Vatikanstadt

Es gibt neue Spannungen um die „alte Messe“

Die außerordentliche Form der römischen Liturgie rückt wieder in den Fokus. In Rom wird über eine Revision des Motu Proprio Summorum Pontificum spekuliert. Kardinal Müller warnt vor neuen Spannungen unter den Gläubigen. 

Tridentinische Messe
Messe nach tridentinischem RitusGottesdienst mit Pfarrer Joseph Kramer in der Kirche Trinita dei Pellegrini in Rom.Bild: Wandlung. Foto: Harald Oppitz

Bereits nach einer großangelegten Umfrage der Kongregation für die Glaubenslehre zur Etablierung der „alten Messe“ in der Weltkirche, wurde Misstrauen unter traditionell orientierten Katholiken laut. Sie befürchteten eine Einschränkung ihrer durch das Motu proprio Summorum Pontificum etablierten Rechte, wie es auch von progressiver Seite, beispielsweise dem italienischen Liturgiewissenschaftler Andrea Grillo, gefordert wurde. Seitdem rissen die Gerüchte nicht ab, Papst Franziskus plane eine Revision der Regelungen, die Benedikt XVI. 2007 erlassen hatte.  Nicht zuletzt wurden diese Gerüchte durch Äußerungen des Papstes genährt, der hinter traditionellen Tendenzen im jüngeren Klerus Rigidität und Starrsinn vermutet, nicht zuletzt motiviert durch einzelne, zu einem Extremismus tendierenden Anhängern der „alten Messe“, die die Legitimität der erneuerten Liturgie und der nachkonziliaren Reformen in Zweifel ziehen. 

Überlieferte römische Liturgie

Doch Summorum Pontificum sollte der überlieferten römischen Liturgie, wie sie vom Konzil von Trient bis zur Liturgiereform im Anschluss an das II. Vatikanische Konzil in der katholischen Kirche gefeiert worden war, ein Heimatrecht gewähren, das auch die „ordentliche Form“ und ihre Ars celebrandi befruchten sollte. Als „außerordentlicher Form“ des römischen Ritus sollte jeder Priester das Recht haben, sie zu zelebrieren: Nicht im Gegensatz zur neueren Form, sondern zu ihrer positiven Befruchtung. Insofern sollte nicht nur dem Wunsch Rechnung getragen werden, die irreguläre Situation der Anhänger des Erzbischofs Marcel Lefebvre und seiner Priesterbruderschaft St. Pius X. zu sanieren. Vielmehr sah Benedikt XVI. darin eine Korrektur, die einen von traditionalistischer wie progressistischer Seite ausgemachten Gegensatz zwischen liturgischer Tradition und Reform aufheben sollte. 

Neuinterpretation

Als vor kurzem Papst Franziskus vor Mitgliedern der italienischen Bischofskonferenz mitgeteilt haben soll, dass er eine Neuinterpretation von Summorum Pontificum plane und bereits ein dritter Entwurf auf seinem Schreibtisch liege, erhielten die Befürchtungen der „Tradis“ neuen Aufwind, dass möglicherweise erhebliche Einschränkungen auf Priester und Gläubige zukommen könnten, die der „außerordentlichen Form“ verbunden sind. Die „Tagespost“ konnte aus verschiedenen Quellen in Rom erfahren, dass  sich die Glaubenskongregation derzeit mit einem Entwurf befasst. Wie die konkrete Revision aussehen wird und wann diese zu erwarten ist, ist indes nicht absehbar. Jedoch heißt es, dass eine Rückkehr zu der vor der Reform Benedikt XVI. geltenden Regeln eines „Indults“, wie es Johannes Paul II von 1984 gewährte und 1988 erweiterte, nicht beabsichtigt ist. Nach dieser Regelung hatten Priester nur mit bischöflicher Genehmigung oder Beauftragung die Erlaubnis, die Liturgie nach den alten Büchern zu feiern. Doch gibt es auch seitens einiger Theologen und Bischofskonferenzen den Wunsch, die Oberhoheit des Ortsordinarius über die liturgischen Feiern in der außerordentlichen Form zu stärken. Demnach sollen Priester, die bereits die außerordentliche Form zelebrieren, dieses Recht behalten; Priester, die sie aber erst erlernen möchten, sollen dazu der Erlaubnis des Diözesanbischofs bedürfen. 

Neue Kompetenzen

Im Rahmen der Pläne einer Kurienreform, die Papst Franziskus seit Beginn seines Pontifikats vorantreibt, ist immer wieder auch eine Verteilung der Kompetenzen der Kongregation für die Glaubenslehre für die traditionelle Liturgie und die Gemeinschaften, die ihr verbunden sind, in der Diskussion. Seit der Auflösung der in der Kongregation angesiedelten Kommission „Ecclesia Dei“, die ursprünglich für die früheren Anhänger Lefebvres gegründet worden war, ist eine vierte Sektion etabliert worden, die jedoch in fachlicher Hinsicht mit einer Materie beschäftigt ist, die ansonsten bei der Gottesdienst- und Religiosenkongregation liegt. 

Seit Monaten geht man daher davon aus, dass die vierte Sektion der Glaubenskongregation aufgelöst werden soll und die Zuständigkeit für die außerordentliche Form an die Gottesdienstkongregation gehen wird, die Verantwortung für die Gemeinschaften an die Religiosenkongregation. Auch dieser Schritt, der im Entwurf der Kurienreform bereits enthalten sein soll, stieß in traditionell gesinnten Kreisen auf starke Vorbehalte, da sie befürchten, künftig gegnerischen Ressentiments ausgesetzt zu sein. 

Beide Formen gut in Einklang

Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller warnt unterdessen vor den Konsequenzen einer Revision des Motu proprio. Der frühere Präfekt der Glaubenskongregation, der als Kritiker traditionalistischer Tendenzen gilt, hat jetzt gegenüber dem italienischen Nachrichtenportal „La Nuovo Busolla Quotidiana“ Summorum Pontificum verteidigt. Benedikt XVI habe weise gehandelt: „Er hat die beiden Formen gut in Einklang gebracht.“ Die Kirche habe zwar die Autorität, die äußeren Elemente der Liturgie zu regeln, aber offensichtlich nicht den Inhalt. Er mahnt zur Vorsicht, da man nicht mit Autoritarismus verhindern könne, dass sich viele Gläubige der alten Liturgie zuwendeten.

Man spreche viel über Dialog, aber dann könne man nicht mit einem in der Kirchengeschichte beispiellosen Autoritarismus ein legitimes Recht von Gläubigen einschränken, so Müller. Er forderte ein umsichtiges und respektvolles Handeln gegenüber dieser Gruppe von Gläubigen zu sein, die dies wünschen. Eindringlich warnte Müller daher vor den Reaktionen auf eine Revision der Bestimmungen, die neue Probleme und Spannungen in der Kirche provozierten: „Anstatt die Lage zu beruhigen und uns auf die großen Herausforderungen des Christentums heute zu konzentrieren, die von uns verlangen, auf Säkularismus und Nihilismus zu reagieren, schafft man so neue Spannungen innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen“. 

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