Würzburg/Vatikanstadt

"Es braucht Hausputz im Vatikan"

Neuevangelisierung, China-Abkommen, Kurienreform: George Weigel ist einer der führenden katholischen Publizisten der USA. In seinem neuen Buch "Der nächste Papst" macht er sich Gedanken über die Herausforderungen, vor denen der künftige Nachfolger Petri steht.

Papst Franziskus sehnt sich nach einer Kirche der Mission
Papst Franziskus hat immer wieder betont, wie sehr er sich nach einer Kirche der Mission sehnt, so Weigel. Foto: Stefano Spaziani

Herr Weigel, Sie haben gerade eine Art Leitfaden für den nächsten Papst veröffentlicht. Sollte nicht eigentlich eher der Papst uns anleiten?

Ich möchte mein Buch gern als eine Agenda für die gesamte Kirche verstanden wissen, betrachtet durch die Linse des Petrusamts mit seiner einzigartigen Verantwortung. Gewiss sollte der nächste Papst - ebenso wie seine Vorgänger - uns anleiten. Aber es gilt aus den Erfahrungen jener drei Päpste, die ich persönlich kennengelernt habe - Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus - , Lehren zu ziehen.

Welche? Im Zentrum Ihres Buches steht die Idee eines Papstes, der Bischöfe, Priester und Laien zu einem missionarischen Lebensstil befähigt. Sowohl Johannes Paul als auch Benedikt und Franziskus hatten oder haben Schwierigkeiten, die polarisierte Kirche der westlichen Welt davon zu überzeugen.

"Die Polarisierung ist ein Gegensatz
zwischen den lebendigen und den sterbenden
oder todgeweihten Teilen der Kirche"

Die Polarisierung, die Sie ansprechen, ist ein Gegensatz zwischen den lebendigen und den sterbenden oder todgeweihten Teilen der Kirche. Die lebendigen Teile der Kirche sind diejenigen, die die Neuevangelisierung als die zentrale strategische Aufgabe für die Kirche im 21. Jahrhundert angenommen haben: jene Teile der Kirche, die die ganze Welt als Missionsterritorium betrachten und in denen die meisten Katholiken sich selbst als missionarische Jünger verstehen. Die sterbenden oder todgeweihten Teile der Weltkirche sind diejenigen, die immer noch in einem Katholizismus der institutionellen Besitzstandswahrung verharren und vielfach das Vertrauen auf die Kraft des Evangeliums verloren haben. 

Was also muss der nächste Papst tun?

Was der nächste Papst, ebenso wie seine Vorgänger, tun muss, ist das, was Jesus in Lukas 22,32 dem Petrus aufgetragen hat: seine Brüder stärken. In unserer Zeit heißt das konkret: Er muss die Katholiken in der Überzeugung bestärken, dass Jesus Christus tatsächlich die Antwort auf die Frage ist, die das menschlichen Leben - jedes einzelne menschliche Leben - darstellt. Denn diese Überzeugung ist der Ausgangspunkt dafür, ein missionarischer Jünger zu sein.
Erwarten wir nicht allzu viel von einem Papst? Er muss auf so vielen Gebieten Großes leisten: Er muss führen, regieren, inspirieren, intellektuell überzeugen... 
Das ist ein wichtiger Punkt, der unterstreicht, wie unabdingbar notwendig es für jeden Papst ist, ein guter Menschenkenner zu sein. Denn nur so kann er sich mit fähigen Männern und Frauen umgeben, die ihn darin unterstützen können, das Petrusamt wirksam auszuüben.

Es gibt allerdings einige Fähigkeiten, die für einen Papst unerlässlich sind, und diese wurden mir bewusst, als mich vor einiger Zeit ein hochrangiger Kurienkardinal fragte, worauf man meiner Ansicht nach beim nächsten Papst Wert legen sollte. Ich dachte einen Moment nach und sagte dann: "Es sollte ein Mann mit einem leuchtkräftigen Glauben sein, einer, der es versteht, Rechtgläubigkeit als anziehend und überzeugend zu präsentieren. Und es sollte ein Mann sein, der bereit ist, im ersten Monat seines Pontifikats fünfzig Leute zu feuern." Es gibt dringenden Reformbedarf im Vatikan, und der nächste Papst wäre gut beraten, jemanden zu berufen, der das Großreinemachen für ihn übernimmt, während er selbst sich der großen Aufgabe des christlichen Glaubenszeugnisses widmet.

Wenn ein neugewählter Papst Sie bezüglich des christlichen Glaubenszeugnisses um Rat fragte: Was würden Sie ihm empfehlen, im ersten Jahr nach seinem Amtsantritt zu tun - und was nicht?

"Ich würde ihm raten, in seinen Predigten
und Katechesen entschieden und unbeirrbar Christus
ins Zentrum zu stellen, Christus hervorzuheben als die
Offenbarung der Wahrheit über Gott und die Menschheit"

Ich würde ihm raten, in seinen Predigten und Katechesen entschieden und unbeirrbar Christus ins Zentrum zu stellen, Christus hervorzuheben als die Offenbarung der Wahrheit über Gott und die Menschheit. Mit anderen Worten, ich würde empfehlen, die Predigten und Audienzansprachen eines ganzen Jahres - und womöglich auch eine Antrittsenzyklika - auf einer Passage aus Abschnitt 22 der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" aufzubauen, in der es heißt: "Christus ... macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe zu dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung."

Außerdem würde ich ihn, wie schon gesagt, dazu drängen, schnell einen gründlichen Hausputz im Vatikan in Angriff zu nehmen, damit die römische Korruption nicht länger ein Hindernis für das christliche Glaubenszeugnis der Kirche darstellt. Wie jede Bürokratie versteht es auch die Bürokratie der Kurie, sich in ihren Stellungen zu verschanzen und Veränderungen zu behindern. Daher scheint es mir die beste Lösung, gleich zu Beginn eines neuen Pontifikats einen radikalen Schnitt zu machen   wozu es auch gehören sollte, hoch kompetente Laien, Männer wie Frauen, mit einer Reform der vatikanischen Finanzen zu betrauen. Mein Rat, was man tunlichst vermeiden sollte, ist damit schon angedeutet: Man sollte eine Kurienreform nicht häppchenweise zu unternehmen versuchen.

Ihr Buch befasst sich auch mit der Rolle des Papstes in weltlichen Angelegenheiten. Es hat viel Kritik am Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und China im Jahr 2018 gegeben. Wie denken Sie darüber?

Soweit ich das 2018 mit China geschlossene Abkommen verstehe - wobei zu bedenken ist, dass die Protokolle niemals veröffentlicht wurden, was an sich schon sonderbar genug ist - , scheint es mir gegen die Lehre des II. Vaticanum zu verstoßen, derzufolge bei der Ernennung von Bischöfen keine Zugeständnisse an weltliche Regierungen gemacht werden sollen. Diese im Dekret "Christus Dominus" formulierte Lehre wurde dann in Canon 377   5 CIC rechtsverbindlich festgeschrieben. Falls das Abkommen mit China tatsächlich dem chinesischen Staat oder der Kommunistischen Partei Chinas irgendeine Form von Mitbestimmungsrecht bei der Ernennung von Bischöfen einräumt, dann sollte es widerrufen werden. In meinem Buch argumentiere ich außerdem, dass eine zukünftige vatikanische Diplomatie von der Prämisse ausgehen sollte, dass die einzige Autorität, über die der Heilige Stuhl auf dem Gebiet der Weltpolitik verfügt, eine moralische Autorität ist - und dass diese kompromittiert wird, wenn man sich auf einen Handel mit totalitären Regimen einlässt, die von vornherein gar nicht die Absicht haben, ihren Teil der Vereinbarung einzuhalten. Das beweist China ja gerade durch die fortgesetzte Verfolgung der vom Regime nicht anerkannten Katholiken. Derartige Abkommen untergraben auf schwerwiegende Weise den Evangelisierungsauftrag der Kirche, indem sie den Katholizismus mit verhassten Herrschaftssystemen in Verbindung bringen.

Sie äußern den Wunsch nach einem Papst, der sich gleichermaßen der Klarheit der Lehre wie auch der Verkündigung der Barmherzigkeit Gottes verpflichtet weiß. Ist das als verdeckte Kritik an Papst Franziskus zu verstehen?

Jeder der drei Päpste, die ich kennengelernt habe, hat beides getan, und dennoch hat jeder von ihnen einen unverkennbaren Schwerpunkt auf die eine oder die andere Seite der Gleichung gelegt. Worauf es ankommt, ist, dass die ganze Kirche begreifen muss, dass die Glaubenslehre befreiend ist und dass die größte Barmherzigkeit, die die Kirche den Menschen anzubieten hat, darin besteht, ihnen behutsam dazu zu verhelfen, die Wahrheit über sich selbst zu erkennen.

Inwieweit stimmt Papst Franziskus  Vision des Papsttums mit derjenigen überein, die Sie in Ihrem Buch darlegen, und wo nicht? Einige liberale Kritiker in den Vereinigten Staaten haben geäußert, Ihrem Buch zufolge müsste der nächste Papst völlig anders sein als Franziskus.

"Kein Papst macht alles richtig,
und das trifft definitiv auf alle drei Päpste zu,
die ich kennengelernt habe"

Ich finde es bemerkenswert, wie einige dieser "liberalen Kritiker", die Jahrzehnte damit verbracht haben, harsche Kritik an Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu üben, sich plötzlich in Verfechter einer Form von Papsttreue verwandelt haben, die Pius IX. zum Erröten gebracht hätte! Aber wie dem auch sei: Gegen Ende meines ersten Gesprächs mit Papst Franziskus nach seiner Wahl sagte ich zu ihm, das einzige, was ich für ihn tun könne - außer täglich für ihn zu beten - , sei es, ihm Dinge zu sagen, von denen ich denke, dass er sie wissen sollte, und zwar auch dann, wenn diese Dinge unbequem für ihn seien. Er ermutigte mich, dies zu tun, und das habe ich als sehr anerkennenswert empfunden. Papst Franziskus hat wieder und wieder betont, wie sehr er sich nach einer "Kirche der permanenten Mission" sehnt, einer Kirche, in der jeder Katholik sich als einen "missionarischen Jünger" versteht. Mit dieser Vision stimme ich vollkommen überein, und ich hatte bisher dreimal Gelegenheit, mit dem Heiligen Vater darüber zu diskutieren. Wir hatten bei diesen Gelegenheiten einen engagierten Meinungsaustausch darüber, wie Neuevangelisierung funktionieren kann und wie nicht. Kein Papst macht alles richtig, und das trifft definitiv auf alle drei Päpste zu, die ich kennengelernt habe. In meinem Buch versuche ich, auf unaufgeregte Weise sinnvolle Lehren daraus zu ziehen, was in diesen drei Pontifikaten richtig gemacht wurde und was nicht so sehr.

Schauen wir zurück auf Papst Johannes Paul II., den Sie persönlich gut gekannt haben: Er war ein Heiliger, aber hatte nicht auch er gewisse Schwächen? Man könnte anführen, seine Gesten im interreligiösen Dialog seien zuweilen zweideutig gewesen - etwa, als er einen Koran küsste. Es heißt auch, er habe die Kurie vernachlässigt.

Ich würde sagen, Johannes Paul II. war ein besserer "Manager", als man es ihm gemeinhin nachsagt. Er setzte Prioritäten, hielt an ihnen fest und konnte dadurch viele seiner Ziele erreichen. Ich denke, ihm war sehr bewusst, was für ein Schock es für eine durch und durch italienisch geprägte Kurie sein musste, einen Nicht-Italiener als Papst zu haben. Dies war vermutlich der Grund, dass er vor einer durchgreifenden Reform der Kurie zurückschreckte, für die es aus meiner Sicht notwendig gewesen wäre, sie sehr viel rigoroser zu internationalisieren. Was das Verhältnis Johannes Pauls II. zum Islam betrifft, möchte ich jeden, der sich für dieses Thema interessiert, dazu einladen, zu lesen, was er in seinem Buch "Die Schwelle der Hoffnung überschreiten" über die fundamentalen theologischen Differenzen zwischen Islam und Christentum schreibt   anstatt zu versuchen, seine Haltung zu dieser Frage aus einer Geste des Respekts gegenüber muslimischer Frömmigkeit abzuleiten. Gleichwohl: Ich sagte soeben, kein Papst mache alles richtig, und da war auch Johannes Paul II. keine Ausnahme. So hat er sich beispielsweise von zwei Psychopathen täuschen lassen, nämlich Marcial Maciel und Theodore McCarrick. Aber das ist nun einmal genau das, was Psychopathen tun: Sie täuschen Menschen, auch sehr intelligente Menschen und sogar Heilige.

Stellen wir dieselbe Frage mit Blick auf Benedikt XVI.: Ohne Zweifel ein überragender Theologe - aber besaß er die nötigen Fähigkeiten, um die Römische Kurie zu führen und zu reformieren? Das ist ja eine Aufgabe, die Sie als zentral ansehen.

"Jeder Papst muss Prioritäten setzen
und dabei von einer realistischen Einschätzung
seiner eigenen Fähigkeiten ausgehen"

Jeder Papst muss Prioritäten setzen und dabei von einer realistischen Einschätzung seiner eigenen Fähigkeiten ausgehen. Papst Benedikt hat ganz klar den lehrenden Aspekt des Petrusamts zu seiner Priorität gemacht. Diejenigen Teile der Kirche und der Welt, die seinen Lehren Aufmerksamkeit geschenkt haben, haben davon enorm profitiert. Was die disziplinarische Seite betrifft, ist daran zu erinnern, dass er mit großem Eifer eine Reform der Priesterschaft vorangetrieben hat. Eine tiefgreifende Reform der Kurie glaubte er wohl seinem Nachfolger überlassen zu können, da dies eine Aufgabe war, die nicht seinen Stärken entsprach.

Ihr Verlag hat Ihr Buch an einige Kardinäle gesandt; der Erzbischof von New York, Kardinal Dolan, hat eine kurze Empfehlung verfasst. Dieser Vorgang hat eine Kontroverse ausgelöst: Man hat Ihnen vorgeworfen, Sie wollten auf die Wahl des nächsten Papstes Einfluss nehmen. Ist das so?

Diese sogenannte "Kontroverse" - die natürlich erheblich dazu beigetragen hat, das Buch bekannt zu machen - wurde von Leuten aus einem Lager angeheizt, das sich sonst gern "Offenheit" und "Dialog" auf die Fahnen schreibt, aber einen auffälligen Widerwillen an den Tag legt, einen offenen Dialog über die Zukunft des Papsttums zu führen. Kardinal Dolan hat dem Verlag Ignatius Press lediglich dafür gedankt, dem Kardinalskollegium ein Buch zur Verfügung zu stellen, das er freundlicherweise als "wichtige Reflexion über die Kirche" einschätzte. Ignatius Press schickt häufig Freiexemplare seiner Bücher an führende Kirchenleute, und ich bin Kardinal Dolan dankbar, dass er sich so anerkennend darüber geäußert hat, dass der Verlag mit meinem Buch etwas getan hat, was er auch sonst oft tut. Was die Frage der Einflussnahme betrifft, so ist es definitiv meine Absicht, eine Debatte über die gegenwärtige Situation der katholischen Kirche voranzubringen   und darüber, welche Eigenschaften eines zukünftigen Papstes für die Kirche wünschenswert wären. Wenn Leute das als "Politik" wahrnehmen, dann ist das zwar beklagenswert, aber letztlich ist das dann deren Problem und nicht meins.

Gibt es unter den Kardinälen einen Kandidaten, den Sie gern als den nächsten Papst sähen? 

In meinem Buch geht es um einen Fahrplan für die Zukunft. Es geht nicht um potenzielle Kandidaten für das Papstamt. Tatsächlich kenne ich mehrere Männer, von denen ich denke, dass sie ausgezeichnete Päpste abgeben würden, aber ich habe nicht vor, die Diskussion über mein Buch mit einer Diskussion über Personalien zu vermengen. Deshalb habe ich diese Frage in meinem Buch entschieden ausgeklammert. 

Glauben Sie, das nächste Konklave setzt auf Kontinuität oder Kurskorrektur?

Die Dynamik eines zukünftigen Konklaves vorauszusagen, überlasse ich gern denen, die nicht wie ich schon zweimal - 2005 und 2013   die Gelegenheit hatten, die Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens zu erleben. Was ich damals gelernt habe, ist, dass ein Konklave einen einzigartigen Mikrokosmos bildet und dass es töricht wäre, es aus der Außenperspektive interpretieren zu wollen.

Übersetzung aus dem Englischen von Tobias Klein

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