Hamburg

Finanzielle Klemme des Erzbistums Hamburg: „Von mir keinen Cent“

Das Erzbistum Hamburg steckt finanziell tiefer in der Klemme als bisher bekannt. Nun ziehen sich auch Sponsoren zurück.

Erzbistum Hamburg steckt finanziell tiefer in der Krise als bisher bekannt
Schon wegen Schulschließungen opponierten Hamburger Unternehmer. Foto: Axel Heimken (dpa)

Die finanzielle und geistliche Lage des katholischen Kirchenschiffs im Norden, des Erzbistums Hamburg, ist nach neuesten Informationen noch weit dramatischer als bislang bekannt geworden (DT vom 8. Oktober). Aus einem bistumsinternen 59-seitigen Papier einer Reformkommission, das dieser Zeitung vorliegt und bislang nicht veröffentlicht wurde, geht hervor, dass hunderte von Immobilien, darunter viele Kirchen, verkauft werden sollen oder müssen.

Die Ausgaben des Erzbistums werden, so das Ergebnis einer über 18 Monate tagenden kirchlichen Kommission, dramatisch steigen. Hundert Millionen Euro fehlen zusätzlich bei den Pensionsrückstellungen, sodass hier geschätzte Forderungen von 730 Millionen Euro anfallen werden (statt bisher 630 Millionen). Der Sanierungsstau im Bistum und bei den Pfarreien hat sich demnach seit 2017 von 157 auf 220 Millionen Euro erhöht und ist nicht wie gehofft abgebaut worden. Zukunftsorientierte Umbauten oder Sanierungen (z. B. bei Schulen) sind in diesen Zahlen noch nicht enthalten. Die Pfarreien beziehungsweise Pastoralen Räume arbeiten „weitgehend defizitär“, ist zu erfahren. Die Pfarreien werden weitere Kürzungen der bislang schon zu knappen Zuweisungen aus der Kirchensteuer (nur 39 Prozent) verkraften müssen. Auf diese Weise sollen die Pfarreien mehr oder minder dazu gezwungen werden, ihre kostenträchtigen sogenannten „Sekundär-Immobilien“ zu verkaufen (Kirchen, Gemeindehäuser, Pfarrhäuser etcetera). Ob es bei der Schließung von nur sechs katholischen Schulen bleiben wird, ist wohl bei der weiter steigenden defizitären Situation der Schulen fraglich.

Wachsende Überschuldung und sinkende Einnahmen

Diese „wirtschaftlichen Herausforderung“, wie die Bistumskommission die wachsende Überschuldung, die ungedeckten Pensionslasten, steigende Defizite bei Schulen und Pfarreien sowie bei den Gebäudelasten nennt, stoßen auf der Gegenseite der Bilanz auf keine steigenden, sondern zurückgehende Einnahmen. Ursachen sind die Überalterung der Kirchenmitglieder, hohe Austrittszahlen, stark zurückgehende Zahl der Gottesdienstbesucher sowie von Einnahmen durch Kollekten. Ein zusätzliches „Loch“ wird durch die Corona-Krise erwartet. Die Kirchensteuern werden schon dieses Jahr um elf Prozent sinken, die eigentlich nur um ein Prozent pro Jahr bis 2060 inflationsbereinigt um insgesamt vierzig Prozent sinken sollten.

Die bisherigen Bemühungen, die „Löcher“ durch zusätzliche Einnahmen, Spenden oder andere Fundraising-Maßnahmen zu steigern, stoßen sowohl in den Körperschaften der Pfarreien wie im Erzbistum auf wenig Gegenliebe. Ein millionenschwerer, katholischer Geschäftsmann, der bislang die katholische Kirche zusätzlich zu den Kirchensteuern mit großen Spenden bedachte, zog sich wegen der geplanten Schulschließungen verärgert zurück. Wertkonservative Katholiken sind zudem irritiert wegen der Personalpolitik des Erzbistums und über Äußerungen des Erzbischofs, die nicht dem katholischen Lehramt entsprechen sollen. „Von mir sehen die keinen Cent“, äußerten bislang opferbereite Katholiken gegenüber dieser Zeitung. Wie das Erzbistum die Finanzlöcher stopfen will, ist derzeit völlig unabsehbar, da auch der geplante Verkauf der vier katholischen Krankenhäuser auf Eis liegt. Unterstützende Aktionen seitens anderer deutscher Bistümer zeichnen sich für das defizitäre Bistum ebenfalls bislang nicht ab.

Unterstützung anderer Bistümer zeichnet sich nicht ab

Warum das Erzbistum nun ausgerechnet an der Immobilien-Front „aufzuräumen“ versucht, können viele Katholiken nicht verstehen. In Kommentaren, die im Zuge der Nachrichten über den Verkauf von „38 Prozent“ der tausend kirchlichen Gebäuden in den Medien zu lesen waren, zeigten sich viele Leser empört. Warum man nicht bei Personalausgaben, etwa den Pastoral- und Gemeindereferenten spare? Sie seien nicht „Teil der Lösung, sondern Teil des Problems“ der Glaubenskrise im Bistum. Diese pastoralen Mitarbeiter erhalten immerhin 47 Prozent aus den 15, 5 Millionen Euro an Kirchensteuereinnahmen, die Priester und Diakone die restlichen 53 Prozent.

Andere fordern die mit acht bezahlten Mitarbeitern ausgestatte „Katholische Akademie“ in Hamburg, die zudem in einem hochpreisigen Gebäude der Innenstadt residiert, zu schließen. Auch die Einstellung der hoch defizitären „Neuen Kirchenzeitung“ sowie der Medienstelle des Erzbistums werden ebenso angeregt wie freiwillige Gehaltsverzichte für kirchliche Mitarbeiter. So könnten Einsparungen in beträchtlicher Höhe generiert und somit Ausgaben vermindert werden. Doch genau für diese und andere kirchlichen Felder wie beispielsweise die Bistumsleitung und -verwaltung (dreizehn Prozent der Kirchensteuern), caritative Dienste und Kindergärten (zwölf Prozent) oder „Überpfarrliche … Bildungsangebote“ (12 Prozent), zusammen also immerhin 37 Prozent der Kirchensteuern – und damit fast ebenso viel wie für alle Pfarreien (39 Prozent) –, ist offenbar noch keine Spar-Kommission eingesetzt worden.

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