichtlich gezeigt, dass bald wieder öffentliche Gottesdienste stattfinden könnten.

DT/mlu

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