Berlin

Christoph Markschies über die Zukunft theologischer Fakultäten

Warum sich Universitätstheologen und Kirchenleitungen darauf verständigen sollten, was gute Theologie ausmacht - Ein Gespräch mit Christoph Markschies über die Zukunft theologischer Fakultäten.

Christoph Markschies
Der Kirchenhistoriker Christoph Markschies (57), Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), ist Professor für Antikes Christentum an der evangelischen Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Er hatte Professuren für Kirchen- und ... Foto: Markus Nowak (KNA)

Herr Professor Markschies, Deutschland wird vermutlich spätestens im Jahre 2030 deutlich zu viele Theologische Fakultäten an den Universitäten haben. Wieviele theologische Fakultäten brauchen wir? Welche Kriterien sollten außer Haushaltsmitteln für eine Neujustierung angelegt werden?

Ich werde mich hüten, eine Zahl aus dem Hut zu zaubern, die erst das Endergebnis von vielen Gesprächen zwischen Fakultäten, Kirchen und Staat sein kann. Theologie gehört eigentlich zum Fächerkanon einer universitas litterarum, auch jenseits aller dafür verwendeten Kennzahlen wie der Auslastung einer Fakultät durch Studierende. Aber auch Medizin gehört dazu und es gibt (allein aus reinen Kostengründen) sehr gute Universitäten ohne eine medizinische Fakultät. Deswegen sollte man rechtzeitig selbst Konzentrationsprozesse einleiten: Wenige große Fakultäten mit einem breiten Angebot an theologischen Disziplinen und Denkrichtungen sind - auch angesichts bekannter ausländischer Beispiele - besser als viele kleine, die dann nach und nach gestrichen werden, weil ihnen Strahlkraft fehlt. 

Sie schrieben kürzlich, auch der Schutzschirm der Staatskirchenverträge werde nicht mehr jeden Angriff auf jede Einrichtung abwehren helfen. Gibt es gute Gründe für ein neues Konkordat bzw. neue Verträge mit den Evangelischen Kirchen?

"Man kann im eigenen Fach exzellent sein
und trotzdem auch andere erkennen lassen,
wie wichtig dieses Fach für die gesamte Universität und die Gesellschaft ist"

Mein Fachgebiet ist das antike Christentum, nicht das Staatskirchenrecht. Aber ich würde meine Legitimation nie allein aus einem juristischen Titel beziehen. Gut wäre, wenn die Theologen so überzeugend an den Universitäten arbeiteten, dass sich die Chemie und die Romanistik für ihren Verbleib einsetzen würden. Man kann im eigenen Fach exzellent sein und trotzdem auch andere erkennen lassen, wie wichtig dieses Fach für die gesamte Universität und die Gesellschaft ist.

Wie zeitgemäß ist das deutsche System, theologische Fakultäten unter dem Dach des Staates anzusiedeln? Sehen Sie Alternativmodelle?

In der alten DDR wurde die Freiheit der Wissenschaft nicht zuletzt durch kirchliche Hochschulen verteidigt, die noch nicht einmal kirchliche Hochschulen genannt werden durften, sondern beispielsweise "Sprachenkonvikt" hießen. Jüngst wurde im Rahmen einer Spardiskussion innerhalb der EKD vorgeschlagen, auch die im Westen Deutschlands verbliebenen kirchlichen Hochschulen zu schließen, weil der lebendige Kontakt mit der universitas litterarum dort schlechter herzustellen sei. Wenn man an Eberhard Jüngel und Richard Schröder denkt, die beide an ostdeutschen kirchlichen Hochschulen ausgebildet wurden und dort auch zeitweilig wirkten, kann man an diesem Argument zweifeln. Am Ende aller Tage kommt es auf gute Wissenschaft an und darauf, ob eine Institution solche Wissenschaft fördert oder hindert.

Welche Stellschrauben sind aus Ihrer Sicht entscheidend für eine sinnvolle Reform der theologischen Fakultäten?

"Die deutschen theologischen Fakultäten
folgen im Kern einem Fächerkanon,
der aus dem neunzehnten Jahrhundert stammt"

Die deutschen theologischen Fakultäten folgen im Kern einem Fächerkanon, der aus dem neunzehnten Jahrhundert stammt. Sie verwenden ein Ausbildungsmodell für kirchliche Berufe, das mit einer vergleichsweise strengen Trennung von Theorie und Praxis arbeitet. Wenn ich noch einmal zum Vergleich auf die Medizin schaue, dann sehe ich dort einzelne Reformstudiengänge, die Theorie und Praxis, Vorklinik und Klinik, enger verzahnen und auch die vorsichtige Revision der Studieninhalte, beispielsweise durch die Einführung von palliativmedizinischen oder medizinethischen Studieninhalten. Mindestens ein paar solcher Reformstudiengänge brauchen wir. Wir unterscheiden noch ganz klassisch zwischen "Kernfächern" und "Spezialgebieten". Aber gibt es nicht gute Gründe, dass sich beispielsweise eine deutsche Fakultät auf die sogenannte Ostkirchenkunde und die Wissenschaften vom christlichen Orient spezialisiert und das zu ihren Kernfächern zählt?

Welche Gründe sprechen aus Ihrer Sicht für den von Georg Essen angeregten begleitenden Ausschuss "Prozess zur Neuorientierung der Strategie" für die akademische Theologie, der auf einen Bericht führt, der im Fakultätentag, dem Zusammenschluss aller Fakultäten und Hochschulen, ebenso diskutiert wird wie in den Kirchen und Ministerien?

Ein evangelischer Theologe sollte die Entwicklungen der katholischen Theologie immer nur dezent kommentieren. Aber mindestens für die evangelischen Fakultäten gilt, dass es für ihr künftiges Schicksal nicht gut wäre, wenn die anstehenden Prozesse nicht so weit als irgend möglich gemeinsam vorbereitet und diskutiert würden. Wie will man staatliche und universitäre Stellen überzeugen, wenn sich beispielsweise Universitätstheologen und Kirchenleitungen nicht darauf einigen können, was gute Theologie ist und wozu sie in Kirche wie Gesellschaft nutzt?

Sie schrieben kürzlich: "Veränderungen der Kirche, des Religionsunterrichtes und des Profils der Geistlichen haben unmittelbare Auswirkungen auf die akademischen Ausbildungseinrichtungen und damit zusammenhängende außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Man sollte sie energisch diskutieren   und nicht nur über die Kürzungsvorschläge debattieren." Wo sehen Sie konkret Diskussionsbedarf?

"Ich befürchte, dass wir bei der Ausbildung
oft zu stark von unserem Bild
eines guten Wissenschaftlers ausgehen"

Die Wirklichkeit der deutschen Kirchengemeinden unterscheidet sich von Stadt- zu Stadt- und von Land- zu Landgemeinde. Ich befürchte, dass wir bei der Ausbildung oft zu stark von unserem Bild eines guten Wissenschaftlers ausgehen. Einem Gemeindeglied ist nicht geholfen, wenn es auf die Frage "Wo ist mein verstorbener Ehemann jetzt?" die Antwort zu hören bekommt: "Ich bin Anhänger der Ganztod-These". Theologische Fakultäten müssen Menschen durch ihre Ausbildung befähigen, auf solche elementaren Fragen elementar, aber nicht banal zu antworten. Es ist natürlich eine Herausforderung, für eine sich ständig pluralisierende Wirklichkeit auszubilden. Trotzdem zweifle ich nicht daran, dass man auch noch heute Menschen durch ein Studium dafür zurüsten kann, glaubwürdig in unterschiedlichen Kontexten das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden und nicht nur Ergebnisse eigenen Nachdenkens oder des Nachdenkens jeweiliger akademischer Lehrer.

Außerhalb Deutschlands wundern sich Christen mitunter darüber, dass sich die "reiche" Kirche in Deutschland keine teuren Studiengänge an privaten konfessionellen Unis leisten kann, beispielsweise Medizin. Gibt es in diesen Zeiten gute Gründe dafür, über private kirchliche Hochschulen intensiver nachzudenken?

Über der Berliner Staatsoper steht: "Der König Apoll und den Musen". Ein preußischer König hat das Gebäude da hingestellt und nicht der Stahlunternehmer Andrew Carnegie aus seinem Privatvermögen. Wir erwarten in Deutschland Angebote von Bildung und Kultur zunächst einmal vom Staat. Ob es wirklich sinnvoll ist, kirchliches Geld welcher Sorte auch immer ausgerechnet für beispielsweise eine weitere katholische Universität mit einer Universitätsmedizin auszugeben, wage ich zu bezweifeln.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt die akademische Theologie aus Deutschland als Gütesiegel. Wo würden Sie sie heute einordnen?
Das muss man jemand fragen, der von außen draufschaut. Ich bin befangen. Aber - um nur ein Beispiel zu nennen - die Arbeit an der altlateinischen Bibel, die unter anderem an der katholisch-theologischen Fakultät in Erfurt und in der Benediktinerabtei Beuron geleistet wird, ist nach Einschätzung aller, die mit lateinischen Bibeln arbeiten, ein herausragendes Werk. Und ich bin sehr dankbar für jede neue Lieferung.

War die Akademisierung kirchlicher Berufe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Fehler?

Die Akademisierung an sich war gewiss kein Fehler. Die Anforderungen an berufsspezifische Professionalitäten sind überall stark gestiegen. Man darf nur die Akademisierung der Ausbildung nicht vom Beruf isolieren, auf den hin ausgebildet wird.

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