Buchrezension

Erzbischof Dyba: Hirte mit Profil

Franz Weidemanns Hommage an Erzbischof Johannes Dyba erinnert an einen Hirten, der unabhängig von seiner Beliebtsheitskurve der apostolischen Tradition treu blieb.

Erzbischof Dybas
Frühjahrvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz vom 22. bis 25. Februar 1999 in Lingen-Holthausen / Emsland. Johannes Dyba, Erzbischof in Fulda, während des Gottesdienstes am Eröffnungstag. Foto: Wolfgang Radtke

Lange ist das Reizwort „Dyba“ aus den Medien verschwunden und längst sind andere Oberhirten mit weitaus weniger Profil Zielscheibe der Verfolgung seitens der säkularen Öffentlichkeit und ihrer kirchlichen Claqueure.

Mit Blick auf den Synodalen Weg sticht fast jeder Satz hervor

Umso mehr ist es eine mehr als notwendige Erinnerung, die Franz Weidemann, der 2004 mit einer Arbeit über das Leben und das pastorale Wirken Johannes Dybas promoviert wurde, mit seinem kurzgefaßten Lebensbild des unbeugsamen Nachfolgers des heiligen Bonifatius vorlegt. Unter dem Titel „Erzbischof Johannes Dybas geistige Silhouette“ ist ein gut lesbares und benutzerfreundliches Summary entstanden, das neben den kurzgefassten biographischen Notizen und der Schilderung der theologischen und persönlichen Schwerpunkte im Leben des Fuldaer Oberhirten dem verstorbenen und damit von vielen für entsorgt gehaltenen Erzbischof eine Stimme verleiht.

Auf dem Hintergrund der aktuellen theologischen, moralischen und disziplinären Verwerfungen des „Synodalen Weges“ sticht beinahe jeder Satz allen ins Herz, die heute so schmerzlich Gestalten wie Johannes Dyba vermissen, die ihre Stimme nachhaltig und ohne Rücksicht auf persönliche Beliebtheitskurven gegen den Verrat an der Apostolischen Tradition erheben.

Dyba zeigt den Paradigmenwechsel der Kirche

Denn auf dem Hintergrund der aktuellen relativistischen Perspektive, aus der heraus heute Oberhirten ihr Denken und Handeln gestalten, öffnet Weidemanns kristalline Darstellung eines der Existenz einer objektiven Wahrheit verpflichteten Bischofs den Blick für den Kern der gegenwärtigen Krise. Gerade dies macht die Lektüre des Büchleins so wertvoll. Es führt einem wie in einem Brennglas anhand der Person Johannes Dybas den Paradigmenwechsel vor Augen, der der Kirche gegenwärtig zu schaffen macht.

Im Leben und Wirken des kompromisslosen Bekennerbischofs werden automatisch alle aktuellen heiligen Kühe der neuen Reformation in Deutschland geschlachtet: Glaubensverlust als integraler Bestandteil neuer kirchlicher Verkündigung, Adaption bislang moralisch inakzeptabler Lebensformen als neue Heilswege, auf denen die Lebenswirklichkeit die geoffenbarte Moral in ihrem Normierungsanspruch ablöst, Missachtung der Bedeutung und Funktion des Petrusamtes durch Marginalisierung kurialer Anordnungen und die Abwendung von einer objektiven Theologie zugunsten eines akademischen Antropozentrismus.

Sorge um die ihm anvertrauten Seelen

Allen diesen typisch deutschen Versuchungen, die Aufklärung an die Stelle von erkenntnissicherer Offenbarung und Apostolischer Tradition zu rücken, der seit den 1960er Jahren in der universitären Theologie betriebenen Entleerung der Begriffe zugunsten eines relativistischen Gottes- und Menschenbildes wusste Erzbischof Dyba nicht nur für sich persönlich zu widerstehen. Er bekämpfte sie vor allem in Hingabe für die ihm Anvertrauten, aus Sorge für das Heil der Seelen jenseits zeitgeistlicher Beliebtheitsbarometer.

Das den Beginn der Neuzeit markierende „Cogito, ergo sum“ von René Descartes („Ich denke, also bin ich“), das in Form der im 20. Jahrhundert in der Theologie vollzogenen anthropozentrischen Wende das Glaubensleben der Christen bedrängt, wurde bei ihm ein gelebtes „Credo, ergo sum“ („Ich glaube, also bin ich!“). Wobei „glauben“ bei Erzbischof Dyba keine inhaltsunabhängige Befindlichkeit war, sondern ein Ja-Sagen zur geoffenbarten und nicht wandelbaren Wahrheit Jesu Christi bedeutete.

Dybas Wesen wirkt nach

Die gesellschaftlichen und kirchlichen Kampfplätze, an die das Büchlein von Franz Weidemann erinnert, waren damals schon dieselben wie heute: die Heiligkeit des menschlichen Lebens von seinen Anfängen an und seine Bestreitung durch den Ruf nach dem Recht auf Abtreibung, die Heiligkeit der Familie in Bedrängnis durch alternative Lebensformen, die Auseinandersetzung um die Frauenordination und den Zölibat, Streit mit den Jugendverbänden über die Berechtigung „katholisch“ zu heißen ohne es zu sein, die antiapostolische Demokratisierung der Kirche und der Kampf um die Erneuerung der Kirche gegen die Versuche aus ihr eine andere Kirche zu machen.

Franz Weidemann untermauert seine Schilderung der kämpferischen Außenwirkung Erzbischofs Dybas durch den Blick auf sein Innenleben und sein persönliches Streben nach Heiligkeit sowie auf seinen Anspruch, ein würdiger Nachfolger des heiligen Bonifatius zu sein.  Hirtensorge und persönliche Heiligung korrespondierten im Lebenswerk Johannes Dybas. Seine Unbeugsamkeit, Wahrhaftigkeit, Geradlinigkeit und Schlichtheit im menschlichem Umgang, seine Fröhlichkeit und Glaubenstreue, sein missionarischer Eifer ohne gewundene Diplomatie lassen das erfolgreiche Hirtenleben des Erzbischofs zum Paradigma bischöflicher Profilierung auch und gerade in der gegenwärtigen Verwirrung in Kirche und Welt werden. All dies wirkt bis heute noch in vielen Gläubigen und Geistlichen nach.

Lektüre für die heutigen Bischöfe

Die Kleinschrift von Franz Weidemann wünschte man sich daher nicht nur in den Auslagen von Schriftenständen in Fuldaer Kirche, sondern vor allem in die Hand heutiger Bischöfe. Franz Weidemann hat mit „Erzbischof Johannes Dybas geistiger Silhouette“ nicht nur dem Lager der Besiegten einen wehmütigen Blick in die Zeit eines großen Kriegers verschafft, sondern eine allgemeine Erinnerung an das, was die Rezeptur Johannes Dybas für die Zukunft der Kirche war. Er selbst hat es in seiner letzten Predigt kurz vor seinem Tod so formuliert: „Das ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube! Das Bekenntnis dieses Glaubens wollen wir jetzt vom Domplatz in Fulda emporschallen lassen, dass man es hört, im Himmel und auf Erden: Credo! Credo! Credo! Amen.“

Schon ein einziges dieser drei „Credo“ in Treue zu Offenbarung und geheiligter Tradition und gemeinhin ohne Etikettenschwindeleien sichtbar im Lebenszeugnis heutiger Apostelnachfolger könnte der Anfang einer Wurzelbehandlung für die deutsche Kirche sein. Die Lektüre des Büchleins von Franz Weidemann legt es nahe, Erzbischof Dyba diesbezüglich um Fürsprache zu bitten.

Franz Weidemann:
Erzbischof Johannes Dybas geistliche Silhouette,
Christiana-Verlag, 2020, 80 Seiten, ISBN: 978-3717113249, EUR 4,95

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