Heidelberg

Gebot ist mehr als Verbot

Wie ihm ein Gespräch an der Klosterpforte den Blick auf die Weisungen des Herrn weitete, schildert der Benediktinerpater Winfried Schwab.

Abfüllung von Salböl
Das Öl für die Krankensalbung gehört zu den fast vergessenen Schätzen der Kirche. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes“, schreibt der heilige Benedikt von Nursia am Ende des Prologs seiner berühmten Ordensregel. Er formuliert damit einen Gedanken, der heute für viele sehr schwer zu verstehen ist. Von kritischen, aber durchaus auch von wohlmeinenden Menschen hört man immer wieder, Gebote forderten doch die Einschränkung der persönlichen Freiheit. Klösterliches Leben gehe darüber sogar noch hinaus. Es verlange den Verzicht auf die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten zugunsten einer Gemeinschaft unter der Leitung eines Oberen. Wie könne sich da das Herz weiten und erst recht: Wie solle dieser Weg in Glück und Liebe beschritten werden?

Heilung nach Krankensalbung

Vor einigen Wochen führte ich ein Gespräch an der Klosterpforte. „Können Sie sich noch an mich erinnern?“ Betreten musste ich zugeben: „Leider nein, ich bedauere.“ „Das macht nichts, das kann ich gut verstehen. Ich hatte ja auch eine Maske auf, viele Schläuche um mich herum und lag auf der Intensivstation.“ Plötzlich war mir das Bild wieder vor Augen: Ich hatte dem Patienten die Krankensalbung gegeben! Und dann erzählte er mir seine Geschichte. „Die Ärzte hatten mich schon in ein künstliches Koma versetzt, meine Lage schien aussichtslos. Da ließ meine Ehefrau Sie rufen, um mich zu versehen. Und ob Sie es glauben oder nicht: Noch am gleichen Abend wurde es besser, einige Zeit später konnte ich wieder auf eine normale Station verlegt werden. Die Ärzte sagten mir: Sie müssen aber einen guten Draht nach oben haben … Ja, und heute stehen meine Frau und ich vor Ihnen. Wir wollen nachher in die Kirche gehen, um Gott zu danken!“ Ob diesem Ehepaar das Herz weit geworden war? Ob sie ihren Weg mit Gottes Hilfe in Glück und Liebe beschritten?

Benedikt sieht die Gebote Gottes nicht negativ als Einschränkung oder Verzicht, sondern positiv als Hilfestellung, das Leben anders, besser, sinnvoller zu gestalten. Hellsichtig formuliert er: „Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng“ (RB Prolog, 47–48). Nicht jedes Gebot ist ein Verbot, im Gegenteil. Oft sind sie als Ermunterung zu verstehen, die Hoffnung und Zuversicht vermitteln. Schön beschreibt der Jakobusbrief ein Beispiel: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben“ (Jakobus 5, 14–15).

Spirituelles Leistungsdenken überschattet Gottesbegegnung

Wie gerne möchten wir den Härten, dem Schweren des Lebens ausweichen. Oft ist das nicht möglich, so wie es auch dem Ehepaar nicht möglich war. Statt aber zu verzagen oder gar zu verzweifeln, griff die Ehefrau auf jene Hilfe zurück, die schon Jakobus beschrieb, die Aufforderung, Gebete zu sprechen und den Kranken zu salben. Der heilige Benedikt legt den Ordensleuten und allen, die seiner Regel folgen möchten, ans Herz: Habe Hoffnung und Vertrauen, wage es, den Weg mit Christus gemeinsam zu gehen! Es ist und bleibt eine dauernde Herausforderung, sich ganz und gar auf ihn einzulassen, aber Du kannst es schaffen! Setze den ersten Schritt und versuche es!

Nüchtern betrachtet stolpern manche Gottessucher. Einige wollen den dritten vor dem ersten Schritt machen, ihnen kann es nicht schnell und radikal genug gehen. Aber geben sie ihrem geistlichen Herzen auch die Möglichkeit, sich tatsächlich zu weiten? Langsam, kraftvoll, andauernd? Oder fordern sie einen Herzinfarkt geradezu heraus? Leistungssportler kennen die Überforderung, gerade am Anfang ihrer Karriere. Eine solche Selbsttäuschung gibt es auch im Ordensleben. Noch mehr beten, noch asketischer leben, noch spiritueller werden. Wie schnell wird dabei vergessen, dass der „Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in Euch wohnt und den ihr von Gott habt“ (1 Korinther 6, 19) – mit anderen Worten: der der Aufmerksamkeit bedarf.

Trägheit führt zu geistiger Herzverfettung

Anderen wieder geht es zu schnell. Ein Fortschritt im Guten ist durchaus gewünscht und wird angestrebt – aber gemächlich. Keine Übertreibung, um sich nicht zu überfordern. Hinter diesem Argument versteckt sich oft die Trägheit. Wer nur nach dem angeblich „Realistischen und Möglichen“ strebt, versagt sich der Entwicklung. Um im Bild zu bleiben: Nicht der Infarkt droht, sondern die geistige Herzverfettung. Beides ist gefährlich, beides führt letztendlich am Ziel vorbei.

Der heilige Benedikt kennt eine Lösung des Problems: „Darum wollen wir uns seiner Unterweisung niemals entziehen und in seiner Lehre im Kloster ausharren bis zum Tod. Wenn wir so in Geduld an den Leiden Christi Anteil haben, dann dürfen wir auch mit ihm sein Reich erben“ (RB, Prolog 50). Das gilt nicht nur für Ordensleute, sondern für jeden, der den Lebensweg im Glauben gehen möchte. Von seinen Anhängern wünscht Benedikt sich einerseits Geduld, andererseits die Ausdauer, im klösterlichen Leben auszuharren. Er gibt keine leeren Versprechungen, redet Schwierigkeiten nicht kleiner, als sie sind, sondern schaut nüchtern und unaufgeregt auf die Situation.

Keine Erwartungshaltung, aber Hoffnung

Wieder muss ich an das Paar denken. In Geduld ertrugen die Eheleute ihr Leid. Die Ehefrau, in Angst um ihren Gatten, forderte kein Wunder – die Hoffnung auf einen guten Ausgang aber hielt sie trotzdem im Herzen. Der Ehemann vergaß es nicht, Gott zu danken für seine Heilung. Gemeinsam gingen sie ihren Weg im Glauben. Wie es Benedikt formuliert: „Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes.“

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