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Franziskus als Tröster, Mutmacher und Visionär

Der Papst besuchte im Irak nicht nur die Katholiken. Er machte sich zum Sprecher einer abrahamitischen Geschwisterlichkeit und zum Anwalt von Rechtsstaatlichkeit und Gemeinwohl.

Papst Franziskus zu Besuch im Irak - Ausgrabungsstätte von Ur
Papst Franziskus nimmt an einem interreligiösen Treffen im sumerischen Stadtstaat Ur teil. Der Stadtstaat Ur wird in der Bibel als Heimat des Propheten Abraham erwähnt, dem Vater der drei monolithischen Glaubensrichtungen Judentum, Christentum und Islam. Foto: Ameer Al Mohammedaw (dpa)

Wer Wunder erwartet, wird fast immer enttäuscht. Wer sich jedoch von der Papstreise in den Irak klare Zeichen erhoffte, darf heute bilanzieren, dass Franziskus mit seinem Wochenendbesuch im Zweistromland alle Erwartungen überboten hat. Seine Reise rückte die leidgeprüften Orient-Christen in den Blick der Weltöffentlichkeit, erinnerte die globale Christenheit an ihre Wurzeln im Orient und umwarb die muslimische Mehrheit mit dem Blick auf die gemeinsamen Ursprünge in der Selbstoffenbarung Gottes an Abraham.

Moralische Autorität für alle Iraker

Mit wacher Aufmerksamkeit, Bescheidenheit und Väterlichkeit ging der Papst tröstend auf die Menschen zu, die ihm von Krieg, Terror, Tod, Not und Elend erzählten. In seinen Predigten warnte er vor den Versuchungen der Verbitterung und Vergeltung, mahnte zu Frieden und Barmherzigkeit, ermutigte zu missionarischem Eifer und mutiger Mitgestaltung der neuen gesellschaftlichen Ordnung.

Doch der Papst kam keineswegs nur als Oberhaupt der Katholiken zu „seinen Leuten“, sondern als moralische Autorität zu allen Irakern. Mit Blick auf die Vaterschaft Gottes und die gemeinsame Berufung auf Abraham beschrieb er Juden, Christen und Muslime als Geschwister. Sein freundlicher Ton und sein demütiges Auftreten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Franziskus von der Politik gleiche Bürgerrechte für alle einforderte und sich zum Anwalt der Rechtsstaatlichkeit machte. In gut katholischer Tradition geißelte er Klientelismus und Korruption, buchstabierte der irakischen Elite das Gemeinwohl neu.

Keine Wunder erwarten

Weit über den Irak hinaus wird die Begegnung des Papstes mit dem schiitischen Islam Beachtung finden. Mit dem fast privat gestalteten Treffen mit dem moderaten Großayatollah Ali Al-Sistani sind die päpstlichen Bemühungen um den christlich-islamischen Dialog endlich auch in der schiitischen Welt angekommen. Hier gilt einmal mehr: Wer Wunder erwartet, wird fast immer enttäuscht. Aber im zähen Ringen der irakischen Christen um ihr Heimatrecht hat Franziskus die in seinen Besuch gesetzten Erwartungen nicht erfüllt, sondern überboten.

Weiter Hintergründe zur Papstreise in den Irak lesen Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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