Vatikanstadt

Genesen am deutschen Wesen?

Im Vatikan wächst der Unmut, bei den "Neuerungen" im Zuge des Synodalen Wegs immer nur als Bremser dazustehen. Doch bei der Interkommunion handelt es sich um ein Politikum, auf das Rom reagieren musste.

Debatte um gemeinsames Abendmahl
In der Römischen Kurie ist man inzwischen mehr als verstimmt über die Politik der veränderungswilligen Bischöfe in Deutschland, es in Fragen wie der Pfarreienreform oder der Interkommunion auf einen Konflikt mit Rom ankommen zu lassen. Foto: Adobe Stock

Noch hängt die Hitze des Sommers in manchen römischen Gassen und Gebäuden und in den "palazzi" des Vatikans helfen die Klimaanlagen den Kurialen, einen kühlen Kopf zu behalten. In der Welt grassiert Corona, aber auch in der Kirche sind "geistige Viren" unterwegs, wie einer von ihnen munkelt. Die Geschicke der Kirche in Deutschland haben in der letzten Zeit gleich mehrere Dikasterien beschäftigt: die Kongregationen für die Glaubenslehre, den Klerus und die Bischöfe, auch das vatikanische Staatssekretariat, in dem es eine deutsche Abteilung gibt, sowie Päpstliche Räte wie den für die Gesetzestexte oder für die Einheit der Christen. Aber auch Papst Franziskus selbst, der in seinem Brief an das "pilgernde Volk Gottes in Deutschland" vom Juni 2019 ganz andere Akzente setzte als der Synodale Weg. Auf die Frage, ob die Kirche deutscher Zunge vor einer zweiten Reformation stehe, antwortet ein Kurienprälat vorsichtig: Er würde den Begriff nicht verwenden, denn bei der Reformation Luthers hätten die Bischöfe nicht mitgemacht.

Es geht an Nerv des Katholischen

Das ist jetzt natürlich anders. Das Spektrum der deutschen Themen ist weit und geht an den Nerv des Katholischen: Der Priester und die Stellung des geweihten Amtsträgers bei der Leitung der Pfarreien, die Weihe der Frau, zuerst zum Diakon, später dann vielleicht zum Priester, der Zölibat und eine neue Sexualmoral - und jetzt die Interkommunion. Und immer sind es Bischöfe, beim Konferenzvorsitzenden und seinem Vorgänger angefangen, die sich zu Wortführern eines Änderungswillens machen, der am Ende die ganze Weltkirche zu neuen Ufern führen soll.

Dass es nun das Studienpapier eines ökumenischen Arbeitskreises von Theologen, des Jäger-Stählin-Kreises, geschafft hat, eine deutliche und klar ablehnende Reaktion der Glaubenskongregation auf sich zu ziehen, verdankt sich dem Bischof, der für die katholische Seite im Vorstand dieses Gremiums sitzt: Georg Bätzing aus Limburg. Er kommt zwar nicht aus der Universitätstheologie, hat aber 1986 das Buch "Die Eucharistie als Opfer der Kirche" veröffentlicht, das ihm viel Lob einbrachte. Allerdings spiegelt sich in dem von der Glaubenskongregation verworfenen Papier "Gemeinsam am Tisch des Herrn" nichts von den Gedanken Bätzings zum Opfercharakter der Eucharistie von damals wider. Als er bei Bundeskanzlerin Angela Merkel seinen Antrittsbesuch als neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz machte, kündigte er schon einmal an, es werde auf dem Ökumenischen Kirchentag 2021 eine konfessionsübergreifende liturgische Mahlgemeinschaft geben, die sich an dem Konsenspapier des ökumenischen Arbeitskreises orientiere. Damit wurde die Sache zum Politikum und Rom musste tätig werden. Beim Kirchentag 2021 geht es nicht mehr um theologische Überlegungen im geschützten Raum von Studienkreisen, sondern um ein öffentliches Ereignis mit medialer Verbreitung und führenden Staatsvertretern in den Reihen der Ehrengäste.

"Herr Bischof, wir brauchen keine zweite  evangelische Kirche"

In der Römischen Kurie ist man inzwischen mehr als verstimmt über die Politik der veränderungswilligen Bischöfe in Deutschland, es in Fragen wie der Pfarreienreform oder der Interkommunion auf einen Konflikt mit Rom ankommen zu lassen, das Spiel bis zum Letzten auszureizen, ohne es formal zum Bruch kommen zu lassen, aber am Ende einen "Schuldigen" präsentieren und immer behaupten zu können, es sei eben die römische Zentrale gewesen, die Reformen nicht zugelassen habe. Dabei ist der Vatikan durchaus beweglich. Für die Instruktion zur Pfarreienreform hat die Kleruskongregation auch viel Lob erhalten, manchen Bischöfen war gar nicht bewusst, was bei personalen Engpässen in der pfarrlichen Seelsorge alles möglich ist. Und der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen selber führt zahlreiche ökumenische Dialoge, auch über Abendmahl und Eucharistie. Wobei die beiden in dem Dokument der Glaubenskongregation erwähnten Konsenspapiere über Kirche, Eucharistie und Amt Erklärungen sind, die der vatikanische Ökumene-Rat mit den Lutheranern in Nordamerika und ebenfalls mit der lutherischen Gemeinschaft in Finnland vereinbaren konnte. Im Jäger-Stählin-Kreis sitzen aber nicht nur lutherische, sondern auch reformatorische Theologen, denen etwa das Sakramentsverständnis der finnischen Lutheraner völlig fremd ist. Darum ist das Papier "Gemeinsam am Tisch des Herrn" eher an der "Leuenberger Konkordie", der Erklärung der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft der reformierten und lutherischen Gemeinschaften, orientiert und nicht an dem, was Katholiken und Lutheraner etwa in Nordamerika und Finnland schon jetzt verbindet.

Auch bei Franziskus hat Bischof Bätzing als Konferenzvorsitzender seinen Antrittsbesuch gemacht. Dabei soll ihm der Papst beim Abschied gesagt haben: Herr Bischof, es gibt in Deutschland bereits eine evangelische Kirche, wir brauchen keine zweite. Das bezeugen zwei unabhängige Quellen. Aber auch wenn es erfunden ist, ist es gut erfunden: Die veränderungswilligen Bischöfe Deutschlands und das Präsidium des Synodalen Wegs streben Ziele an, die in der "Evangelischen Kirche in Deutschland" schon verwirklicht sind   ohne dass man dort den Mitgliederschwund bremsen noch einen Aufschwung einleiten konnte. Das Stichwort von der "Protestantisierung" der katholischen Kirche in Deutschland (und der Schweiz) klingt gut. Aber um es zu verstehen, muss man wissen, wie es ist, wenn es protestantisch zugeht. So sieht man den Synodalen Weg in Deutschland am kritischsten in den Ortskirchen Nordamerikas und Europas, dort noch am wenigsten im Süden. Afrikanische Kirchenführer werden wohl dann erst wach, wenn sie erfahren, welche neue Sexualmoral das Forum über die gelungenen Beziehungen plant. Und Asien ist weit entfernt. Zumal sind die Ortskirchen Afrikas und Asiens dankbar für das Geld, das sie aus deutschen Kassen der Kirche und der Hilfswerke erhalten.

Papst wollte Kommunionstreit nicht entscheiden

Mit den Mentalitäten kennt man sich im Vatikan besser aus. Aber wenn es ums Detail geht, spielen auch Sprachkenntnisse eine Rolle. Kardinal Robert Sarah etwa, dem Präfekten der Liturgiekongregation, ist das Deutsche fremd. Aber die Kardinalpräfekten Ladaria (Glaube), Stella (Klerus) und Ouellet (Bischöfe) beherrschen es, und Kardinal Kurt Koch vom Ökumene-Rat sowieso. In der Zeit des Tauziehens wegen der kirchlichen Schwangerenkonfliktberatung in Deutschland bildeten Johannes Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger eine Front   und konnten sich auch mit Fachleuten und Beobachtern in deutscher Sprache beraten. Wie sieht es heute mit den Fronten aus? Nun spricht Glaubenspräfekt Ladaria Deutsch und ist nicht zuletzt über seine deutschsprachigen Kollegen an der Gregoriana-Universität mit den Mentalitäten der Theologie nördlich der Alpen vertraut. Aber er ist auch Jesuit und dem Jesuiten-Papst zu absoluter Loyalität verpflichtet. Darum ist es unwahrscheinlich, dass er das Dokument zur Interkommunion ohne Rücksprache mit Franziskus an Bätzing schickte. 

Aber im Kommunionstreit der deutschen Bischöfe vor zwei Jahren hat sich gerade Papst Franziskus entschieden, diesen Streit nicht zu entscheiden und Kardinal Reinhard Marx mit seiner Kürzel "F" kein eindeutiges Votum, aber irgendwie doch grünes Licht zu geben. Nur hat er damals auf dem Rückflug von Genf am 21. Juni 2018 erklärt, dass es bei der Einladung des nichtkatholischen Ehepartners zur Kommunion um die vom Codex dem Ortsbischof zugesprochene Kompetenz gehe, nicht um die der Bischofskonferenz und der ganzen Ortskirche. Das ist aber jetzt beim Ökumenischen Kirchentag der Fall. Wenn sich Franziskus nicht selbst widerspricht, dürfte er diesmal bei der Interkommunion die Linie von Ladaria voll und ganz teilen.

 

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