Würzburg

Geistliche Gemeinschaft bedeutet Mut zum Dienen

Eine Monografie über Mutter Julia Verhaege und die geistliche Familie „Das Werk“.

Mutter Julia Verhaeghe - sie diente der Kirche
Konfliktfrei verlief der Weg zur Gründung des Werks nicht. Wie viele neue geistliche Gemeinschaften sah sich auch das Werk Misstrauen gegenüber. Maßstab für die Echtheit einer Berufung aber ist der Umgang mit solchen Schwierigkeiten. Foto: Marcus Brandt (dpa)

Neue geistliche Bewegungen haben es in der Kirche nicht immer leicht. Ganz egal ob es sich dabei um Benedikt von Nursia handelt, der jahrelang in einer Höhle lebte, als Abt scheiterte und, ein zweites Mal durch einen missgünstigen Priester aus seinem Kloster vertrieben, erst spät mit seinen Mönchen auf dem Montecassino eine Heimat fand, oder die junge Bewegung der Franziskaner, die, von manch einem Kirchenmann misstrauisch beäugt, nur durch den immensen Mut zum Dienen, der ihren Gründer auszeichnete, die offizielle Anerkennung erlangte.

Ähnlich ging es auch Julia Verhaege. Ihr Charisma ist distinkt und ihr Werk, wie sie jene spirituelle Bewegung ehelos lebender junger Frauen nannte, denen sich später Priester, alleinlebende Laien und Familien zugesellten, unterscheidet sich in Ausrichtung und Lebensform von den bis dahin entstandenen Orden und geistlichen Gemeinschaften. Mit Rekurs auf Franz von Assisi, der mit seinem Orden ebenfalls etwas Neues, damals ganz und gar revolutionäres schuf und von sich zu sagen pflegte, dass er mit der Frau Armut verheiratet war, ist es für Julia Verhaeghe die Vorsehung, mit der sie aufs Engste verbunden ist.

Ideengeberin einer Bewegung

Ihr besonderes Charisma, das sie nur mit wenigen teilt, denen sie aber, wenn sie sie fand, geistlich eng verbunden war, ist ihr sicherer Blick für die Zeitläufte und für das, was aus bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen folgt. Genau diese Gabe der Schau auf das Miteinander der Menschen im kirchlichen und politischen Bereich machte Mutter Julia zu einem geistlichen Leuchtturm und zur Ideengeberin für eine Bewegung, die das Gemeinwesen von innen her zu erneuern vermag. Sauerteig zu sein ist die Kernberufung der Mitglieder der geistlichen Familie „das Werk“. Sie arbeiten stets von innen her. Denn im Zentrum ihrer Berufung steht das Heilige Bündnis, die Weihe an das Herz Jesu, den Brennpunkt der Liebe Gottes, die in die Welt hineinzutragen sie berufen sind.

Pater Hermann Geißler FSO macht genau dies in seiner lesenswerten Monografie deutlich, in der er von dem verborgenen Leben Mutter Julias ebenso erzählt wie von den sichtbaren Wirkungen, die es im langsamen aber stetigen Wachsen des Werks entfaltete. Konfliktfrei verlief dieser Weg nicht. Denn wie viele neue geistliche Gemeinschaften sah sich auch das Werk Misstrauen gegenüber. Maßstab für die Echtheit einer Berufung aber ist der Umgang mit solchen Schwierigkeiten. Wer hier schweigen und ruhig abwarten kann, wie Mutter Julia, wer behutsam und mit viel Geduld die nötigen Schritte tut, darf gewiss sein, den Weg nicht zu verfehlen. Genau diese Vorsicht zeichnete Mutter Julia aus. Wer das heute oft atemlose Tempo rastlosen Pläneschmiedens gewohnt ist, wird die Lektüre dieses Buches, das sich an den ersten Band über das Leben Mutter Julias, der bis ins Jahr 1950 reicht, anschließt, entschleunigend finden. Ihr fehlt vollkommen, was viele heute so sichtbar auszeichnet: das Streben nach Macht und äußerer Bedeutung. Dafür ist ihr in reichem Maße die Fähigkeit gegeben, auf das zu hören, was der Geist den Gemeinden sagt, die Kirche in ihrer Gesamtheit als Leib Christi wahrzunehmen und deshalb, eingeborgen in den Pulsschlag seines Herzens, im Vertrauen auf sein Wort ihren Weg zu gehen. Das Geheimnis ihres Lebens ist die rückhaltlose Ganzhingabe, dank derer sie Missverstandenwerden, Ausgebremstsein – sei es durch äußere Umstände oder durch die Krankheiten, die das Leben Mutter Julias prägten – als notwendige Bausteine für die Wohnung im himmlischen Jerusalem ansehen konnte.

Hermann Geißlers Monografie ist in vier Teile gegliedert. Im ersten kann der Leser das Aufblühen der geistlichen Familie „Das Werk“ in Belgien miterleben, das mit der Freude der ersten kirchlichen Anerkennung in der Diözese Tournai verbunden war.

Begegnung mit Newman

Im zweiten Teil schildert Geißler die Gründung der ersten Niederlassungen in Österreich, Deutschland, Rom, Ungarn, in Afrika und die für die Spiritualität des Werks so wegweisende innere Begegnung mit John Henry Newman, der nicht nur die Verwurzelung in der englischsprachigen Welt förderte, sondern in untrennbarem Zusammenhang mit dem Charisma Mutter Julias, ihrer engen Verbundenheit mit der Vorsehung und nicht zuletzt für den geistlichen und theologischen Schwerpunkt Geißlers selbst steht.

Der dritte Teil macht den Zusammenhang zwischen der Entfaltung des Charismas des Werks und den besonderen Eingriffen Gottes ins Leben von Mutter Julia sichtbar. Hier entstehen kostbare Einblicke in ein geistliches Leben, das auch für Menschen, die in anderen spirituellen Bewegungen zuhause sind, wichtig und wegweisend sein können. Wer sich führen lässt, kommt an, könnte man diesen Teil überschreiben, denn er schildert nicht zuletzt, wie die Gemeinschaft in Bregenz ein neues Zuhause fand und eine eigene Priestergemeinschaft entstand. Der vierte Teil ist den letzten Lebensjahren Mutter Julias und der schließlich erfolgten gesamtkirchlichen Anerkennung des Werkes gewidmet. Die sorgfältig erstellte, gut lesbare Monografie basiert auf den Quellen aus dem Archiv der geistlichen Familie und enthält wie schon Band eins zahlreiche Worte Mutter Julias, sodass ihre das Werk so sehr prägende Stimme in diesem empfehlenswerten Buch immer wieder hörbar wird.

Hermann Geißler FSO: Sie diente der Kirche. Mutter Julia Verhaeghe und die Entfaltung der geistlichen Familie „Das Werk“, mit einem Vorwort von Kardinal Mario Zenari. Fe Medien, Kisslegg 2020, 288 Seiten, ISBN 978-3-86357-282-2, EUR 12,80

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