Regensburg

Georg Ratzinger: Ein weltoffener Bayer

Domkapellmeister Georg Ratzinger, der Musiker, Chorleiter, Komponist, Seelsorger und fromme Priester, besaß die Gabe, den Glauben durch Musik zu verkünden.

Georg Ratzinger gestorben
Glaube und Kirchenmusik haben das Leben von Domkapellmeister Georg Ratzinger geprägt. Foto: Armin Weigel (dpa)

In Freising nannten sie ihn den „Orgelratz“, um ihn von seinem drei Jahre jüngeren Bruder Joseph, dem „Bücherratz“ zu unterscheiden. Im Priesterseminar, in das die Geschwister 1946 gemeinsam eintraten, war allen klar, dass der am 15. Januar 1924 in Pleiskirchen bei Altötting geborene Georg Ratzinger den mit der 1951 durch Michael Kardinal von Faulhaber gespendeten Weihe verbundenen Auftrag, christusförmig zu werden, im Blick auf die Chöre der Engel erfüllen würde. Nun ist Georg Ratzinger, der am 1. Juli starb, Gefährte jener Engel, an deren Gesang er sich immer orientiert hat.

In jeder freien Minute fand man ihn am Klavier oder an der Orgel. Seine Begabung war schon früh zutage getreten und nach Kräften gefördert worden. Seit seiner Gymnasialzeit bekam er zu Weihnachten Jahr für Jahr liebevoll ausgewählte Partituren, durch deren Studium er seine Fähigkeiten ausbauen und vertiefen konnte. Und dass er in seiner Kirche in genau dieser Funktion, der des Priestermusikers, gebraucht werden würde, war spätestens von dem Zeitpunkt an klar, als der Dorflehrer und NSDAP-Anhänger, der den Organistendienst in der Pfarrkirche versehen hatte, von seinem Amt zurücktrat und Georg Ratzinger den musikalischen Verkündigungsdienst übernahm. Damals war er 11 Jahre alt und hatte noch viel Zeit, physisch und musikalisch in seine Lebensaufgabe hineinzuwachsen. Die kirchenmusikalische Praxis, die erste Lehrmeisterin Georg Ratzingers, wurde später durch einen qualifizierten Musikunterricht am Erzbischöflichen Studienseminar in Traunstein unterstützt.

Der Beginn in Regensburg verlief nicht ohne Konflikte

Wie stark die musica sacra ihn anzog zeigt, dass er mit seinem Bruder auf dem Fahrrad von Traunstein nach Salzburg radelte, um dort im Mozart-Jubliläumsjahr 1941 die Regensburger Domspatzen zu hören. Eine im Wortsinne wegweisende Reise, verband sie sich doch mit einem – damals gewiss unbewussten, vielleicht aber im Tiefsten verspürten Blick auf einen Chor, den er mit wie gebannt ausgerichteten Ohren hörte und dessen langjähriger Leiter er nach einigen Jahren kirchenmusikalischen Dienstes in Traunstein 1964 wurde. Die Nachfolge von Domkapellmeister Theobald Schrems anzutreten war für Ratzinger, der sein Kirchenmusikstudium in München mit der Meisterklasse abgeschlossen hatte, keine leichte Aufgabe. Schrems hatte die Spatzen fast vierzig Jahre lang geleitet, geprägt und die Domspatzen zu einem Synonym für den Klang von Knabenchören gemacht.

Der Beginn in Regensburg verlief nicht ohne Konflikte. Denn Schrems war zwar zurückgetreten, aber sein zu seiner Nachfolge ambitionierter Neffe und sein in der organisatorischen Leitung der Domspatzen tätiger Bruder waren dem Neuen gegenüber wenig kooperativ. Doch mit Geduld und freundlichem Abwarten überstand Ratzinger die sechs mühsamen ersten Jahre, um dann gemeinsam mit „seinen“ Domspatzen“ zu der Erfolgsgeschichte zu werden, die wir heute kennen.

Und auch später brauchte er viel Geduld. Denn es dauerte für den zu Unrecht Bezichtigten lange, bis der Abschlussbericht über den Missbrauch bei den Domspatzen seine Unschuld bestätigte. Was er selbst bekräftigte war, dass der Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Nichtakzeptanz körperlicher Bestrafung von Kindern, ihn, der um der Sache willen über ein feuriges Temperament verfügte, innerlich erleichtert habe.

Altes und Neues aus dem Schatz der Kirchenmusik

Als Chorleiter holte Georg Ratzinger während der drei Jahrzehnte, in denen er die Domspatzen prägte und deren Klangbild zu weltweit strahlkräftiger Exzellenz formte, stets Altes und Neues aus dem Schatz der Kirchenmusik hervor. Die Werke der Vokalpolyphonie gehörten im Sinne der Regensburger Tradition ebenso dazu wie die von Ratzinger persönlich besonders geliebte Romantik. Die geistig-geistliche Unabhängigkeit Ratzingers zeigt sich in seiner Präferenz für den von den Caecilianern verschmähten Josef Rheinberger. Aber auch zeitgenössische Werke waren unter seiner Leitung ein selbstverständlicher Bestandteil des Repertoires. Werke von Max Bauman, Karl Höller, Friedrich Zipp oder Maurice Duruflé standen regelmäßig auf dem Programm, wenn der Chor in Liturgie oder Konzert sang und der mit ihm befreundete Komponist Hermann Schroeder kreierte regelmäßig Auftragswerke für die Domspatzen. Er selbst komponierte im Jahr 2000 die „Missa l'anno santo“. Sie macht seinen Herzensklang und seinen an der Tonsprache der Romantik geschultes Klangideal hörbar. Ratzinger, der ein unnachahmliches Gespür für musikalische Form, die innere Proportion der Werke, für die Behandlung  und Formung der Stimmen hatte, präferierte einen natürlichen Klang, der die Persönlichkeiten der Sänger zum Leuchten brachte. Dass die Schönheit des Klanges in seinen Ohren Vorrang vor der Schärfe der Artikulation hatte, zeigt eine Anekdote während einer Schallplattenaufnahme, bei der der Tonmeister ihn um letztere bat und Ratzinger trocken erwiderte: „Wenn Sie wollen, dass wir schlechter singen, dann sprechen wir jetzt besser.“

 


Das Kyrie der "Missa l'anno santo"


 

Einer seiner Nachfolger, selbst ehemaliger Domspatz und der derzeitige Leiter des Chores, Christian Heiß, fasst seine Eindrücke über seinen  Lehrmeister so zusammen: „Ich habe Georg Ratzinger als musikalisch herausragenden, liebenswerten, väterlich-fürsorgenden, fordernden und fördernden Menschen erlebt, für den Musik und christlicher Glaube untrennbar verbunden sind. Er war für die Regensburger Domspatzen ein Glücksfall.“

Immer wieder erfahrbare Liebenswürdigkeit des Herzens

Und als Musiker, Chorleiter, Komponist, Seelsorger und glaubensstarker frommer Priester, ein faszinierender Mensch mit einer bemerkenswerten Ausstrahlung und einer immer wieder erfahrbaren Liebenswürdigkeit des Herzens. Er war bis ins hohe Alter und auch als gehbehinderter und gebeugter Mann am Rollator eine aufrechte und beeindruckende Persönlichkeit. Vor allem aber war er durch und durch ein Bayer, dessen geistiger Weitblick in die Welt der stabilen Verwurzelung in der Heimat niemals Konkurrenz machen konnte. Beides gehörte zu Georg Ratzinger: Weltoffenheit – und Welt in Bayern.

Wer Georg Ratzinger verstehen will, muss in seine Familie und deren katholische Prägung und den dort unprätentiös gelebten katholischen Glauben hineinleuchten. Die Eltern, Joseph und Maria, waren – wie man so sagt – ganz normal katholisch und fromm, beteten gemeinsam den Rosenkranz – was später die ganze Familie täglich tat –, nahmen an der heiligen Messe teil und versuchten, im Angesicht des Herrgotts zu leben.

1921 erblickte in Pleiskirchen bei Altötting Tochter Maria das Licht der Welt, 1924 Sohn Georg, und 1927 der Jüngste, Joseph, der wegen der neuen Stelle des Vaters als Gendarmeriekommandant in Marktl am Inn geboren wurde. Der nahe Marienwallfahrtsort Altötting wurde allen zu einem besonders dichten Ort geistiger Heimat. Georg beschreibt später immer wieder, dass die Wallfahrt zur berühmten Schwarzen Madonna zu den schönsten Kindheitserinnerungen gehörte. Die Gottesmutter sei von klein auf ein besonderer Schutz gewesen. Aus dieser Sicherheitszone des Schutzmantels hat sich Georg ein Leben lang nicht herauslocken lassen.

Traunstein wurde zur geliebten Heimat

Traunstein wurde von 1935 an für die Kinder zu Familienzeiten zur geliebten Heimat. Das Haus in Hufschlag am Rande der bayerischen Stadt war trotz aller Bescheidenheit eine familiäre Oase in der Naturnähe und dem nahe gelegenen Wald, die von Musik regelrecht durchklungen wurde. Im nicht allzu entfernten Salzburg „begegnete“ Georg seinem Mozart.

Besonders das Gnadenbild „Maria Trost“ im Wallfahrtsort Maria Plain oberhalb der Salzach-Metropole wurde für ihn in musikalischer Hinsicht zu einem kostbaren Schmuckstück. Hier hatte Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Werke beide Ratzinger-Brüder ein Leben lang begleiteten, zur Krönung des Gnadenbildes seine Krönungsmesse uraufgeführt. Und als es später im Hause Ratzinger ein Radiogerät gab, lauschte der mit einem sehr feinen Gehör ausgestattete Georg sonntags der übertragenen Matinee mit viel Mozart ganz versunken.

Georg vereinte in seinem Charakter die Strenge des Vaters und die Herzlichkeit der gerne bei der Hausarbeit Marienlieder singenden Mutter und war ein Mann der Disziplin und der Herzlichkeit gleichermaßen. Bei Begegnungen mit Georg fiel auf, wie prägend und real die erfahrbare Einheit von Glauben und Leben in der Familie Ratzinger war. Jeder Tag war durchzogen vom Gebet, morgens, abends, zu den Mahlzeiten, mit Lob und Dank an Gott.

Von Regensburg wollte er nicht mehr weg

Als Georg Ratzinger 1964 Domkapellmeister und Chef der Domspatzen wurde, begann für ihn – wie für seinen damals noch in Münster lehrenden Bruder – die Regensburger Zeit. Im nahe gelegenen Pentling baute Joseph, nachdem er in Regensburg einen Lehrstuhl bekommen hatte, das Haus, das für Georg neben der Luzengasse mitten in der Altstadt und im Schatten des Domes zum Lebensmittelpunkt und Ruhepol wurde. Von Regensburg wollte Georg nicht mehr weg, auch nachdem sein Bruder in Rom war. Regensburg sei einfach schöner als Rom: „Regensburg hat für mich etwas, was keine andere Stadt der Welt zu bieten hat: Sie ist meine Heimat!“

Die Priesterweihe der beiden Ratzingers 1951 durch Michael Kardinal Faulhaber war für Georg eine Zäsur, denn „die Priesterweihe verleiht dem Menschen eine neue Lebensqualität als Beauftragter Christi, der das Mysterium, das Wort Christi in die Welt hineintragen soll“. Im Laufe seines Lebens sei ihm immer klarer geworden: „Die Priesterweihe führt in eine besondere Freundschaft mit Christus hinein (…) und das stellt nicht nur einen inneren Höhepunkt dar, sondern verleiht auch ein Bewusstsein vom Menschenleben, das über das natürliche Leben hinausgeht, weil der liebe Gott seine Hand im Spiel hat.“
„Das eigentliche Problem, vor dem wir heute stehen, ist die Blindheit der Vernunft für die ganze Dimension der Wirklichkeit“, sagte der fast vollständig erblindete und mit den Augen des Herzens sichtstarke Georg Ratzinger anlässlich des Papstbesuches 2006 in Bayern.

Jetzt, nachdem er die irdische Dimension seines Lebens nach dem tröstlichen Besuch des von ihm so geliebten Bruders in der bayerischen Heimat friedvoll zurückgegeben hat, holt ihn eine damals ebenfalls formulierte Erkenntnis sicher musikalisch wie seelsorglich ein: „Der irdische Weg des Lebens endet nicht im Nichts. Er führt ins Licht. Er führt ins Leben.“ Auch da sind sich die Brüder wieder einig. Es darf angenommen werden: Das bayerische und musikalische Herz geht da mit ins neue Leben.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.