Ziemetshausen

Erwin Reichart: Der Unentschlossene

Auf Umwegen zum Priestertum: Das Wirken Gottes in meinen jungen Jahren.

Erwin Reichart
Heute ist Erwin Reichart Wallfahrtsdirektor in Maria Vesperbild. Foto: Simon Koy (KNA)

Viele denken heute: Gott mag es schon geben, aber er kümmert sich nicht um uns. Wieder andere denken, dass Gott nur ab und zu und dann meist nur durch spektakuläre Ereignisse und Wunder in diese Welt eingreift. Doch Gott wirkt ständig in dieser Welt und in unserem Leben. Man muss es nur sehen und den Blick dafür immer mehr schulen. Denn Gott handelt in seiner Liebe zu uns in der Regel ganz zurückhaltend und vornehm, um uns nicht zum Glauben zu zwingen. Liebe lebt von der Freiheit! Weil Gottes Wirken meist so dezent ist, erkennt man sein Wirken vielfach erst im längeren Rückblick. Man sieht gewissermaßen einen roten Faden in seinem Leben.

Gebet in großer innerer Not

Wir waren in unserer Familie nicht besonders religiös, aber wir gingen sonntags wenigstens in die Kirche und ich betete das Abendgebet und segnete mich mit Weihwasser. Vor dem Abschluss der Volksschule war ich sehr niedergeschlagen, weil ich nicht wusste, welchen Beruf ich erlernen sollte. Der Berufsberater konnte mir auch nicht helfen. In dieser großen inneren Not fing ich mit 14 Jahren an, mich jeden Abend am Bett hinzuknien und zu beten: „Herr, führ mich auf den richtigen Weg!“ Am ehesten konnte ich mir schließlich Elektriker vorstellen. Doch ich wurde abgelehnt! Gott sei Dank! Denn diese Firma hätte mitten in meiner Lehre zugemacht. Ich entschloss mich, Betriebsschlosser (Industriemechaniker) zu lernen, weil ich zu diesem Betrieb sogar zu Fuß gehen konnte. Für die Erfahrungen, die ich in der Fabrik sammelte, bin ich heute sehr dankbar. Aber ich hatte dort einen sehr harten und groben Vorgesetzten. Heute sage ich: Gott sei Dank, sonst hätte ich nicht nach der Lehre ans Kündigen gedacht! Aber wohin?

Der junge Erwin Reichart
Erwin Reichart, ca. 1974 am Loisach Kanal in Wolfratshausen. Foto: privat

Bei der Berufsschulabschlussmesse in der vollen Lorenzbasilika in Kempten betete kaum einer mit. Ich schon – aber nur ganz verschämt. Danach stand ich noch mit Ungezählten auf dem Vorplatz der Basilika herum und da sprach ausgerechnet mich ein Lehrer an und riet mir, doch auf die Berufsaufbauschule zu gehen, um die mittlere Reife nachzuholen. Auf diese Idee wäre ich selber nie gekommen. Monatelang war ich hin- und hergerissen. Die Firma tat mir plötzlich leid, weil sie dringend Schlosser brauchten. Außerdem hatte ich Zweifel, ob ich das schaffe und was ein weiterer Schulbesuch für einen Sinn haben sollte. Meine Eltern ließen mir einfach die Freiheit und ich war damit allein – mit Gott. Plötzlich hatte ich den Mut zu kündigen. Der Personalchef fiel aus allen Wolken.
Nach dem Abschluss der Berufsaufbauschule stand ich wieder völlig ziellos da. Ein guter Berufsberater riet mir, das Abitur nachzuholen und nannte mir aus einem dicken Buch heraus mehrere Schulen, darunter auch eine kirchliche, die aber für mich nicht in Frage komme. Nach einiger Zeit dachte ich: Warum eigentlich nicht und verlangte doch die Adresse.

"Plötzlich gab mir Gott
die innere Klarheit, Priester zu werden"

Ich konnte mich wieder nicht entschließen. Die Aufnahmeprüfungen aller Schulen verstrichen und es blieb nur das kirchliche Kolleg St. Matthias in Wolfratshausen übrig, weil es dort nur eine Probezeit gab. Weil man ja was machen muss, fing ich dort an. Jeweils sechs Mann beieinander, zwei Waschsäle mit je circa 50 Waschbecken, Heimweh, Latein wie irr pauken, starkes Heimweh…. Dazu kaum spirituelle Begleitung und am Abend vor den Weihnachtsferien Radau mit Blasmusik aus dem „Bierstühle“ bis in den frühen Morgen. Ich wusste: Fasching im Advent geht nicht! Nach den Weihnachtsferien wollte ich da nicht mehr hin, aber an meinen alten Arbeitsplatz wollte ich auch nicht mehr. Die Mutter fürchtete, dass ich sinnlos daheim rumsitze und meinte: Geh nochmal hin! Wenn du was anderes gefunden hast, kannst du immer noch aufhören!

Ich weiß nicht wie: Langsam arrangierte ich mich, fand Freunde fürs Leben und einige wenige gingen sogar ins Priesterseminar. Einen besuchte ich dort, aber dieser Beruf war für mich außer jeder Vorstellung. Doch plötzlich – ein Jahr vor dem Abitur – gab mir Gott auf einmal die innere Klarheit, Priester zu werden. Lange hatte ich Sorge, dass diese schreckliche Unentschiedenheit mit all den Zweifeln wieder zurückkehren könnte. Doch ich habe es nie bereut.
Nie hätte ich geglaubt, dass ich in das „Schwäbische Rom“ (Dillingen) als Kaplan kommen würde. Dort hatte ich in Stadtpfarrer Monsignore Höß einen ungewöhnlich lieben väterlichen und vorbildlichen Chef. In Aichach lernte ich bei einem strengen Chef Ordnung und Disziplin in der Seelsorge.

Die Bedeutung äußerer Zeichen

Als Pfarrer wollte ich ins heimatliche Allgäu. Doch wohin? Als Ebersbach ausgeschrieben war, erbat ich von Gott ein Zeichen. Als Kaplan hatte ich sehr darunter gelitten, dass trotz aller Bemühungen vor allem den Kindern und Jugendlichen eine würdige Steh- und Handkommunion auf Dauer einfach nicht beizubringen ist. Da ich immer mehr merkte, dass die äußeren Zeichen wie die Kommunionbank sehr wichtig sind, sagte ich zur Haushälterin: Wenn in Ebersbach die Kommunionbank noch drin ist, gehen wir hin. Gott setzte noch eins drauf: Es hing sogar noch das Kommuniontuch dran – wenn auch unbenutzt.

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