Würzburg

Geburtsstätten von Glaube und Vernunft in Gefahr

Die deutschen Bischöfe überlegen, den akademischen Teil der Priesterausbildung künftig auf drei Fakultäten zu konzentrieren. Die glaubende Vernunft muss in der christlichen Theologie aber einen zentralen Stellenwert einnehmen.

Palazzo della Sapienza
Katholische Fakultäten stehen schon lange für die Verbindung von Glaube und Vernunft. Nun werden Fakultäten immer häufiger geschlossen. Hier die ehemalige Universität "Palazzo della Sapienza" in Rom. Foto: Viacheslav Lopatin (73805734)

In Deutschland verdichten sich die Pläne für eine Konzentration der Priesterausbildung auf die drei großen  M : Münster, Mainz und München. Nach den Vorschlägen des Koordinationsrats der Bischofskonferenz soll ausschließlich an diesen drei staatlichen Fakultäten der gesamte Priesternachwuchs der Zukunft ausgebildet werden, kirchliche Hochschulen wie die Jesuitenhochschule Sankt Georgen in Frankfurt sollen nicht weiter gefördert werden. Damit würde man sich wieder einmal für einen "Deutschen Sonderweg" entscheiden. Das Verschwinden der kirchlichen Hochschulen würde aber die mitteleuropäische Bildungslandschaft verarmen lassen, eine monochrome Monokultur wäre die Folge.

Priesterausbildung essenziell für den Anteil katholischer Bürger

In anderen Ländern der weiten Catholica sieht es anders aus, insbesondere in den romanischen Staaten. Dort sind die kirchlichen akademischen Einrichtungen beinahe die einzigen Bildungseinrichtungen, an denen die Seminaristen und zukünftigen Religionslehrer ausgebildet werden. In Frankreich bestehen hierfür beispielsweise in Paris das Institut Catholique und das Coll ge des Bernardins. Das Erste formt in erster Linie den akademischen Nachwuchs, das Zweite ist führend bei der Priesterausbildung nach dem Prinzip "Priester bilden Priester aus". Dies scheint sich für die Kirche nicht nachteilig auszuwirken: In Paris, einer Multi-Kulti-Metropole mit etwa fünfzehn Millionen Einwohnern, sind noch über sechzig Prozent der Bevölkerung katholisch, im deutschsprachigen Raum, beispielsweise in Wien, einer traditionell katholischen Stadt, nur noch 39 Prozent.

Generell scheint es in traditionell protestantischen Ländern eine Vorliebe für das Modell staatlich geförderter akademischer Theologie zu geben, was dem Staatskirchentum der Vergangenheit zu verdanken ist. In katholischen Ländern hingegen besteht eine gewisse Affinität zu akademischen Bildungseinrichtungen in der autonomen Verantwortung von kirchlichen Einrichtungen. Dies hat seine eigene Geschichte: Am Anfang stand der Zusammenbruch des einst glanzvollen römischen staatlichen Bildungssystems im sechsten Jahrhundert. Als des Cassiodorus (485 580) Projekt der Gründung einer Universität in Rom unter Papst Agapitus I. (535 536) nach dem Vorbild der syrischen Universität in Nisbis, die berühmt war für ihre Verbindung von Aristotelismus und Neoplatonismus mit der theologischen Spekulation, endgültig gescheitert war, verlegte er seine akademischen Aktivitäten in sein Mönchskloster Vivarium.

Erstmals Recht auf Religionsfreiheit im Kloster festgelegt

Dort stellte er einen anspruchsvollen Masterplan auf, nach dem er das universale Wissen seiner Zeit mit dem geistlichen Leben der Meditation der Psalmen kombinieren wollte. Dass Cassiodorus  Horizont trotz seiner monastischen Ausrichtung keinesfalls eng war, beweisen seine Schriften, die unter anderem die weltweit wohl erste Erklärung eines Menschenrechtes auf Religionsfreiheit enthalten. Da Cassiodorus damals auch als "Praefectus praetorio" fungierte, machte sich der ostgotische König Theodahat 535 als König von Italien diese sogar zu eigen.

Von diesem Zeitpunkt an ergab sich eine enge Allianz klösterlicher und kirchlicher Institutionen, die ihr Bestes taten, innerhalb eines monastischen oder zumindest geistlichen Rahmens eine anspruchsvolle Universalbildung mit dem Studium der Heiligen Schrift des Christentums und ihrer theologischen Tradition zu verbinden. Dies blieb auch so, als sich zu Anfang des 13. Jahrhunderts eine erste Universität der Wissenschaften in Paris zu formieren begann. Obwohl damals bereits einige akademische Lehrer Mönchen die Berechtigung und die Befähigung zu lehren absprechen wollten, sind die Inhaber der umstrittenen Ordenslehrstühle der Franziskaner und Dominikaner Bonaventura und Thomas von Aquin und nicht etwa ihre Konkurrenten wie etwa Wilhelm von Saint-Amour und Siger von Brabant im allgemeinen Gedächtnis als herausragende Kirchenlehrer präsent geblieben.

Zahlreiche große Theologen haben an
kirchlichen Hochschulen studiert

Auch nach dem eklatanten Ausbruch einer allgemeinen Kirchenkrise, die von der Reformation Luthers, Zwinglis und Calvins ausgelöst wurde, waren es oft die religiösen Gemeinschaften, an erster Stelle die 1540 neu gegründeten Jesuiten, die den Wiederaufbau der akademischen Theologie mit einer gezielten Berufungspastoral verbanden. Seinen Mitbrüdern, die allesamt ein langatmiges und facettenreiches Studienprogramm durchlaufen hatten und nun auf die Hochschulkanzeln stiegen, riet Ignatius von Loyola, "etwas Tüchtiges zu leisten, indem man die gesunde Lehre ohne viele scholastische Fachausdrücke vortrage, alles klar geordnet referiere und insbesondere auch geistliche Anregungen für das Herz einstreue, damit die Zuhörer nicht nur von Gelehrsamkeit übergossen, sondern auch innerlich erbaut nach Hause gingen". Das kam gut an und trug bald gute Früchte, auch durch die Gründung von Hochschulen in den neu entdeckten Kontinenten.

Nachdem sich der "Kult der Vernunft" in der Französischen Revolution, der das Christentum hatte überwinden wollen, durch einen unerträglich blutigen Staatsterror selbst fragwürdig und unglaubwürdig gemacht hatte, kam es im Zuge der Romantik zu einer bemerkenswerten Restauration des katholischen Lebens, zu der auch die wieder zugelassenen kirchlichen Hochschulen wesentlich beitrugen. Als letzte Ausläufer einer großen Blütezeit können noch Konzilstheologen, die zugleich Ordensmänner waren wie Karl Rahner, Bernhard Häring, Augustin Bea, Yves Congar, Marie-Dominique Chenu, Edward Schillebeeckx und andere gelten. Auch Joseph Ratzinger hat an einer kirchlichen Hochschule studiert; dasselbe gilt für Jorge Mario Bergoglio, der nicht nur das Jesuitenkolleg Colegio M ximo de San Jos  bei Buenos Aires in den Jahren von 1958 bis 1970 durchlaufen hat, sondern dieses selbst von 1980 bis 1986 als Rektor geleitet und geprägt hat.

Evangelium verlangt spirituelle Komponente

Aber nicht nur historische Gründe sprechen für eine Beibehaltung einer differenzierten Bildungslandschaft in der katholischen Kirche; es liegt am Auftrag des Evangeliums selbst, das neben einer intellektuell redlichen Ausbildung nach einer wesentlichen spirituellen Komponente verlangt. Das Christentum ist das Gegenteil einer Observanz-Religion, wie sie etwa der Islam darstellt, in der das Befolgen der Gebote als Schlüssel zum Verstehen dient. Durch seine provokativen Neuansätze hat Jesus von Nazareth seinen Anhängern ein Umdenken abgenötigt, das zuerst nach dem Sinn von religiösen Vorschriften und Überlieferungen zu fragen lehrt. Daher versteht es sich von selbst, dass die glaubende Vernunft in der christlichen Theologie einen zentralen Stellenwert einnehmen muss.

Für das Christentum ist Jesus aber nicht nur der Messias Israels, sondern noch mehr das lebendige Wort Gottes, ja der menschgewordene Gott, der Erlöser aller Menschen. Dennoch sind die Worte des Evangeliums vordergründig so einfach verständlich, dass jedes Kind sie auswendiglernen kann, während sie bei genauerem Hinsehen als Rätselworte weit genug sind für eine Exegese, die nach einer philosophisch-spirituellen Ausdeutung ruft. Die Bibel verlangt von ihren Lesern sozusagen eine Hinwendung zur Vernunft, aber zugleich wiederum eine Bekehrung zu einer intuitiven Ganzheitserfahrung: zum "simplex intuitus veritatis", zum kontemplativen Erfassen der Wahrheit Gottes, zu der Weisheit, die der Herr des Himmels den "Klugen und Weisen" der Welt verborgen hat.

Vernunft bewahrt Glaube davor zu einem
teils irrationalem System zu verkommen

Daher ist es sicherlich richtig, von einer reinigenden Kraft der Vernunft in Bezug auf die Überlieferung des Glaubens zu sprechen, die davor bewahrt, die Glaubenslehre zu einem geschlossenen System verkommen zu lassen, das irrationale Züge aufweist. Andererseits muss auch die prophetische Dimension der biblischen Botschaft gesehen werden, die Werte und Wahrheiten vertritt, die ideologische Verabsolutierungen korrigieren kann, die in der Gefahr sind, menschenfeindlich zu werden. Die eine große Wahrheit des Guten und Wahren, die aus der göttlichen Offenbarung spricht und der Welt ihre Schönheit verleiht, darf nicht aus dem Blickfeld einer pluralen Gesellschaft geraten, in der die technische Machbarkeit oft an erster Stelle steht.

Während die Theologie an staatlichen Universitäten die Aufgabe hat, als akademische Disziplin den Anschluss an eine offene Gesellschaft zu suchen, um mit ihr mit in einen anspruchsvollen intellektuellen Dialog einzutreten, können kirchliche akademische Einrichtungen besser jungen suchenden Menschen identitätsstiftende und zugleich intellektuell befriedigende Antworten bieten, die ihnen den Lebensraum eröffnen, innerlich zu wachsen, um später Aufgaben in der Kirche zu übernehmen.

Kirchliche Hochschulen können Biotope
in der Neuevangelisierung sein

Es war historisch gesehen sicherlich ein Glücksfall, dass inmitten der Wirren der Französischen Revolution Alexander von Humboldt das Exzellenzmodell europäischer Bildung gerettet und für die Universitäten im deutschen Sprachraum verpflichtend gemacht hat. Daher wurden die staatlichen theologischen Fakultäten nicht nur Stätten einer maximalen Wissensvermittlung, sondern auch Schulen des unabhängigen kritischen Denkens, das die intellektuelle Welt bis heute befruchtet und herausfordert.

Wenn aber Evangelisierung das Gebot der Stunde darstellt, um eine weitgehend entchristlichte Gesellschaft erneut mit den Werten des Evangeliums zu konfrontieren, dann können kirchliche theologische Hochschulen, die von einem geistlichen Glaubensleben getragen werden, in ihrer Verbindung von wissenschaftlicher Theologie und gelebter Spiritualität zu Biotopen werden, in denen fragende Menschen die klare Luft des Glaubens einatmen können, die sie notwendig brauchen. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.